Den 11. März 2011 werde ich nie vergessen. Und nach dem Erdbeben jagte im Norden, der Region Tohoku, des Landes ein Unglück das andere. Aber schon jetzt bin ich mir sicher, dass Japan nicht untergehen wird. Wir halten stärker zusammen als zuvor und sind bereit alles tun, um das Land wieder aufzubauen.

Nach dem Erdbeben und dem Atomunglück wurden viele Leute aus ihrer Heimat evakuiert, 180.000 Menschen sind es. Vor Kurzem sind insgesamt 2.000 von ihnen in meine Stadt Saitama in der Nähe von Tokyo gebracht worden. Sie waren in einer großen Konzerthalle in Saitama untergebracht.

Die Region Tohoku spielt seit Langem eine wichtige Rolle für Japan, insbesondere für Tokyo. Nach dem Weltkrieg versorgte sie Tokyo mit Arbeitern und Lebensmitteln. Heute ist die Stadt abhängig von Tohokus Elektrizität. Wir empfinden alle die Pflicht, dass Tokyo nun Tohoku helfen muss. "Was kann ich nur tun?", habe ich mich deshalb gefragt. Ich habe mich als ehrenamtlicher Helfer gemeldet. Manchmal half ich in dem Lager beim Kochen, schnitt Wellpappe oder hörte den Geschichten der Menschen zu. Manche von ihnen sagen, das Atomkraftwerk habe ihnen die Heimat geraubt. Man solle alle sofort abschalten. Ich habe bisher nie ernsthaft über die Gefahr nachgedacht. Nun ist es ein Problem geworden, über das die ganze Welt nachdenken muss.

Die Flüchtlinge waren sehr müde. Aber ich dachte daran, dass Gottfried Lessing geschrieben hat: "Das Lachen erhält uns vernünftiger als der Verdruss". Denn es hat mich sehr beeindruckt, wie viel Mut und Mitgefühl diese vom Schicksal getroffenen Menschen aufbringen. 2.000 Leute lebten hier in dem Lager, gedrängt wie die Heringe. Viele von ihnen sind schon sehr alt. Aber keiner hat Hilfsmittel gehamstert, die jüngeren halfen freiwillig den älteren und sie teilten alles miteinander, was es gab. In Japan hält man die Gemütsruhe für sehr wichtig. Ich habe gesehen, wie das Lächeln der Kinder Lebensmut und Heiterkeit zurückbrachte.

Natürlich kann das nicht immer gelingen. Manchmal verfinsterte sich die Miene der Flüchtlinge, zeigten ihre Gesichter die Angst. Sie erzählten mir vom Erdbeben, aber sie verloren kein Wort über die Zukunft. Sie waren dankbar, dass sie in meine Stadt kommen konnten, aber sie haben Angst davor, dass sie keine  Zukunft mehr haben könnten. Manche von ihnen haben durch das Erdbeben ihre Familie, ihre Wohnung, ihre Arbeit und viele wertvolle Dinge verloren. Was wir ihnen spenden sollten, sind nicht nur Lebensmittel und andere überlebenswichtige Dinge sondern auch eine Idee für den Neuanfang.

Am 31. März mussten sie wieder in eine andere Stadt, in ein neues Lager umsiedeln. Beim Abschied kam eine Frau zu mir und sagte: "Danke, danke, danke, danke, Saitama ist meine zweite Heimat geworden. Auch für euch möchte ich unsere zerstörte Heimat wieder aufblühen lassen. Ich weiß nicht wann, aber dann besuchen Sie unsere Heimat Fukushima!“ Sie hat geweint beim Abschied. Da ist mir eingefallen: Als sie hier ankam, hat sie auch geschluchzt – damals aus Trauer und Angst. Aber diesmal hat sie aus Rührung geweint.

In ihrem Gefühl hat sich schon etwas verändert. Denn auch die Obdachlosen spüren, dass es vorangeht. Sie sehen, dass wir Japaner enger zusammenstehen und dass es viele Leute gibt, die ihr Leben einsetzen, um Japan wieder aufzubauen. Aber auch die vielen mitfühlenden Briefe aus der ganzen Welt geben ihnen Mut und Hoffnung. Man kann Lebensmittel oder Kleider kaufen, aber keine Hoffnung. Bitte, schicken Sie doch Ihre Botschaft an die von Unglück Geschlagenen! Zum Beispiel ans Goethe-Institut, von dort wird es weitergeleitet.