Japan leidet. Tod, Verwüstung, Kälte und Hunger haben das Land heimgesucht. Erdbeben und Tsunami haben wahrscheinlich mehr als zwanzigtausend Menschen getötet. Die Gefahr der atomaren Verstrahlung ist zudem noch nicht gebannt. Auch wenn sich hoffnungsvoll stimmende Indizien mehren –es kann sein, dass es den Rettungsmannschaften an den Atommeilern gelungen ist, das Schlimmste zu verhindern. Kein Wunder, dass die Techniker und Feuerwehrleute als "Helden von Fukushima" gepriesen werden, bereit, Gesundheit und Leben zu riskieren, um Schaden von ihrer Nation abzuwenden.

Da und dort in Europa griff man allzu schnell und begierig auf die einzig denkbare Erklärung zurück, die Sinn zu machen schien: Die unglückseligen Arbeiter, so suggerieren Medienberichte, seien zum nuklearen Opfergang gezwungen worden. Die Beweise für diese These aber waren mehr als mager. Niemand kann leugnen, wie gefasst die Japaner auf Verwüstung und Tod reagierten, die Würde, mit der sie herbe Schicksalsschläge ertragen, die Ruhe, mit der sie Entbehrungen und Versorgungsengpässe hinnehmen, wofür auch das Fehlen jeglicher Plünderungen spricht, – all das stimmt optimistisch für die Fähigkeit der Nation, auch diese schwere Krise zu bestehen.

Gewiss hat die junge Generation des Landes viel übernommen vom westlichem Individualismus und Konsumverhalten. Aber Japan ist eben doch etwas anders als die westliche Welt, deren Individualismus seiner Kultur im Grunde fremd geblieben ist, obgleich das Land an der Oberfläche zu den westlichsten Gesellschaften Asiens gehört. Nach wie vor zählen hier kollektive Werte stärker als bei uns, sind Tradition, Respekt und Selbstbeherrschung, trotz hohen Wohlstandniveaus und modernster Technologie, prägende Elemente des gesellschaftlichen Zusammenlebens geblieben.

Das japanische Beispiel sollte vom Westen zur kritischen Selbstüberprüfung genutzt werden. Denn der Vergleich fällt für unsere hektischen Mediendemokratien nicht schmeichelhaft aus. Die Staaten Europas haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg weitgehend in hochindividualisierte, postheroische Gesellschaften verwandelt, in denen Werte wie Ehre und Aufopferung kaum noch zählen. Gesellschaften, die zugleich selbstsüchtiger und verwöhnter geworden sind. Trotz eines historisch einzigartigen Massenwohlstandes und stetig gestiegener Lebenserwartung, herrscht ein Zustand permanenter Ängstlichkeit und grummelnder Unzufriedenheit.

Die Medien, im verzweifelten Kampf um Einschaltquoten und Auflagen, tragen das ihre dazu bei, diesen nicht sonderlich attraktiven Charakterzug zu verstärken. Sie neigen mehr und mehr zum verbalen overkill , schüren Ängste und bauschen Risiken auf. Ob vor atomarer Strahlung, Gennahrung oder Gefahren wie BSE und Schweinegrippe, beinah jede Woche wird eine andere Sau durchs Dorf gejagt.

Japan ist frei von Hysterie geblieben. Dafür haben hysterische Reaktionen den Rest der Welt erfasst, allen voran Europa und da ganz besonders Deutschland. Man ging dort überraschend schnell über die gewaltige Naturkatastrophe mit Erdbeben und Tsunami hinweg und ist seither fast ausschließlich fixiert auf atomare Gefahren, reale wie eingebildete . Die deutschen Politiker surften peinlich rasch auf der Welle von Furcht und Beklemmung, um vor den Landtagswahlen noch politisches Kapital aus der Atomangst zu schlagen. Die Worte Apokalypse, GAU und Kernschmelze waren überall zu vernehmen. Wie schon 1979, nach dem Unfall im amerikanischen Reaktor von Three Mile Island, bei dem allerdings kein einziger Mensch sein Leben verloren hat.

Die Welt wird mehr Energie denn je benötigen

Dabei heißt das Gebot der Stunde, kühl und nüchtern zu analysieren und sich nicht von Emotionen und Ängsten leiten zu lassen. Gewiss sind mit der Nutzung der Kernspaltung erhebliche Risiken verbunden, und bei der Endlagerung hochradioaktiven Abfalls gibt es ungelöste Probleme. Aber selbst James Lovelock, Begründer der Gaia-Theorie und ein Warner vor dem menschlich verursachten Treibhauseffekt, beklagt seit Langem, wie sehr die Atomkraft im Westen "systematisch dämonisiert" und die Risiken maßlos übertrieben worden seien.

Vor allem dürfen wir eines nicht vergessen: Mit allen Formen der Energiegewinnung sind Risiken verbunden. Ob Kohle, Öl oder Hydroenergie, sie kosten mehr Menschenleben als die Atomkraft. Allein in China sterben jährlich Tausende Bergleute bei Grubenunglücken und Mitte der siebziger Jahre ertranken hier bei einem Dammbruch rund 26.000 Menschen. Von anderen Folgen unseres Energiehungers ganz zu schweigen. Im Vergleich dazu hat selbst der Reaktorunfall von Tschernobyl, der in der Angsthierarchie des Westens weit oben rangiert, weniger Leben gefordert. Man mag den faustischen Pakt beklagen, den die Menschen für ein besseres, längeres und komfortableres Leben mit der Technik und der Energie eingingen. Doch wer würde ernsthaft behaupten, dass nun, post Japan, ein neuer, revolutionärer Abschnitt der Menschheitsgeschichte begänne?

Nichts spricht dafür, dass die Menschheit bereit wäre, auf die Errungenschaften von Wissenschaft und Technologie zu verzichten. Im Gegenteil, die Welt wird mehr Energie denn je benötigen, da die Elektrifizierung rasant voranschreitet, vor allem in Form von Strom. Auf Atomkraft werden weder Frankreich, das den Überfluss an Strom gerne an den angsterfüllten deutschen Nachbarn verkauft, noch die USA, geschweige denn China und Indien verzichten. Ganz gleich, wie man sich in Berlin entscheidet, ob man nun sieben Jahre früher aussteigt oder nicht.

Im Energiemix der nächsten Jahrzehnte, zumal angesichts der Absicht, zu dekarbonisieren, werden AKW neben dem Schiefergas eine Rolle spielen, selbst im schwergeprüften Japan. Ein Merkmal postheroischer Mediendemokratien wird diese Wendung hin zu mehr Realismus begünstigen. Schnell erregt und in Panik versetzt, vergisst man dort in aller Regel genauso rasch.