Demonstranten in Marseille protestieren gegen Fremdenfeindlichkeit und die Abschiebung von Dutzenden Roma im September 2010. © Anne-Christine Poujoulat/AFP/Getty Images

Die Ergebnisse der Studie " Die Abwertung der Anderen " zeigen, dass besonders die Islamfeindlichkeit in Europa weit stärker verbreitet ist als bisher angenommen. Rund die Hälfte aller befragten Deutschen stimmte der Aussage zu, dass der Islam "eine Religion der Intoleranz" sei. In den Niederlanden, Portugal und Polen stimmten sogar 60 Prozent diesem Vorurteil zu. "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in Europa weit verbreitet", sagte der für die Studie verantwortliche Wissenschaftler Andreas Zick.

Jeweils 1000 Menschen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Italien, Portugal, Polen und Ungarn wurden für die 2,5 Millionen Euro teure Studie, die die Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben hat, im Jahr 2008 befragt. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden privater Stiftungen. Die Wissenschaftler der Universität Bielefeld sprachen von "ebenso aufschlussreichen wie besorgniserregenden" Ergebnissen. Ziel sei es, "konstruktive Impulse für die Arbeit gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und für mehr Demokratie" zu geben.

Neben Islamfeindlichkeit könne man vor allem klassischen Rassismus und Antisemitismus deutlich erkennen. 30 Prozent der Deutschen sagten, sie glaubten an eine "natürliche Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Völkern". In Portugal war etwa die Hälfte der Befragten dieser Meinung. In fast allen Ländern sagte im Durchschnitt jeder Zweite, es gebe zu viele Zuwanderer, obwohl viele die Einwanderer gleichzeitig als Bereicherung für die eigene Kultur sahen.

Überraschend stark ausgeprägt sind antisemitische und schwulenfeindliche Vorurteile im katholisch geprägten Polen und Ungarn. Knapp 90 Prozent der Polen und 70 Prozent der Ungarn sprechen sich gegen gleichgeschlechtliche Ehen aus. Dass Menschen jüdischen Glaubens angeblich "Vorteile daraus ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind", denken in Polen 72 Prozent und Ungarn 68 Prozent der Befragten. In Deutschland stimmen dieser Aussage immer noch 48 Prozent zu. Bemerkenswert offen und liberal zeigten sich die Menschen in diesen Fragen in den Niederlanden. Hier gab es in nahezu allen Fragen die niedrigsten Werte, obwohl in diesem Land die rassistische Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders viel Zulauf erhält.

Insgesamt stellten die Wissenschaftler ein "Syndrom der Abwertung" fest. Wer Vorurteile gegen eine bestimmte Gruppe habe, neige auch gegenüber anderen Teilen der Gesellschaft zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Dieser Effekt sei kein Phänomen von Randgruppen, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft vorhanden.

Auffallend sei, dass viele Menschen sich politisch machtlos fühlten und sich einen "starken Mann an der Spitze" wünschten, "der sich nicht um das Parlament oder Wahlen schert". Andreas Zick spricht von einem "fundamentalen Demokratiedefizit in Europa", das oft mit Intoleranz und Diskriminierung anderer einhergehe.

Als wichtigste Schutzfaktoren sehen die Vorurteilsforscher das Vertrauen in andere Menschen, feste Freundschaften mit Einwanderern oder zumindest Kontakt zu ihnen. Sie fordern eine engere Zusammenarbeit innerhalb der EU, um länderübergreifende Projekte gegen Diskriminierung zu unterstützen.

Die Studie kann in deutscher und englischer Sprache kostenlos als pdf-Datei heruntergeladen werden: www.fes-gegen-rechtsextremismus.de