Tepco-Vizepräsident Norio Tsuzumi (Mitte) bittet in einem Notquartier die Bewohner der Region am Kraftwerk Fukushima um Verzeihung © GO TAKAYAMA/AFP/Getty Images

Drei Arbeiter des Atomkraftwerks Fukushima sind so stark verstrahlt, dass sie akute Symptome der Strahlenkrankheit haben. Geschehen ist das nicht, weil sie sich wissentlich hoher Radioaktivität ausgesetzt haben. Verstrahlt wurden sie, weil ihr Arbeitgeber, die Tokyo Electric Power Company (Tepco), vergessen hatte, sie davor zu warnen, einen bestimmten Bereich zu betreten.

Tepco entschuldigte sich dafür mit den Worten, man bedauere diesen "Mangel an Kommunikation".

Je länger die Katastrophe dauert, desto stärker zeigt sich, dass es sich bei diesem Mangel an Kommunikation um einen systemischen Mangel handelt. Es gibt bei Tepco keine Kultur einer offenen und umfassenden Kommunikation, auch die japanische Regierung scheint sich schwer damit zu tun, das Problem zu beheben.

Die drei Arbeiter hatten ein Stromkabel zum Reaktor 3 verlegt und waren dazu im Keller eines Turbinengebäudes eine Dreiviertelstunde lang durch hochradioaktives Wasser gewatet. Dass das in dem Gebäude stehende Wasser wohl kontaminiert war, wusste Tepco schon seit Tagen. Die Arbeiter erfuhren es erst, als sie Strahlenverbrennungen an ihren Füßen bemerkten. Tepco versuchte anschließend, ihnen eine Mitschuld zu geben : Sie hätten Messgeräte dabei gehabt, deren Angaben aber ignoriert. Doch scheint vor allem der Konzern das Problem zu sein – beziehungsweise seine Krisenkommunikation.

Hirota Koyama, der stellvertretende Chef der Tepco-Niederlassung in Fukushima, wird in der Tageszeitung Yomiuri mit den Worten zitiert: "Wäre ein System zur Verbreitung von Informationen (über Strahlungsrisiken) in Kraft gewesen, hätte dieser Unfall im Reaktor 3 wahrscheinlich vermieden werden können."

Ein solches System, das Informationen über verstrahlte Bereiche an alle Arbeiter verteilt, existierte also in Fukushima offensichtlich nicht. Und das 13 Tage nach Beginn der Probleme in dem Atomkraftwerk.

Vier der sechs Reaktoren der Atomanlage Fukushima-1 (Daiichi) an der Ostküste Japans. Die Gebäude der Blöcke 1, 3 und 4 sind nach Wasserstoffexplosionen schwer, der des Reaktors 2 leicht beschädigt. Die Sicherheitsbehälter (Containments) von Block 2 und vermutlich auch 3 sind beschädigt. Sie bestehen aus Beton und Stahl und sollen die Druckbehälter mit den radioaktiven Kernbrennstäben von der Umwelt abschirmen. Experten gehen davon aus, dass in allen vier abgebildeten Blöcken eine partielle Kernschmelze bereist stattfinden könnte. In allen Reaktoren (1-6) lagern in Abklingbecken verbrauchte Brennstäbe, die gekühlt werden müssen, um die Freisetzung von Radioaktivität zu verhindern. In den Blöcken 3 und 4 gibt es wohl Lecks in den Pools, deren Wasserstände gering sind. Die Reaktoren 4 bis 6 waren vor dem Beben abgeschaltet und enthalten im Kern des Druckbehälters keine Brennelemente mehr. Nur die die Blöcke 5 und 6 gelten momentan als stabil

Es war dort nicht der einzige "Mangel an Kommunikation". Am Tag zwei nach dem Tsunami gibt es in Fukushima die erste Explosion. Der Konzern braucht nach Angaben japanischer Medien mehr als eine Stunde, um Premierminister Naoto Kan über die Tatsache zu informieren, dass eines der Reaktorgebäude explodiert ist. Als Kan von der trägen Informationspolitik erfährt, soll er gefragt haben: "Was zur Hölle geht dort vor?"

In den folgenden Tagen beschweren sich diverse japanische Medien über die langsamen, ungenauen oder ganz ausbleibenden Informationen des Energiekonzerns. Dabei sind Japans Journalisten nicht für Konfrontation bekannt. Direkte Nachfragen gelten ebenso als unhöflich wie kurze, konkrete Antworten. Die Redaktionen sind geübt darin, in blumigen Statements zwischen den Zeilen zu lesen. Schnell Fakten anzufordern ist nicht ihr Stil.

Nun aber beklagen sich die Journalisten offen. Jede Behörde halte ihre eigene Pressekonferenz ab, die Angaben seien lückenhaft und oft nicht übereinstimmend, offensichtlich hätten die Behörden Mühe, notwendige Informationen auszutauschen und zu übermitteln, schreibt beispielsweise die Tageszeitung Mainichi Shimbun am 15. März . Nicht nur bei den Angaben zum Atomkraftwerk gebe es Chaos, sondern auch bei denen zu Stromausfällen und Stromsperren, die noch viel mehr Menschen beträfen.