Sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt und entwürdigende Erziehungsmaßnahmen – seit vergangenem Jahr ist bekannt, dass es all das auch am Bonner Aloisius-Kolleg gegeben hat, einem privaten Internat des Jesuitenordens.

Eine unabhängige Untersuchungskommission hat am Dienstag ihren Abschlussbericht zu den Vorfällen vorgelegt. Auf 230 Seiten geben drei Gutachterinnen unter der Leitung der Juristin Julia Zinsmeister nicht nur erschreckende Einblicke in die bis in die fünfziger Jahre zurückliegenden Geschehnisse. Sie benennen auch klar die Umstände und Strukturen, die Machtmissbrauch und Gewalt an der Schule über Jahrzehnte möglich gemacht haben.

Laut der Gutachterinnen sind 58 Schülerinnen und Schüler zwischen 1950 und 2008 an dem Internat im Bonner Stadtteil Bad Godesberg Opfer geworden von sexueller Gewalt, Demütigungen sowie von körperlichen Züchtigungen. Vieles davon war zum Zeitpunkt des Geschehens bereits strafbar und zudem keine tolerable Zeitgeisterscheinung, wie in der Debatte bislang schnell mal verharmlosend unterstellt wurde.

Die Betroffenen belasteten 23 Personen, davon 18 Mitglieder des Jesuitenordens und 5 weltliche Mitarbeiter. 31 der 58 Berichte beziehen sich auf den sogenannten Pater Georg, der ab 1968 als Lehrer am Aloisius-Kolleg tätig war, bis 1985 auch die Internatsleitung innehatte und im Anschluss bis 1992 Schuldirektor war. Danach war der Pater bis 2006 als Erzieher für die Mittelstufe weiter am Kolleg tätig und für den Förderunterricht zuständig.

Zwar reichen die Vorwürfe gegen ihn bis zu erzwungenem Oralsex, harten Schlägen und drakonischen Strafen. Fast erschreckender lesen sich jedoch die alltäglichen Verletzungen der Würde und Intimsphären der Kinder. So war es offensichtlich Tagesgeschäft des Paters, die Jungen unter der Dusche zu belästigen und sie zu zwingen, sich zur rektalen Fiebermessung vollständig auszuziehen. Er ließ Jungen nackt Gymnastikübungen vollführen oder mit Hundewelpen posieren, filmte und fotografierte sie dabei und stellte diese Bilder teils auch in der Schule aus.

Das Bild, das ehemalige Schüler, aber auch bis heute tätige Mitarbeiter der Schule von Pater Georg zeichnen, erinnert an Gerold Becker, den früheren Leiter der Odenwaldschule und Hauptbeschuldigten im dortigen Missbrauchsskandal. An der Odenwaldschule hatte Pater Georg als Referendar ein Praktikum gemacht, allerdings vor der Zeit Beckers.

Charismatisch sei Pater Georg gewesen, manipulativ, ein Alleinherrscher. Ehemalige Schüler und Angehörige werfen ihm vor, Noten gefälscht zu haben, um unliebsame Schüler der Schule zu verweisen. Gleichzeitig habe er andere bevorzugt und ihnen so das Gefühl einer Sonderstellung gegeben, um sie hernach manipulieren zu können. Pater Georg, auch das eine Parallele, habe auch bestimmt, welche Schüler mit ihm auf dem Gelände wohnen sollten und sich dabei auch über Mehrheitsbeschlüsse hinweggesetzt. Wie Becker verstarb Pater Georg im Sommer 2010, als der Missbrauchsskandal in Deutschland seinen Höhepunkt hatte. Ihre Taten sind verjährt.