Ein Helfer des Technischen Hilfswerks untersucht das Wrack des verunglückten Harz-Elbe-Express bei Hordorf in Sachsen-Anhalt © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Ungebremst und mit hoher Geschwindigkeit prallte der Nahverkehrszug des Harz-Elbe-Express (HEX) frontal auf einen entgegenkommenden Güterzug. Kurz vor der Haltestelle in Hordorf nahe Oschersleben hat sich eines der schwersten Zugunglücke in Deutschland seit Jahren ereignet. Gegen 22.30 Uhr am Samstagabend kollidierten die Züge, zehn Menschen starben.

Die Zahl der Verletzten wurde mittlerweile korrigiert. Die Polizei geht inzwischen von 23 Menschen aus, die zu Schaden gekommen sind. Die meisten davon seien schwer verletzt, sagte der Leiter des Polizeireviers Börde, Armin Friedrichs. Möglicherweise seien weitere Menschen im Zug gewesen, die nach dem Unglück geschockt das Weite gesucht hätten. Die Identifizierung der Toten ist schwierig, weil viele Passagiere keine Ausweispapiere dabei hatten. Im Zug hätten sich vermutlich rund 30 Fahrgäste befunden. Kurz zuvor hatte Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann (SPD) gesagt, 18 Menschen seien schwer verletzt, 25 weitere leichter. Zwei Tote seien identifiziert, hieß es weiter. "Wir sind nicht sicher, ob sich die Zahl der Toten noch erhöht."

Der Harz-Elbe-Express wurde von dem Güterzug komplett aus dem Gleisbett auf den angrenzenden Acker geschleudert, sagte Armin Friedrichs, Leiter des Polizeireviers Börde. Die Passagiere vorn im Zug müssen sofort tot gewesen sein. Der leicht verletzte Lokführer des Güterzugs konnte befragt werden, machte aber wegen seines Schockzustandes zunächst keine genauen Angaben. Die meisten Verletzten wurden nach Halberstadt gebracht, andere nach Wernigerode, Magdeburg, Halberstadt und zwei weitere Orte, sagte Friedrichs.

Am Ort des Zusammenstoßes liegen zahlreiche Trümmerteile verstreut. Der Personenzug aus Triebwagen und einem Waggon lag in der Nacht auf der Seite auf dem schneebedeckten Boden. Teile des Zuges wurden zerfetzt. Die Wucht des Aufpralls hatte das Fahrzeug aus den Schienen gerissen. Der Harz-Elbe-Express war planmäßig auf der Fahrt von Magdeburg nach Halberstadt unterwegs, als es gegen halb elf am Samstagabend zu dem Unglück kam. Der Güterzug war für die Salzgitter AG aus Peine mit Kalk an Bord in der Gegenrichtung unterwegs.

Die Bahnstrecke nahe Oschersleben ist eingleisig. Daher sei wahrscheinlich ein Haltesignal überfahren worden, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer am Sonntag am Unglücksort. Normalerweise seien schließlich nicht zwei Züge gleichzeitig auf der Strecke unterwegs. Allerdings seien daraus keine Rückschlüsse auf eine Schuld oder die Unglücksursache zu ziehen, hatte der Innen-Staatssekretär Rüdiger Erben (SPD) bereits zuvor deutlich gemacht. Sie müsse erst noch ermittelt werden.

"Die Untersuchungen laufen – zu den Signalschaltungen und zur Technik der Züge", sagte der Einsatzleiter der Bundespolizei, Ralph Krüger. Die Auswertung werde Stunden bis Tage in Anspruch nehmen. Auch die Fahrtenschreiber der Züge würden analysiert. Es gebe bislang jedoch keine Hinweise, die allein auf menschliches oder technisches Versagen hinwiesen. Die Geschwindigkeit der beiden Züge sei nicht unerheblich gewesen. Auch die Rolle der Witterungsverhältnisse werde untersucht.

Feuerwehr und Einsatzkräfte vor dem rund 100 Meter langen Zug © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Die Unfallstelle liegt im freien Feld, in der Nacht herrschte dort dichter Nebel. Aus diesem Grund war auch in der Nacht eine Rettung der Verletzten mit dem Hubschrauber wegen der schlechten Sicht nicht möglich. Alle verfügbaren Rettungskräfte der Region waren im Einsatz. Ein Sprecher des privaten Bahnunternehmens sagte, unter den Toten seien auch der Lokführer und eine Zugbegleiterin. Der Nahverkehrszug fuhr für den französischen Konzern Veolia, der zahlreiche Regionalstrecken in Deutschland bedient. Es sei das schlimmste Unglück in der langjährigen Geschichte des Bahnbetreibers in Deutschland, sagte Jörg Puchmüller, Pressesprecher der Veolia Verkehr Region Nord-Ost.

"Sie sehen uns alle sprachlos und geschockt", sagte Innenminister Hövelmann. Er lobte alle Helfer wie etwa die Feuerwehr und medizinische Notfalleinheiten. "All das hat in der vergangenen Nacht bei widrigsten Rahmenbedingungen sehr gut und reibungslos funktioniert." Man könne so ein Unglück nicht rückgängig machen, aber man könne alles tun, um die Schäden zu minimieren. Auch Ministerpräsident Böhmer war von dem schweren Unfall schockiert: "Es geht mir unter die Haut." Er dankte den Einsatzkräften für ihren professionellen Einsatz und rief Schaulustige sowie Journalisten zur Zurückhaltung auf.

Der Zusammenstoß gehört zu den folgenschwersten Bahnunfällen in der Geschichte Deutschlands. 2006 waren bei einem Unglück auf einer Teststrecke des Transrapid im Emsland 23 Menschen ums Leben gekommen. Das bislang schwerste Zugunglück ereignete sich 1998 als bei Eschede in Niedersachsen ein ICE entgleiste. 101 Menschen starben.

Für Angehörige der Zugreisenden hat die Polizei in Sachsen-Anhalt eine Hotline unter der Rufnummer 0391/5461412 geschaltet.