Frage:Frau Käßmann, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder aus Japan sehen?

Margot Käßmann: Ich habe vor allem Mitgefühl mit den Menschen dort. Manchmal wünsche ich mir, es gäbe eine Stunde Schweigen auf allen Kanälen statt permanent neue Bilder. Damit wir innehalten, Mitleid zulassen und für die Menschen dort beten können. Aber sofort wird gefragt: Was heißt das für uns? Für unsere Börsengänge, für unsere Industrie?

Frage: 20 Menschen sollen sich freiwillig gemeldet haben, um in den Atomkraftwerken in Fukushima weiter zu arbeiten. Sie opfern ihr Leben für die Mehrheit. Kann man das verantworten?

Käßmann: Wer ist denn verantwortlich? Ich hoffe, diese Menschen machen das wirklich freiwillig. Aus Tschernobyl wissen wir ja, dass viele gar nicht wussten, welcher Strahlung sie ausgesetzt waren. Ich gehe davon aus, dass die Arbeiter in Japan sehr wohl Ahnung haben, und dann ist es ein enormes Opfer für die Gemeinschaft .

Frage: Können das Demokratien überhaupt aushalten? Ähnlich ist es mit Soldaten. Kann man ihnen sagen: Riskiert euer Leben, um der Mehrheit zu helfen?

Käßmann: Erst mal wäre es für die Demokratie wichtig, dass die Wahrheit gesagt wird, damit Menschen frei entscheiden können. Auch jetzt in Japan kommt die Wahrheit wieder mal nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit. Das sät Misstrauen.

Frage: Vielleicht wissen die Verantwortlichen es selbst nicht?

Käßmann: Dann sollen sie das sagen. George Kennan, der frühere US-Botschafter in Moskau, hat einmal gesagt: Man muss den Menschen die Wahrheit sagen und ihnen dann helfen, über den Schock hinweg zu kommen.

Frage: Finden Sie es angemessen, wie die deutsche Politik nun über Atompolitik diskutiert ?

Käßmann: Ich finde es merkwürdig. Es gibt doch jetzt gar keine neue Beweislage, was die deutschen Kernkraftwerke betrifft. Ich war Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche, in deren Gebiet auch Gorleben liegt. Es wurden viele Debatten geführt über die Frage: Können wir diese Energiequelle verantworten, wenn nicht mal klar ist, wie wir die Überreste so bearbeiten können, dass sie für die nächsten Generationen keine Belastung bedeuten? Die Evangelische Kirche war immer für einen Ausstieg aus dieser Energie. Uns wurde entgegnet: Deutsche Atomkraftwerke sind sicher. Jetzt auf einmal soll geprüft werden, was man längst hätte prüfen können. Es ist, als hätte es die Katastrophe von Tschernobyl 1986 nicht gegeben.

Frage: Einer Umfrage zufolge hält die Mehrheit der Bevölkerung die Kehrtwende der Regierung in der Atompolitik nicht für glaubwürdig. Wie lässt sich Glaubwürdigkeit wiederherstellen?

Käßmann: Die Regierung müsste sagen: Wir sind schockiert, wir haben das falsch eingeschätzt! Mir würde das helfen, die politische Wende zu verstehen. Und die Regierung müsste das Thema aus dem Parteiengezänk herausnehmen. Damit klar wird: Es ist nicht nur Wahltaktik.

Frage: Haben Sie das Gefühl, es ist nur Taktik?

Käßmann: Da ist zumindest ein Unbehagen. Es geht ja zudem um enorme wirtschaftliche Interessen.

Frage: Kann die Katastrophe in Japan nicht auch zu neuer Demut in der Politik führen?

Käßmann: Es ist Hybris zu glauben, dass der Mensch die Technik und die Natur beherrscht. Demut wäre schon die richtige Haltung; ich fürchte nur, dass das nicht lange anhält. Nach dem Tod von Robert Enke haben alle gesagt, der Spitzensport werde nie mehr derselbe sein, wir werden innehalten, nicht mehr diesen Leistungsdruck haben, ganz anders Fußball spielen. Nach drei Wochen ging alles weiter wie zuvor. Ich fürchte, Demut ist keine langfristige Haltung.