JapanHohe Radioaktivitätswerte außerhalb der Evakuierungszone

Rund 60 Kilometer vom AKW Fukushima-1 entfernt ist eine Strahlung von 5,7 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden – fünfzig Mal so viel wie der empfohlene Jahresgrenzwert. von dpa

Die Strahlungswerte in Fukushima sind nach Informationen der Internationalen Atomenergieorganisation IAEA auch außerhalb der Evakuierungszone hoch. Nach Messwerten von Sonntag, auf die sich die IAEA beruft, lagen die Werte außerhalb der 20-Kilometer-Zone teils erheblich über der natürlichen Strahlung. "Da muss man sich etwas überlegen", sagte ein hochrangiger IAEA-Beamter der Nachrichtenagentur dpa auf die Frage, ob eine Erweiterung der Zone notwendig sei. Dies hatte auch die US-Regierung empfohlen und ihren Bürgern geraten, das Gebiet im Umkreis von 80 Kilometern zu verlassen.

58 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt wurde eine Strahlung von 5,7 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Der von der IAEA empfohlene Strahlengrenzwert für Erwachsene liegt bei 1 Millisievert (1000 Mikrosievert) pro Jahr. Demnach könnten sich die Menschen, die 58 Kilometer von den Reaktoren entfernt leben, rund sieben Tage dort aufhalten, ohne langfristig gesundheitliche Schäden zu riskieren. Dabei muss die Strahlenbelastung allerdings konstant erhöht bleiben. Die ist derzeit nicht der Fall. Die Werte schwanken zum Teil dramatisch.

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Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus?

Super-GAU oder begrenzter Unfall? Wie sehen das schlimmste und das beste Szenario für die Zukunft aus?  |  © Asahi Shimbun/Reuters

In den Gebieten rund um die Krisenregion im Nordosten Japans steigt zudem die Strahlenbelastung im Essen und im Trinkwasser – auch das Meerwasser ist radioaktiv kontaminiert. In der Nähe des Kraftwerks sei im Wasser ein deutlich erhöhter Wert an radioaktivem Jod und an Cäsium gemessen worden, meldete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Die Auswirkungen der Strahlenbelastung auf die Fischerei seien aber noch nicht abzusehen, erklärte AKW-Betreiber Tepco. Die radioaktiven Substanzen könnten mit Regen oder durch die Abkühlaktion der Meiler ins Meer gespült worden sein. Dort verteilen sie sich zudem rasch. Radioaktives Jod etwa ist nach acht Tagen bereits zur Hälfte zerfallen.

Für vier Präfekturen verhängte die Regierung in Tokyo am Montag ein Auslieferverbot für Milch und mehrere Gemüsesorten. Tepco-Vizepräsident Sakae Muto habe angedeutet, dass die Firma Entschädigung für die ausgefallenen Lieferungen zahlen würde, berichtet Kyodo. Ein komplettes Dorf in der Fukushima-Region darf kein Leitungswasser mehr trinken. Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist über die Belastung von Lebensmitteln "stark besorgt", wie ein Sprecher in Genf sagte.

"Die Mengen des radioaktiven Materials in der Luft und im Trinkwasser sind noch in Bereichen, die keine Auswirkung auf die Gesundheit haben", sagt ein Sprecher des japanischen Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie. "Die Auswirkungen auf die Ernte müssen vom Gesundheitsministerium untersucht werden."

Derweil hat das Gesundheitsministerium bereits empfohlen, Babys kein Trinkwasser zu geben, in dem 100 Bequerel radioaktives Jod pro Kiloliter nachgewiesen worden seien. "Babys können sehr leicht radioaktives Jod in ihren Schilddrüsen einlagern", sagte ein Sprecher des Ministeriums. Das Limit für Erwachsene liegt bei 300 Bequerel  pro Kiloliter Wasser. Radioaktive Isotope sind deutlich gefährlicher für die Gesundheit, wenn sie in den Körper aufgenommen werden. Eine äußere Strahlenbelastung lässt sich zum Teil sehr leicht reduzieren, etwa durch Waschen und Ablegen der kontaminierten Kleidung.

In Fukushima beschossen am Montag erneut Wasserwerfer Abklingbecken der Reaktoren 3 und 4 über Stunden mit Meerwasser, um die heißen Brennstäbe zu kühlen. Über dem Abklingbecken von Block 3 wurde am Nachmittag grauer Rauch gesichtet, der sich dann wieder verzog. Später war auch über Block 2 Dampf zu sehen. Die Ursachen waren in beiden Fällen unklar, wie ein Sprecher der Atomaufsichtsbehörde Nisa laut Kyodo sagte. Die Radioaktivität sei nicht "dramatisch" gestiegen.

Leserkommentare
  1. NHK meldet (http://www3.nhk.or.jp/daily/english/21_22.html),
    dass 5 radioaktive Substanzen ausgetreten sind. Jod 131 wird genannt, die anderen verschwiegen:
    "The density of the other substances was also higher than usual, but within safety standards."

    Ist Plutonium auch dabei?

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    Jod, Cäsium, Strontium sind leicht flüchtig - Edelgase wie Krypton sowieso - und verdampfen zum Teil schon bei Raumtemperatur, sind also in den radioaktiven Abluftfahnen außerhalb des Kraftwerks leichter nachweisbar. Schwermetalle wie Uran und Plutonium sind dagegen schwer flüchtig, kommen deshalb nur bei sehr hohen Temepraturen aus dem Reaktor. Im übrigen sind alpha-Strahler wie Plutonium nur mit hohem Aufwand meßbar.

  2. Nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder Uranmunition in Kriegen verwendet wurde, herrscht gesundheitsgefährdende Radioaktivität europaweit und bedroht unser aller Wohlergehen.

    Die Katastrophe in Japan ruft zum Glück ins Gedächtnis, wie gefährlich Kernspaltung ist. Aber nicht nur in AKWs, sondern vor allem bei Kriegsfürhung und Atombombentests.

    [...]

    Desweiteren wird man auch aus den Erdbeben nichts lernen. Im Gegenteil plant man ja den Neubau vieler AKWs in erdbebengefährdeten Zonen.

    Bei den Ereignissen in Japan schockiert zu sein, ist daher etwas überfällig, denn die Situation haben wir schon längst.

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    • clbeba
    • 22. März 2011 3:19 Uhr

    Das hat mit Radioaktivtät nicht so viel zu tun.
    Bei DU-Munition kommt das Gesundheitsrisko daher, daß Uran fein zerstäubt wird und Uran - auch stabile Isotope - und seine Verbindungen toxisch und mutagen sind.

    Das allein reicht schon um von einer Verwendung solcher Munition abzusehen.

  3. ""Die Mengen des radioaktiven Materials in der Luft und im Trinkwasser sind noch in Bereichen, die keine Auswirkung auf die Gesundheit haben", sagt ein Sprecher des japanischen Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie. "" Was sonst?

  4. Trotzdem ist 5,7 µSv/h erstmal kein wirklich lebensbedrohlicher Wert. Raucht man am Tag 20 Zigaretten, so nimmt man täglich 267 µSv auf.
    Es hängt jetzt davon ab wie schnell die Radioaktivität wieder abklingt. Sinkt die Menge nicht auf 1/5 sollte die Bevölkerung vielleicht umgesiedelt werden.
    Trotzdem ist das alles sehr sehr weit weg von Tschernobyl. Also erstmal abwarten und keine Panik.

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    "Raucht man am Tag 20 Zigaretten, so nimmt man täglich 267 µSv auf."

    Das hieße ja, daß man nach 80 Zigaretten den empfohlenen Jahreswert für radioaktive Strahlung (siehe Text, 1MilliSievert/Jahr) erreicht hätte? Sind Sie sicher...?

    Hier ist eine Seite im Internet, in der auf eine Quelle bezüglich Strahlung verwiesen wird.

    http://www.strahlentherapie.uni-bonn.de/strahlen_info.htm

    Meiner Meinung nach zeigt diese Zusammenfassung sehr schön, wie willkürlich und vor allem konservativ Grenzwerte gewählt werden. Ich denke das ist gut so, schließlich habe ich keine Lust mich radioaktiver Strahlung auszusetzen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass es Regionen auf der Welt gibt, in denen die natürliche Strahlung (Summe aus natürliche und künstliche Quellen) auch mal den empfohlenen Grenzwert um das 87-fache überschreitet (brasilianische Atlantikküste).

    Oder meinten Sie eigentlich, dass Zigarettenrauchen ähnlich gesundheitsschädigend ist?

    So oder so, Rauchen muss kein Mensch - die Schäden eines Nuklearunfalls tragen aber eher diejenigen, die nicht vorher davon profitiert haben.

    Das Orginalzitat war: "Jährliche mittlere Belastung bei 20 Zigaretten täglich circa 0,287 mSv durch 210Po und 210Pb"
    http://de.wikipedia.org/wiki/Tabakrauch
    Das war leider ein bisschen missverständlich, aber beim lesen der zitierten Quelle wurde klar, dass ein Raucher der 20 Zigaretten am Tag raucht 0,287 mSv/a zusätzlich aufnimmt (wenn der Tabak aus Griechenland kommt...).
    Zusätzlich: Es gibt keinerlei Grenzwert von 1mSv/a. Die natürlich Strahlung in Deutschland ist im Mittel 2,4 mSv/a und dann kommt noch die künstliche 2,0mSv/a (davon 1,9mSv/a Medizin) hinzu.
    Der zu unterschreitende Wert ist 10mSv/a.
    Zum Vergleich Überschrift: 5,7µSv/h *24h *365 = 49,9mSv/a und damit um das 5-fache erhöht.
    Die Überschrift ist damit vollkommen korrekt!

    Die grossen Gefahren der Radioaktivitaet sind nicht nur die akute Strahlenkrankeit fuer die nahe Umgebung sondern besonders die Spaetfolgen durch Haeufung von Krebserkrankungen und Missbildungen Neugeborener.

    Das New England Journal of Medicine, die weltweit fuehrende medizinische Zeitschrift hat dazu einen interessanten Artikel veroeffentlicht, der sehr deutlich ausspricht, dass NuklearArbeiter eine signifikant ERHOEHTE Krebsrate haben (Studie mit 400.000 Teilnehmern), Strahlenbelastung innerhalb des 'zulaessigen Rahmens' von durchscnhittlich 20mS/Jahr (also nur die 20fache Ueberschreitung, nicht die 50fache wie hier).
    http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMra072149

    Was den Vergleich mit CTs angeht gibt es in der Medizin eine starke Entwicklung weg von der Strahlenbelastung der CTs, besonders fuer Kinder schon lange etabliert, wegen zu hoher Krebsrate in den Jahrzehnten danach (s. Artikel).

  5. habe ich auf eine offizielle Seite der Prefektur Fukushima verwiesen, die einen Meßwert von 11,5 Mikro Sievert in einer Entfernung von 40 km belegt.

  6. Das die Radioaktivität nicht nur um das AKW messbar ist, dürfte wohl hoffentlich jedem gleich nach der Meldung über die Explosion klar geworden sein.
    Und die Idee mit Meerwasser zu kühlen, führte zu einer Ansammlung radioaktiver Wassermengen im Meer. Diese Wasser kommt jetzt auch in die Meereströmungen, hier eine kurze Übersicht
    http://de.wikipedia.org/wiki/Meeresstr%C3%B6mung
    und somit verteilt sich die japanische Radioaktivität neben dem Mittragen per Luftströme nach Amerika usw über weite Erdteile.
    Auch das Lebensmittel versucht werden, war jedem bewusst, der etwas über Radioaktivität weiß. Dazu reicht schon wikipedia oder ein was ist was-buch.

    ist es möglich, dass die "zeit" evtl. die Radioaktivität in Lebensmittel und in Meereströmungen/Lufströmungen in einem Zeit-Artikel mal genauer (exakt) erklärt, darstellt, Folgen aufzeigt usw ?
    Also einen kleinen Infobeitrag dazu veröffentlich.
    Danke für ein Antwort.
    mfg
    neulingle

  7. Wie kommt die Radioaktivität ins Trinkwasser? Ist da doch schon eine Kernschmelze vollzogen und der Mist ist in den Boden gesickert ?

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    Es hat geschneit in den letzten Tagen, und aktuell scheint es zu regnen. Niederschlag wäscht die radioaktiven Stoffe aus der Luft aus, diese versickern dann mit dem Niederschlag im Boden. Voila: Sie sollten bitte für immer umziehen.

    Achso, die Befürworter werden übrigens sagen, die Werte wären ja noch unter dem Grenzwert. Man braucht deshalb sicher keine Angst haben, auch nicht vor missgebildeten Kindern, erhöhter Krebsrate usw., nicht wahr.

    Mann, Mann. Die betroffenen Anwohner tun mir nur leid. Und noch ist es in Deutschland noch nicht zu spät, so was bei uns zu verhindern.

    Das Kühlsystem mit Meerwasser ist ein Kreislauf. Wasser rein und Wasser raus. Ebenso sind die tausenden Liter Wasser, die die Feuerwehrautos sprüht auch irgendwo hin. Eben nach unten in den Boden.

    Die Radioaktivität kommt in den Boden und ins Meer.

    Es gibt keine Kernschmelze, die in den Boden versickert. Die Kühlstäbe sind 5m lang und stehen senkrecht und schmelzen von oben nach unten, wenn diese nicht gekühlt werden. Diese sind mit Uran bestückt und haben eine Zyrkoniumhülle. Dieses Material reagiert mit dem Wasser, wenn sie an der Luft sind (nicht vollkommen im Wasser). Dann werden diesen heiß und das Wasser wird ab etwa 800 Grad mit dem Zyrkonium reagieren. Das Zyrkonium oxidiert (bekommt das O aus dem Wasser.) Der Rest des Wassers wird zu Wasserstoff -> Dieses Gas explodierte ja und Riss die Dächer runter der Reaktoren.
    Jedes Mal als Wasserstoff erzeugt wurde und es knallte (leicht entzündliches Knallgas) war es ein Beweis, dass im Kern mind. 800 Grad waren und eine teilweise Kernschmelze statt gefunden hat.

    Teilweise deswegen, weil nicht alles Wasser weg war und der Prozess eben langsam statt findet. Die haben Druck abgelassen und Wasser nachgefüllt. Das tun die dauernd. Explosionen werden vermieden, durch Durckablassen entweicht aber Radioaktivität, logischerweise.

  8. Ich studiere Jura, nicht Physik. Kann mir ein Kundiger erklären, ob mit den 5,x Mikrosievert / h der absolute empfohlene Jahreswert x5 gemeint ist sprich, wenn diese Dosis ein Jahr anhielte, wäre der 5fache Wert erreicht, oder ist bereits jetzt dieser 5fache Wert erreicht - pro Stunde quasi?

    Hoffentlich ist das verständlich...

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    siehe Artikel:
    5,7 Mikrosievert pro Stunde gemessen
    Strahlengrenzwert für Erwachsene 1 Millisievert (1000 Mikrosievert) pro Jahr
    d.h. nach ca. sieben Tagen Exposition (168h*5,7mikroS/1h=0,96milliSievert) sollte man tunlichst keine weitere Strahlung für den Rest des Jahres abbekommen, dann ist man noch unter dem empfohlenen Grenzwert.

    "[...] wenn diese Dosis ein Jahr anhielte, wäre der 5fache Wert erreicht"
    So ist es schon richtig. Nur sind 5,7 Mikrosievert pro Stunde *24 Stunden * 365 Tage = 50mS pro Jahr. Das wäre dann 50mal mehr als 1mS pro Jahr, wenn ich mich nicht irre

    "... 5,7 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden – fünf Mal so viel wie der empfohlene Jahresgrenzwert."

    Da ist ein Rechenfehler drin, der Wert ist nicht fünf, sondern fünfzig mal so hoch wie der empfohlene Jahresgrenzwert, was auch zur der Aussage passt, man könne sich eine Woche lang (ca. 1/50 Jahr) dort ohne Risiko größerer Schäden aufhalten.

    5,7 x 24 x 365 = 49.932 Mikrosievert = rund 50 Millisievert. Jahresgrenzwert ist 1 Millisievert, d.h. das 50-fache.

    Zur Frage: Das 50-fache des Jahresgrenzwertes ist folglich nicht nach einer Stunde erreicht, sondern wäre nach einem Jahr erreicht, wenn die Strahlung unverändert anhielte.

    Die Strahlendosis 60km von den Kraftwerken entfernt ist 50fach erhoeht ueber den Grenzwert.

    1 mili Sievert/Jahr = 1000 mikro Sievert/Jahr
    :365 = 2.7 mikro Sievert/Tag
    :24 = 0.1 mikro Sievert/Stunde
    x50 = 5.5 mikro Sievert/Stunde wie gemessen

    Es darf erinnert werden, dass jede noch so geringe Radioaktivitaet die Faehigkeit hat unser Erbgut zu veraendern und Grenzwerte nur die Unwahrscheinlichkeit angeben, dass der Koerper Schaden nimmt.
    Die meisten Schaeden werden ja vom Koerper gut repariert - aber wenn's zu viele werden, oder zuviel Radioaktivitaet oder ueber zu lange Zeit, dann gibt's eben doch Krebs oder Missbildungen.

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