Polnische Spötter haben ein neues Betätigungsfeld entdeckt, um sich über die Deutschen lustig zu machen: die Atomangst. In Leserbriefspalten und Internetforen lästern Kommentatoren seit Wochen über "die unbeschreibliche Hysterie", die sich beim großen Nachbarn im Westen nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima ausgebreitet habe.

"Wir könnten den Deutschen einen Risikoreaktor in den Vorgarten bauen", schlägt ein Nutzer in der Online-Ausgabe der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita vor. "Wenn wir das AKW direkt an der Grenze errichten, möglichst nah an Berlin, dann verfallen sie in Panik", erläutert er voller Vorfreude und fügt mit einem virtuellen Augenzwinkern hinzu: "Wir könnten das Kraftwerk nach Erika Steinbach benennen." Die Vertriebenenpräsidentin ist für viele Polen ein rotes Tuch . Sie steht bei ihnen im Ruf, eine unverbesserliche Revanchistin zu sein.

Die Spottlust der Polen hat einen durchaus ernst zu nehmenden Kontext. Das Land plant derzeit den Bau eines ersten eigenen Atomkraftwerkes. Es soll bis 2020 in der Nähe der nordpolnischen Hafenstadt Danzig entstehen. Ursprüngliche Erwägungen, den Reaktor in Gryfino zu errichten, direkt an der Grenze zu Brandenburg und nur 140 Kilometer von Berlin entfernt, sind zwar seit einem Jahr vom Tisch, doch auch gegen ein AKW 300 Kilometer weiter östlich regt sich Widerstand in Deutschland.

Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck forderte die Regierung in Warschau nach dem Atomunglück in Japan mehrfach auf, von der Kernkraft ganz abzulassen. Den polnischen Premierminister Donald Tusk ficht das vorerst nicht an. Die Nuklearanlage in der Nähe seiner Heimatstadt Danzig werde sich anders als in Fukushima "nicht in einer Erdbebenzone befinden", argumentiert der Regierungschef.

Die Projektleiterin für den AKW-Bau, Teresa Kaminska, verstieg sich sogar zu der Aussage, das Beben in Japan habe "einmal mehr gezeigt, dass die Kernkraft eine sichere Form der Energiegewinnung ist". Das asiatische Land verfüge über mehr als 50 Reaktoren, "doch selbst in einer derartigen Ausnahmesituation ist es nicht zum Austritt größerer Mengen Radioaktivität gekommen", behauptete sie.

Die Fakten in Fukushima sprechen eine andere Sprache. Fachleute wie der Nuklearmediziner Sebastian Pflugbeil erwarten sogar, dass die "gesundheitlichen Schäden in Japan die Folgen des GAUs in Tschernobyl um ein Etliches übertreffen werden". Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck ist sich deshalb mit Blick auf Polen auch sicher, dass "selbst dort, wo man jetzt noch steile Sprüche hört, ein Nachdenken einsetzen wird".

Umfragen scheinen ihm recht zu geben. Nach einer Erhebung von newsweek.pl lehnen mittlerweile fast 60 Prozent der Polen die AKW-Pläne in Danzig ab. Vor der Katastrophe in Fukushima waren es etwa 50 Prozent. Angesichts dieser Zahlen fordert die linke Oppositionspartei SLD bereits ein Referendum über den Reaktorbau.