Zehn Tage sind vergangen, seit im Reaktorgebäude 1 am Standort Daiichi von Fukushima eine Wasserstoffexplosion die Unmittelbarkeit der Atomkatastrophe bildlich vor Augen führte. Zehn Tage, und schon scheint sich die andauernde Dramatik der Ereignisse in Fukushima wieder im übrigen Weltgeschehen zu verflüchtigen. Dabei gibt es keine Entwarnung: "Es ist nach meinem Gefühl schwierig, von Fortschritten zu sprechen", sagte der für Fukushima verantwortliche japanische Wirtschafts- und Industrieminister Banri Kaieda am Dienstag über die Lage am Unfallort.

Doch die Konzentration auf das Geschehen lässt schon nach. Allein, dass Kaieda, statt wie bisher Premierminister Naoto Kan, die Krisensituation in Fukushima öffentlich kommentiert, deutet auf einen Kräfteverschleiß innerhalb der japanischen Regierung hin. Kan hat nun auch noch einen Sonderhaushalt für den Wiederaufbau nach dem Erdbeben am Hals und bemüht sich um die Zusammenarbeit mit der Opposition, deren Chef er eingeladen hat, in sein Kabinett einzutreten. Mit anderen Worten: Er hat die politischen Geschäfte wiederaufgenommen. Auch für ihn kreist schon nicht mehr jeder Gedanke um die Atomkatastrophe.

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Die aber setzt sich unerbittlich fort: Am Dienstag gaben erneut zwei Reaktoren in Fukushima Rauch und Dampf von sich. Niemand zweifelt daran, dass erneut radioaktive Teilchen in die Atmosphäre traten. Schon hat die japanische Feuerwehr das defekte Abklingbecken für die atomaren Brennstäbe in Reaktor 4 mit der dreifachen Wassermenge begossen, die das Becken halten kann. Offenbar leckt der Behälter. Bislang aber ist unvorstellbar, wie sich Menschen an die hochradioaktive Unfallstelle wagen können, um das Becken zu reparieren. Fortwährend aber wird die sich freisetzende Radioaktivität weiter steigen. Und neue Messungen können so in den nächsten Tagen eine zunehmende Strahlenbelastung in Lebensmitteln ergeben, kontaminierte Milch oder Spinat werden aus dem Verkehr gezogen werden müssen, Ackerflächen möglicherweise stillgelegt.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt eine ganze Reihe von Regierungsorganisationen, NGO und unabhängigen Experten größere Evakuierungsmaßnahmen. Zu Beginn des Unglücks hatte die japanische Regierung noch schnell reagiert: Erst zog Tokyo eine zehn Kilometer weite Evakuierungszone um die Unfallstelle, dann verdoppelte man das Sperrgebiet rasch auf einen Umkreis von 20 Kilometern. In einen noch weiteren Radius von 30 Kilometern wurden die Bürger aufgefordert, ihre Häuser nicht unnötig zu verlassen. Doch schon seit einer Woche verzichtet die japanische Regierung auf weitere Evakuierungen.

Gleichzeitig rät aber das amerikanische Energieministerium, dass man sich nicht näher als 80 Kilometer von den Atomreaktoren in Fukushima entfernt aufhalten solle. Ähnliche Empfehlungen gibt der mit vielen Experten besetzte atomkritische Tokyoter Thinktank CNIC (Citizens Nuclear Information Center). "Wir sind besonders besorgt um die Menschen im Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometer vom Unfallort. Diese Menschen sollten so schnell wie möglich an einen Ort weit von den Atomkraftwerken entfernt evakuiert werden", fordert der CNIC. Ins gleiche Horn stößt Greenpeace: Die internationale Umweltorganisation verlangt "verbesserte und kohärente Evakuierungsmaßnahmen" in Fukushima. Alarmiert über den unzureichenden Schutz der betroffenen Bevölkerung zeigt sich auch der Pariser Energieexperte Mycle Schneider: "Die Kontaminierung von Lebensmitteln hat in mehr als 100 Kilometer Entfernung zum Unfallort die offiziellen Grenzwerte weit überstiegen, noch bevor Regen die Radioaktivität aus dem Himmel waschen konnte. Schwangere Frauen und kleine Kinder sollten sofort aus einem ständig wachsenden Umkreis evakuiert werden", sagt Schneider.

Doch hört jemand hin? Werden die Warnungen von den Verantwortlichen ernst genommen? Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Naoto Kan und seine Regierung überfordert sind. Kan zeigte in den ersten Tagen der Krise außerordentliche Führungsqualitäten. Aber Japans politisches System duldet selten Alleingänge und wenn, dann nicht für längere Zeit. Die Politiker sind vielmehr gewöhnt, Entscheidungen im Konsens nach langen Beratungen zu treffen. Kans Entscheidung, die Opposition mit an Bord seines Kabinetts zu rufen, deutet inmitten der anhaltenden Krisensituation insofern auf Zeitverzögerungen hin.

Kann es da falsch sein, wenn aus dem Ausland klarer Rat und vielleicht sogar unmissverständliche Kritik kommt? Es ginge dabei nicht um Überheblichkeit und Besserwisserei. Es ginge darum, dass sich westliche Führer ernsthaft in die für alle noch unbekannte Lage Kans versetzten und ihm die besten Empfehlungen ihrer Expertenstäbe zukommen ließen. Natürlich ohne ihn öffentlich bloßzustellen.

Dass dies schon geschieht, ist unwahrscheinlich. US-Präsident Barack Obama tourt trotz Fukushima durch Südamerika. Und in Europa sind die Regierungen derweil vollauf mit Libyen beschäftigt. Dabei bedarf es jetzt auch der Solidarisierung der Weltöffentlichkeit mit den Opfern von Fukushima – je länger sie jetzt allein gelassen werden, desto größer werden die Probleme. Um jegliche übermäßige Belastung der Menschen dort zu vermeiden, ist die Botschaft daher einfach: Die Evakuierungszone um den Ort der Katastrophe gehört ausgeweitet!