Viele Wege führen zu einer Doktorarbeit. Und genau damit beginnt schon das Problem. Je nachdem, in welchem Fach ein Akademiker in Deutschland promoviert, unterscheiden sich die Anforderungen an die Dissertation, die Art darin neue Erkenntnisse zu beschreiben und die Zeit, die für die Forschungsarbeit vorgesehen ist. 

Geisteswissenschaftler studieren häufig im stillen Kämmerlein über Monate oder Jahre haufenweise Literatur, um dann in einer theoretischen Arbeit eben diese zu zitieren und schließlich einen entscheidenden neuen Gedanken zu formulieren. Naturwissenschaftliche Dissertationen sind dagegen oft recht praxisnah. Unter angehenden Ärzten ist es üblich, etwa ein neues medizinisches Gerät in der Klinik zu testen, die Versuchsergebnisse zu protokollieren und daraus die Doktorarbeit zu stricken. Zwischen beiden Extremen sind sämtliche Varianten denkbar, wie ein Akademiker in Deutschland zu seinem Titel kommt.

Doch die Motive für den Doktor können höchst unterschiedlich sein. Da sind zum einen die Menschen, die sich aus tiefster Seele für ein Thema interessieren. Sei es nun eine Zoologin, deren Leidenschaft der Wanderung von Schmetterlingen gilt, oder ein Romanist, dessen Herz für die französische Literatur des 18. Jahrhunderts schlägt. Solche Menschen suchen die intellektuelle Herausforderung, sich intensiv mit ihrem Thema zu beschäftigen. Unter den Doktoren, die heute die Universitäten als Mittzwanziger mit einem Summa cum laude verlassen, dürften sie in der Minderheit sein.

Viel häufiger werden Doktorarbeiten mittlerweile wohl aus Opportunismus geschrieben. Weil man als Arzt oder Architekt den Titel für die Karriere braucht, weil unter Chemikern oder Pharmazeuten die Dissertation in Fachkreisen inoffiziell schon zur Ausbildung gerechnet wird oder, weil in vielen Unternehmen nur Juristen oder Betriebswirte mit Titel in Führungspositionen befördert werden. Auch in weniger klassischen "Karriereberufen" hilft der Titel: Unter den Archäologen oder Philologen, die sich um eine Forschungsstelle bemühen, haben diejenigen mit Doktor sicherlich bessere Chancen.

Aus welchem Motiv heraus Karl-Theodor zu Guttenberg seine Jura-Arbeit geschrieben hat, wissen wir nicht. Warum er manche der darin enthaltenen Zitate vielleicht nicht korrekt gekennzeichnet hat, auch nicht. Für die Klärung der Schuldfrage, mit der sich gerade der Ombudsmann für Selbstkontrolle an der Universität Bayreuth befasst, ist es auch egal, ob jemand bei seiner Arbeit ein hehres Forschungsziel verfolgt oder einfach einen besseren Job anstrebt: Schummeln ist in keinem Fall erlaubt.

Dennoch könnte der Fall Guttenberg exemplarisch dafür stehen, in welche Richtung sich unsere Leistungsgesellschaft auch in Lehre und Forschung entwickelt. Eine Gesellschaft, die die Hochschulen leistungsfähiger, ihre Absolventen jünger und die Lehre praxisorientierter gestalten will, fördert die Doktorarbeit aus Berechnung. Fehlschläge, länger an der Arbeit sitzen, das Thema wechseln, eine mittelmäßige Note – all das wollen sich junge "Erfolgsmenschen" heute nicht mehr erlauben. Gute Forschung jedoch braucht vor allem Zeit, Raum und auch die Möglichkeit des Scheiterns.