Wie viel Dampf steigt wirklich über Fukushima in den Himmel? Wie radioaktiv ist er? Wie verzweifelt ist die Lage der Rettungsmannschaften in den havarierten Atommeilern ? Die Antworten auf diese Fragen erhält die Welt in diesen Tagen zuerst von den japanischen Medien. Doch ist auf sie Verlass? Geben sie ein objektives Bild der Atomkrise?

Ihrer Vorreiterrolle bei der Nachrichtenbeschaffung gemäß liefern der staatliche Fernsehsender NHK und die unabhängige japanische Nachrichtenagentur Kyodo, beides große Apparate, auch über Fukushima die meisten Informationen. "Mit den Informationen von NHK und Kyodo kann man arbeiten. Sie sind sorgfältig recherchiert und auch auf ihren englischen Websites relativ ausführlich übersetzt. Doch analysieren muss man selber", beobachtet der Pariser Energieexperte Mycle Schneider.

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NHK und Kyodo berichten oft ausschließlich im Nachrichtenstil. Sie nennen ständig neue radioaktive Messwerte , vergleichen sie mit den vorgeschriebenen Grenzwerten – eine Wertung aber behalten sie sich vor. Dafür werden dann im japanischen Fernsehen vermeintliche Experten befragt, meist Universitätsprofessoren, die es offenbar gelernt haben, vor der Kamera jede klare Antwort zu vermeiden. Vor allem im weiteren Umkreis von Fukushima bis hin nach Tokyo reagieren viele Bürger darauf erzürnt: "Wenn die Regierung nicht alles sagt, was sie weiß, mag sie ihre Gründe haben. Aber die Medien sind der Öffentlichkeit verpflichtet", sagt der Tokyoter Modehaus-Inhaber Yoshiaki Enomoto.

Ihn stört, dass seit dem Unfall in Fukushima bei NHK, aber auch bei der Lektüre der vier großen japanischen Tageszeitungen, zu spüren sei, dass die Journalisten mit jeder eigenen Einschätzung der Lage zurückhalten. "Man hat das Gefühl: Alle fürchten die große Panik. Deshalb sagt keiner die Wahrheit", findet Enomoto.

Die Grenzen der japanischen Medienfreiheit bezüglich Fukushima zeigten sich schon am vergangenen Freitag. Da erschien das Wochenmagazin Aera vom Verlag der führenden Tageszeitung Asahi mit dem Titel: "Radioaktivität kommt." Eine Aussage, die aus Sicht der Tokyoter Bevölkerung zweifellos nicht falsch war. Tatsächlich muss sie sich heute mit der Gefahr der radioaktiven Trinkwasserverseuchung auseinandersetzen. Trotzdem aber war der Aera -Titel für das Selbstverständnis der japanischen Medien zu viel Panikmache. Es gab Kritik von allen Seiten. Am Ende mussten sich die Aera -Macher öffentlich entschuldigen.

Die japanischen Medien spiegeln insofern die bleierne Ruhe, die sich im Zuge der Atomkrise über Tokyo gelegt hat. Noch immer gibt es keinerlei Anzeichen öffentlicher Unruhe. Jeden Tag seit Beginn der Krise demonstriert nur ein kleines Häuflein von Atomkraftgegnern vor dem Sitz der Betreibergesellschaft Tepco in Tokyo. Doch fehlt es entsprechend an öffentlichem Ausdruck der Sorgen, die sich inzwischen alle Tokyoter machen. Schon greifen viele der besser Informierten auf ausländische Medien und Websites zurück. Besondere Aufmerksamkeit finden in Tokyo die Grafiken von Spiegel Online und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien, die genau die Ausbreitung der radioaktiven Wolke von Fukushima nachzeichnen.

Die österreichischen Spezialisten schätzen den Ausstoß an Radioaktivität in Fukushima verglichen mit Tschernobyl auf 10 bis 20 Prozent für Jod-131 und 20 bis 60 Prozent für Cäsium 137. Ähnliche Schätzungen werden in den japanischen Medien bisher nicht veröffentlicht, während sich der japanische Wetterdienst damit entschuldigt, dass seine Messanlagen bei der Katastrophe zu Schaden gekommen seien. Damit blieb auch SPEEDI lange stumm, ein offizieller Internet-Informationsdienst. SPEEDI ist eigentlich ein Dienst der Atomsicherheitsbehörden, der für den radioaktiven Notfall die Bürger informieren soll. Doch erst am Mittwoch dieser Woche lieferte SPEEDI erstmals Messwerte. Kein gutes Zeichen, dass die Meteorologen in Wien offenbar schneller waren.

Bei so viel Vorsicht der japanischen Medien und Informationsdienste müssen sich natürlich auch die internationalen Medien fragen, ob sie das Ausmaß der Katastrophe in Fukushima überhaupt richtig einschätzen können. Als wüsste sie um das Dilemma, zitierte die New York Times jetzt einen pensionierten Atomingenieur aus den USA, der vor den Gefahren der Salzbildung in den Fukushima-Reaktoren warnt. Eigentlich hätte auch diese Warnung zuerst aus Japan kommen müssen.