Erdbeben JapanRiesige Flutwelle spült Trümmer übers Land

Es ist das schwerste Erdbeben in Japan seit 140 Jahren. Der Schaden ist gewaltig, die Zahl der Toten steigt. Die Flutwelle bedroht jetzt die US-Küste und Südamerika. von dpa , AFP und Reuters

Überschwemmte Häuser in Natori, Nordostjapan

Überschwemmte Häuser in Natori, Nordostjapan  |  © Kyodo/Reuters

Ein Erdbeben der Stärke 8,8 hat die Nordostküste Japans verwüstet und eine Flutwelle ausgelöst, die die Küstengebiete des Pazifiks bedroht.

Das Beben ereignete sich gegen 14.45 Uhr japanischer Ortszeit (6.45 Uhr MEZ). Nach Angaben von Polizei und Behörden hat es Hunderte Tote und Verletzte gegeben. Menschen sind laut Medienberichten durch Erdrutsche verschüttet, viele Menschen sollen ins Meer gespült worden sein, berichtete der japanische Sender HEK.

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Fernsehbilder von NHK und von CNN zeigten eine gewaltige Flutwelle, die auf die Ostküste traf. Boote wurden gegen die Küste geschleudert und Autos ins Meer gespült. Nytimes.com zeigt eindrückliche Videos von der Katastrophe.

Ein durch das Beben ausgelöster Zehn-Meter-Tsunami traf den Hafen der Stadt Sendai, berichtet die Agentur Kyodo. Dabei sei die Landebahn des Flughafens überschwemmt worden, Flüsse seien durch einströmendes Meerwasser über die Ufer getreten. Wohngebiete seien überflutet, die Menschen hätten sich auf Häusern in Sicherheit gebracht.

Auch die Küste der südlich von der Stadt Sendai gelegenen Präfektur Fukushima wurde von einem sieben Meter hohen Tsunami überflutet. Die westjapanische Präfektur Wakayama fordere rund 20.000 Menschen auf, sich in Sicherheit zu bringen.

Der Tsunami schwappte auch in die Stadt Natori in der nordostjapanischen Präfektur Tochigi. In Autos und Häusern seien Menschen weggeschwemmt worden. Die örtlichen Behörden seien nicht in der Lage, den Menschen zu Hilfe zu kommen. Die Katastrophe sei so schlimm, dass selbst örtliche Rettungsdienste zusammengebrochen seien.

Auf der nordjapanischen Insel Hokkaido wurden Evakuierungen angeordnet. Die Menschen wurden aufgefordert, sich wegen anhaltender Nachbeben auf öffentlichen Plätzen in Sicherheit zu bringen, um nicht von Trümmern getroffen zu werden.

Die Behörden gaben für die Küstenregion umgehend die höchste Tsunami-Warnstufe aus. Die japanischen Behörden riefen die Menschen an der Küste auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in ihren Häusern in die oberen Stockwerke zu begeben. Es könne starke Nachbeben geben.

Das Erdbeben vom 11. März

In fast 90 Prozent der Fälle werden Tsunamis durch Seebeben ausgelöst. Dabei brechen oder reißen aufeinander stoßende Erdplatten und erschüttern den Untergrund des Ozeans. In Japan taucht die Pazifische unter die Eurasische Platte.

Infografik Erdbeben
Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen

Klicken Sie auf das Bild, um die Weltkarte der Erdbebengefahr herunterzuladen  |  © Anne Gerdes/ZEIT Grafik

Durch solche Erdverschiebungen können gewaltige Wassermassen in Bewegung gesetzt werden. Einmal angestoßen, beginnt eine Kettenreaktion: So wie ein Dominostein den nächsten anstößt, pflanzt sich die Bewegungsenergie im Wasser fort – mit einer Geschwindigkeit von bis zu 800 Kilometern in der Stunde.

In Japan ereignete sich am 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 Uhr MEZ) ein großes Erdbeben der Stärke 9. Zahlreiche weitere Beben erschütterten die Region. Das Epizentrum lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und fast 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokyo. Das Beben löste mehrere Flutwellen aus, die weite Landstriche verwüsteten.

Mehr als 15.800 Menschen starben durch die Naturkatastrophen, mehr als 3.200 gelten weiterhin als vermisst. Rund 120.000 Gebäude wurden zerstört, Hunderttausende weitere zum Teil erheblich beschädigt (Quelle: National Police Agency, Japan).

Der Tsunami

Eigentlich bedeutet das japanische Wort Tsunami "Hafenwelle". Meist ist es aber nicht eine einzige Welle, die ausgelöst durch ein Erdbeben die Küsten trifft, sondern die Erschütterungen lösen gleich eine ganze Serie von Flutwellen aus.

Treffen diese Wellen nach ihrer rasanten Ausbreitung über den offenen Ozean auf flachere Gewässer, türmen sich die Wassermassen meterhoch auf. Als gewaltige Brecher schlagen die Fluten an Land und können so kilometerweit ins Landesinnere vordringen.

Mit Beben muss man auf Japans Hauptinsel Honshu stets rechnen. Das Land liegt im Bereich des Pazifischen Feuerrings. Damit ist ein Vulkangürtel gemeint, der den Pazifischen Ozean umringt.

GAU in Fukushima

Während des Bebens am 11. März 2011 wurde auch das an der Ostküste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk Fukushima-1 beschädigt. Der anschließende Tsunami zerstörte sowohl die Notstromversorgung als auch wichtige Kontrollmöglichkeiten der sechs Reaktoren.

Grafik Radioaktivität
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Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Nachdem das Kühlsystem ausfiel, kam es zu mehreren Explosionen durch entzündeten Wasserstoff. Die Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 wurden teils schwer dadurch beschädigt. Zudem ereigneten sich Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität trat in hohen Mengen in die Umwelt aus.

Das umliegende Gebiet musste evakuiert werden. Noch immer sind Städte und Dörfer in einem Radius von 20 Kilometern um die Atomanlage gesperrt. Mindestens 60.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Der AKW-Betreiber Tepco versucht, die havarierten Reaktoren langfristig unter Kontrolle zu halten. Die Regierung schätzt, dass eine sichere Demontage von Fukushima-Daiichi mindestens 40 Jahre dauern werde. Im Dezember verkündete sie die Kaltabschaltung des Kraftwerks, allerdings ist umstritten, wie sicher die Lage dort wirklich ist.

Das US-Tsunami-Warnzentrum dehnte die Warnung auf praktisch alle Küstengebiete am Pazifik aus. Sie gilt auch für Australien und Südamerika. Die Behörden an der Westküste der USA warnten die Bewohner vor einer Flutwelle, die in etwa sechs Stunden eintreffen könnte. In Neah Bay im US-Staat Washington wird die Welle um 7.18 Uhr Ortszeit (16.18 Uhr MEZ) erwartet.

Tsunami-Warnungen wurden auch in Indonesien, den Philippinen und Taiwan ausgesprochen. Für die Marianen-Inseln wurde eine Evakuierung angeordnet. Die russischen Behörden haben im äußersten Osten des Landes mehr als 10.000 Menschen wegen des drohenden Tsunamis in Sicherheit gebracht.

Der Betrieb des Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen wurde eingestellt. Nach Angaben von Reedern sind zudem alle Häfen in Japan geschlossen worden.

Leserkommentare
  1. Im Gegensatz zu den Bewohnern der USA in vergleichbarer Lage werden die Japaner die Kontrolle behalten.

    • upidu
    • 11. März 2011 9:50 Uhr

    Also in Deutschland richtet das Fernsehen, allen Unkenrufen zum Trotz, ja dann doch vergleichsweise geringe Schäden an.

  2. Da starben und sterben Menschen, verlieren alles & es wird im TV über zu befürchtende Aktieneinbrüche lamentiert... Diese Welt und das System sind schon arg daneben!

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    Man muss berücksichtigen, dass in den kommenden Stunden und Tagen viele Menschen außerhalb Japans eine Menge Geld verlieren werden. Auf der anderen Seite gehe ich davon aus, dass sich Short-Seller an den Börsen vermutlich jetzt schon die Hände reiben.

    Welches Außmaß der Tsunami in der gesamten pazifischen Region haben wird, werden wir vermutlich erst morgen wissen - wenn er die amerikanischen Ostküsten erreicht hat.

    Es isr übrigens schon lange klar, dass in der Region ein Beben von derartigem Außmaß zu erwarten war - und dass dies u.U. gravierende Folgen für das sehr krisenanfällige Modell des globalisierten Turbo- und Zockerkapitalismus haben wird.

    auch an Aktienkurse hängen Existenzen.
    Wer weiß, vielleicht ist das nur der Auftakt / Cresendo.
    Offenbar kann man sich auf dem Markt soviele Vorteile verschaffen wie man will, das letzte Wort spricht die Natur!
    Vielleicht sollten wir mal inne halten und einiges überdenken, solange wir noch Zeit dazu haben.

    • hareck
    • 11. März 2011 11:26 Uhr

    Wenn Sie schon mal Ihr gesamtes Vermögen am Aktienmarkt verloren hätten, würden Sie wahrscheinlich anders schreiben.

  3. Wir wollen inständig hoffen, dass die Zahl der Opfer gering bleibt.

  4. Man muss berücksichtigen, dass in den kommenden Stunden und Tagen viele Menschen außerhalb Japans eine Menge Geld verlieren werden. Auf der anderen Seite gehe ich davon aus, dass sich Short-Seller an den Börsen vermutlich jetzt schon die Hände reiben.

    Welches Außmaß der Tsunami in der gesamten pazifischen Region haben wird, werden wir vermutlich erst morgen wissen - wenn er die amerikanischen Ostküsten erreicht hat.

    Es isr übrigens schon lange klar, dass in der Region ein Beben von derartigem Außmaß zu erwarten war - und dass dies u.U. gravierende Folgen für das sehr krisenanfällige Modell des globalisierten Turbo- und Zockerkapitalismus haben wird.

    Antwort auf "Der Mammon..."
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    Es ist schon fast nicht mehr auszuhalten, wie man mit solchen Katastrophen umgeht. Da sterben Menschen, werden Existenzen zerstört und die Medien beklagen das Nachlassen der Aktienwerte!!! Wie sehr daneben muß man eigentlich sein, um sowas auf die Kette zu bekommen??? Unsere Gesellschaft rückt immer weiter von Lebenswerten ab, wie Mitleid ( selber schuld ), Solidarität ( seh doch zu wie du klar kommst, mir hilft auch keiner ) gegenseitige Fürsorge, ( ist heutzutage nicht angesagt )!!! Ich könnte die Liste beliebig verlängern, nur was hilft es uns, wenn nicht wir selber ( bitte nicht Egoismus )!!! Es ist einfach nur sehr, sehr schade!!!

  5. Hoffentlich folgen nun keine anderen großen Beben und Flutwellen, damit die Hilfe anlaufen kann. Ich hoffe auch, dass bei den Atomkraftwerken keine größeren Schäden entstanden sind, denn dann kämen die Menschen wahrlich vom Regen in die Traufe.

    In Gedanken bin ich bei Japan und allen Betroffenen. Auch wenn die Folgen noch nicht abzuschätzen sind, so zolle ich jetzt schon Respekt vor dem japanischen Krisenmanagement.

  6. 7. .....

    Mein Gott.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/cs

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    Bei Fragen zur Moderation wenden Sie sich gerne an community@zeit.de, da die Kommentarfunktion der Diskussion des Artikelthemas vorbehalten ist. Danke, die Redaktion/fk.

  7. 8. [...]

    Bei Fragen zur Moderation wenden Sie sich gerne an community@zeit.de, da die Kommentarfunktion der Diskussion des Artikelthemas vorbehalten ist. Danke, die Redaktion/fk.

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    @Nennwert;@ersatzreifen:
    Der User schilderte lediglich die persönliche Sicht und Meinung, dass es mit dem Umgang des Menschen mit der Natur zu tun haben könnte, dass wir in letzter Zeit gehäuft Umweltkatastrophen begegnen.
    Darauf gleich einzudreschen ist arm.

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