Fukushima : Der Westen muss helfen

Die Atomkatastrophe in Japan braucht mehr internationale Aufmerksamkeit. Allein schon, weil die Evakuierungszone ausgeweitet werden muss, kommentiert Georg Blume, Tokyo.

Zehn Tage sind vergangen, seit im Reaktorgebäude 1 am Standort Daiichi von Fukushima eine Wasserstoffexplosion die Unmittelbarkeit der Atomkatastrophe bildlich vor Augen führte. Zehn Tage, und schon scheint sich die andauernde Dramatik der Ereignisse in Fukushima wieder im übrigen Weltgeschehen zu verflüchtigen. Dabei gibt es keine Entwarnung: "Es ist nach meinem Gefühl schwierig, von Fortschritten zu sprechen", sagte der für Fukushima verantwortliche japanische Wirtschafts- und Industrieminister Banri Kaieda am Dienstag über die Lage am Unfallort.

Doch die Konzentration auf das Geschehen lässt schon nach. Allein, dass Kaieda, statt wie bisher Premierminister Naoto Kan, die Krisensituation in Fukushima öffentlich kommentiert, deutet auf einen Kräfteverschleiß innerhalb der japanischen Regierung hin. Kan hat nun auch noch einen Sonderhaushalt für den Wiederaufbau nach dem Erdbeben am Hals und bemüht sich um die Zusammenarbeit mit der Opposition, deren Chef er eingeladen hat, in sein Kabinett einzutreten. Mit anderen Worten: Er hat die politischen Geschäfte wiederaufgenommen. Auch für ihn kreist schon nicht mehr jeder Gedanke um die Atomkatastrophe.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen. © Julika Altmann

Die aber setzt sich unerbittlich fort: Am Dienstag gaben erneut zwei Reaktoren in Fukushima Rauch und Dampf von sich. Niemand zweifelt daran, dass erneut radioaktive Teilchen in die Atmosphäre traten. Schon hat die japanische Feuerwehr das defekte Abklingbecken für die atomaren Brennstäbe in Reaktor 4 mit der dreifachen Wassermenge begossen, die das Becken halten kann. Offenbar leckt der Behälter. Bislang aber ist unvorstellbar, wie sich Menschen an die hochradioaktive Unfallstelle wagen können, um das Becken zu reparieren. Fortwährend aber wird die sich freisetzende Radioaktivität weiter steigen. Und neue Messungen können so in den nächsten Tagen eine zunehmende Strahlenbelastung in Lebensmitteln ergeben, kontaminierte Milch oder Spinat werden aus dem Verkehr gezogen werden müssen, Ackerflächen möglicherweise stillgelegt.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt eine ganze Reihe von Regierungsorganisationen, NGO und unabhängigen Experten größere Evakuierungsmaßnahmen. Zu Beginn des Unglücks hatte die japanische Regierung noch schnell reagiert: Erst zog Tokyo eine zehn Kilometer weite Evakuierungszone um die Unfallstelle, dann verdoppelte man das Sperrgebiet rasch auf einen Umkreis von 20 Kilometern. In einen noch weiteren Radius von 30 Kilometern wurden die Bürger aufgefordert, ihre Häuser nicht unnötig zu verlassen. Doch schon seit einer Woche verzichtet die japanische Regierung auf weitere Evakuierungen.

Gleichzeitig rät aber das amerikanische Energieministerium, dass man sich nicht näher als 80 Kilometer von den Atomreaktoren in Fukushima entfernt aufhalten solle. Ähnliche Empfehlungen gibt der mit vielen Experten besetzte atomkritische Tokyoter Thinktank CNIC (Citizens Nuclear Information Center). "Wir sind besonders besorgt um die Menschen im Umkreis zwischen 20 und 30 Kilometer vom Unfallort. Diese Menschen sollten so schnell wie möglich an einen Ort weit von den Atomkraftwerken entfernt evakuiert werden", fordert der CNIC. Ins gleiche Horn stößt Greenpeace: Die internationale Umweltorganisation verlangt "verbesserte und kohärente Evakuierungsmaßnahmen" in Fukushima. Alarmiert über den unzureichenden Schutz der betroffenen Bevölkerung zeigt sich auch der Pariser Energieexperte Mycle Schneider: "Die Kontaminierung von Lebensmitteln hat in mehr als 100 Kilometer Entfernung zum Unfallort die offiziellen Grenzwerte weit überstiegen, noch bevor Regen die Radioaktivität aus dem Himmel waschen konnte. Schwangere Frauen und kleine Kinder sollten sofort aus einem ständig wachsenden Umkreis evakuiert werden", sagt Schneider.

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus? © Asahi Shimbun/Reuters

Doch hört jemand hin? Werden die Warnungen von den Verantwortlichen ernst genommen? Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Naoto Kan und seine Regierung überfordert sind. Kan zeigte in den ersten Tagen der Krise außerordentliche Führungsqualitäten. Aber Japans politisches System duldet selten Alleingänge und wenn, dann nicht für längere Zeit. Die Politiker sind vielmehr gewöhnt, Entscheidungen im Konsens nach langen Beratungen zu treffen. Kans Entscheidung, die Opposition mit an Bord seines Kabinetts zu rufen, deutet inmitten der anhaltenden Krisensituation insofern auf Zeitverzögerungen hin.

Kann es da falsch sein, wenn aus dem Ausland klarer Rat und vielleicht sogar unmissverständliche Kritik kommt? Es ginge dabei nicht um Überheblichkeit und Besserwisserei. Es ginge darum, dass sich westliche Führer ernsthaft in die für alle noch unbekannte Lage Kans versetzten und ihm die besten Empfehlungen ihrer Expertenstäbe zukommen ließen. Natürlich ohne ihn öffentlich bloßzustellen.

Dass dies schon geschieht, ist unwahrscheinlich. US-Präsident Barack Obama tourt trotz Fukushima durch Südamerika. Und in Europa sind die Regierungen derweil vollauf mit Libyen beschäftigt. Dabei bedarf es jetzt auch der Solidarisierung der Weltöffentlichkeit mit den Opfern von Fukushima – je länger sie jetzt allein gelassen werden, desto größer werden die Probleme. Um jegliche übermäßige Belastung der Menschen dort zu vermeiden, ist die Botschaft daher einfach: Die Evakuierungszone um den Ort der Katastrophe gehört ausgeweitet!

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

vielleicht besser nicht hinhören?

Als Japaner würde ich im Moment besser auf meine eigene Urteilskraft setzten. Die total überhitze Diskussion bei uns, das inflationäre Auftreten von immer neuen "Experten" kann nicht wirklich hilfreich sein.

Ach und nicht vergessen: es gibt noch dringendere Probleme in Japan als evtl. verstrahlter Spinat...

10000 Jahre

wissen sie was Menschen in 1000 oder 10000 Jahre als Problem ansehen? Ich weiss es nicht, daher finde ich die Angabe von radioaktiven Verfallszeiten als nicht besonders aussagekräftiges Argument. Es gibt genug Gründe pro und contra Atomkraft die sich auf die Gegenwahrt oder zumindest die nahe Zukunft beziehen.

Anders ausgedrückt: wenn wir unseren Politikern nichtmal weitsicht über die nächste Legistaturperiode zutrauen sind alle Argumente für Langzeitfolgen sehr akademisch.

Ja, es gibt dringendere Probleme.

In den 60er Jahren wurden absichtlich und immer wieder "Super GAUs" ausgelöst. Die Verstrahlung bei uns war das x-fache von Tschernobyl und über mehrere Jahre. Da ist kein 10000-jähriges Problem, wer Radioaktivität versteht, weiß das.
Die verwüsteten Landstriche, zerstörte Infrastruktur und noch viele tausend Verschütteten sind dringender. Ausgelöst übrigens durch eine Naturkatastrophe einer Stärke von etlichen tausend Atombomben. Die Natur sollte man nicht unterschätzen. Es heißt, dass sich Japan dadurch um ein paar Meter nach Osten verschoben hat. Das Erdbeben und die Welle war ganz schön "Gesundheitsschädlich"

Willy Brandt und Helmut Schmidt

würde ich über Jahrzehnten trauen; leider haben die heutigen Politiker bis auf wenige Ausnahmen nicht mal halb so viel Standfestigkeit. Das Problem ist nicht, daß ich den Politikern nicht traue; das Problem ist, daß die Politiker selbst sich winden, schwanken, umfallen und mehr an ihrer Karriere interessiert sind als am Einwirken auf die Gesellschaft. Schönwetterpolitiker - kaum braucht man nen Schirm, steht man im Regen. Eine Weitsicht über die nächste Legislaturperiode hinaus traue ich den wenigsten zu. Insofern wird das Volk (jaja, der gemeine Pöbel ;-)) auf einem langfristigen Denken bestehen müssen.
Das fordern jedenfalls die Atomkraftgegner - seit 30 Jahren.

Lieschen Müller und Heinz Maier

sind die Atomkraft seit Jahrzehnten herzlich schnurz. Hauptsache, man hat morgens Strom, den Heißwasserboiler zu betreiben, mittags den Mikrowellenherd und abends die Glotze.

Ob der Saft für die zivilisatorischen Bequem- und Selbstverständlichkeiten aus atmosphärevergiftenden Kohle- oder Hochrisikokraftwerken mit Brennstäben kam, hat doch bisher zwischen Hamburg und München kein Schwein interessiert.

Politiker-Bashing ist natürlich wohlfeil. Aber ich? Was hat Umweltverschmutzung denn mit mir zu tun? Was kann ich denn dafür? Die Umweltsünder, das sind die anderen ....

Man kann es auch anders sagen, r.schwewietzek:

"Das Problem ist nicht, daß ich den Bürgern nicht traue; das Problem ist, daß die Bürger selbst sich winden, schwanken, umfallen und mehr an ihrem Eigennutz interessiert sind als am Einwirken auf die Gesellschaft. Schönwetterbürger - kaum braucht man nen Schirm, steht man im Regen."

Meine Reaktion auf die Headline

... noch bevor ich den Artikel lese ( was ich tun werde ).
Leute, ihr geht doch mit den Themen um wie die Billboardcharts. Japan dropped from Hitcharts Nr. 1 to Nr. 2 and some days off the mainpage ....
Ich halte mein Japansymbol ja auch aufrecht ( im Austausch zu Haiti leider ) und poste nicht gleich die Flagge der Libyen-Revolution, obwohl ich mich ganz intensiv damit beschaeftige.
Japan war und ist akut ! Und sollte taeglich im Zentrum unser aller Lebens stehen.