TsunamiJapans große Verletzlichkeit

Die regelmäßige Wiederkehr von Naturkatastrophen macht die Japaner verletzlich – und gibt ihnen ein starkes Gefühl der Verbundenheit. Florian Coulmas berichtet aus Tokyo. von Florian Coulmas

Kirschblüte in Tokyo

Kirschblüte in Tokyo  |  © YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Wolkenloser azurblauer Himmel und ein hellrosa Hauch tausender Kirschbäume, die kurz vor der Blüte stehen: Tokyo zeigt sich von seiner schönsten Seite. Immer ein Symbol des Neuanfangs, kommt die Kirschblüte dieses Jahr angesichts der Katastrophe mit dem bitteren Gefühl von Vergänglichkeit und Verwundbarkeit einher. Und so hält man sich mit den feuchtfröhlichen Partys unter der Blütenpracht, die sonst die Jahreszeit begleiten, auch etwas zurück, doch hat der Alltag Tokyo beinah vollständig wieder eingeholt.

Die Stromversorgung der Stadt ist mittlerweile fast komplett wiederhergestellt. Das Nahverkehrssystem arbeitet mit über 90 Prozent seiner normalen Leistung. In den Restaurants wird wieder gegessen, getrunken, geschnattert und gelacht. Allein in den Unterhaltungen ist die große Katastrophe allenthalben ein Thema.

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Florian Coulmas

Florian Coulmas ist Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo.

Jeder spricht darüber, noch immer. Wo warst Du, als das Erdbeben kam? Ist bei Dir zuhause etwas passiert? Hast Du Verwandte oder Freunde in Tohoku? Und auch: Werden auf deiner Arbeitsstelle wieder volle Schichten gefahren? Ordentlich seine Arbeit erledigen, was sie auch sei, das ist die Haltung der Tokyoter. Die Hände angesichts der Katastrophe über dem Kopf zusammenzuschlagen, hilft eben niemandem.

Die Medien kennen nach wie vor kein anderes Thema als die Katastrophe, wobei man sich inzwischen auf den Wiederaufbau und die Hilfeleistungen konzentriert. Die Solidarität mit den überlebenden Opfern ist enorm und äußert sich im ganzen Land auf vielfältige Weise. Viele eigentlich freudige Ereignisse werden von nüchterner Information sowie Bekundungen von Beileid und Solidarität begleitet. Kein Sportfest, wo nicht der Toten gedacht und zu Spenden aufgerufen wird. Gambare! Nippon – "Durchhalten, Japan" heißt es auf Spruchbändern. Der Slogan, der bei internationalen Wettkämpfen oft als Schlachtruf dient, hat eine andere Nuance bekommen. Man steht zusammen bei dieser Katastrophe, genauso wie bei allen anderen in der Vergangenheit auch.

Ein Gefühl der Verletzlichkeit

Die Intervalle zwischen diesen Ereignissen sind in Japan nie sehr lang. Und dieses Lebensgefühl ist gegenwärtig besonders deutlich spürbar. Gerade lebt man im Windschatten einer radioaktiven Wolke und jede Nacht wird man durch Nachbeben geweckt. Seit Anfang März ist der Boden in Tohoku wie auch in Tokyo ständig in Bewegung. Doch nicht jedes dieser Nachbeben erreicht wie das von Donnerstagnacht die internationale Presse.

Leserkommentare
  1. Sicherheit geht in Deutschland eben vor und die können wir uns auch leisten. Da brauchen wir unsere Kinder nicht neben einem Katastrophen-AKW in Tokyo zur Schule gehen lassen.

    Wieso sollte die deutsche Botschaft nach Tokyo, wenn dort kaum ein Deutscher ist?

    Die anderen Europäer stellen die Sicherheit anscheinend sehr wohl hinten an und betreiben mehr PR in eigener Sache.
    Sarkozy muss seine 59 AKWs in Frankreich verteidigen. Knapp 80% des Energiebedarfs werden dort so gedeckt. Nicht ohne Grund war er der Erste, der nach Tokyo geflogen ist. Verbundenheit mit den Opfern zeigt man nicht, indem man hinterrücks für AKWs wirbt.

    Einzig Deutschland wählt wortwörtlich eine Alternative und zeigt somit auch die größte Verbundenheit. Wenn Japan wollte, könnte es ein Beispiel an Deutschland nehmen und auf Grün schalten.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf zynische Bemerkungen. Die Redaktion/cs

    Eine Leserempfehlung
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    • toby31
    • 10. April 2011 22:34 Uhr

    Sie meinen also,ein auf grün geschaltetes Japan hätte oder würde in Zukunft Erbeben und Tsunami verhindern?Denn diese Naturkatastrophen sind die Ursache der über 20000 Todesopefer.
    Natürlich kann man spekulieren,welche Folgen die Katastrophe
    im AKW haben wird,aber die Opfer von denen Sie sprechen gibt es nicht(und wir hoffen sicher alle,daß es sie nicht geben wird).
    Der oben stehende Bericht ist der erste,den ich in deutschen Medien lese,der einigermaßen die Realität in Tokio wahrheitsgemäß darstellt.Es ist tatsächlich so,daß,nachdem sich die einschlägigen tabloids(Sun,Fox etc)in den ersten Tagen nach dem Beben daran abgearbeitet hatten,wirklich fast nur noch die deutschen("seriösen") Medien mit teilweise lügenhaften,lächerlichen Geschichten hervortaten(Wegwerfarbeiter,radioaktive Wolken wurden an-aber nicht abgesagt,Fahrräder ausverkauft usw.)Was sicher auch seine Wirkung auf die deutsche Botschaft nicht verfehlte.Es waren durchaus noch Deutsche in Tokio,allerdings weniger als Ausländer anderer Nationen.Aber inzwischen sind auch diese in den Süden
    gezogenen wieder zurückgekehrt.Also frag ich mich doch,was die Botschaft in Osaka macht.
    Andererseits hab ich sie in den letzten 20 Jahren nicht gebraucht,und habe auch nicht vor in Zukunft von ihren Diensten Gebrauch zu machen.

    • yurina
    • 10. April 2011 18:43 Uhr

    dass jetzt so ein Kommentar folgt. Sicherheit ist Deutschlands oberste Maxime. Kann es vielleicht sein, dass wir auch immer ganz schnell die Hosen voll haben ? Ich habe schon die Krise bekommen, als Mr.WW kurz nach der Katastrophe mit staatstragender Stimme und Grabesmiene versicherte, für Deutschland bestehe derzeit kein Gefahr. Ach, nicht ? Na fein. Schön für uns.
    Ja,ich bin Kernkraftgegner der ersten Stunde und möchte auch die Dinger abschalten, je schneller, desto besser. Und ja, ich habe durchaus Sorge, dass in Fukushima noch mehr passiert, als ohnehin schon passiert ist. Und ja, warum pflastern die Japaner nicht ihre Dächer mit Solarkollektoren zu, wo sie doch deutlich mehr Sonne abbekommen als wir hier ? Vielleicht tun sie es ja jetzt. Gegenwärtig haben sie aber vermutlich erstmal andere Sorgen. Wenn man in einer Turnhalle zwischen Wellpappewänden wohnt, ist ein einfacher Wohncontainer auch ohne Kollektoren eine gewaltige Verbesserung.
    Gegenwärtig sind die Strahlenwerte in Tokyo nicht alarmierend, und das Wasser auch noch trinkbar. Und wenn der Wind dreht und es kommt doch noch mehr runter - Herr Botschafter - dann wäre immer noch genug Zeit zm Wegrennen. Ich verstehe sehr gut, dass die Japaner enttäuscht und mit einer gewissen Verachtung auf die Deutschen blicken, die es so eilig hatten, aus Tokyo (nicht aus Tohoku !) wegzukommen. Auch im Freundeskreis meines Mannes war dergleichen öfters zu hören. Zustimmung zu dem Artikel oben !

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Enttäuschung in Japan ist, dass geflohene Ausländer zu Blitzableitern der Atomkraftindustrie geworden sind.

    Die Ursache für die Flucht ist nicht die geringe Verbundenheit, sondern ein unkontrollierbarer AKW.

    Anstatt auf Grün zu setzen, schimpft man auf die Ausländer und lenkt somit gezielt von dem eigentlichen Problem ab.

    • yurina
    • 10. April 2011 21:02 Uhr

    wenn da - wie mir bekannt - einer (in diesem Fall Franzose) in einer Firma auf einem wichtigen Posten sitzt und nichts Eiligeres zu tun hat, als nach dem Beben ohne große Ankündigung mit dem nächsten Flieger zu verschwinden und seine verdutzten japanischen Kollegen sitzen zu lassen, finde ich "auf Ausländer schimpfen" recht nachvollziehbar. Grün wird auch noch kommen in Japan. Ist schon allmählich zu sehen. Ich hoffe mal einfach, dieser Typ hatte nicht so viele Nachahmer. Wohlgemerkt, wir reden von Tokyo, gut 250 km entfernt. Kein Tsunami, beim Erdbeben verhältnismäßig wenig Schäden.Und auch noch nicht hoch verstrahlt.

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    Hallo Yurina,leider gab es solche Nachahmer-und sehr wohl auf deutscher Seite.....so verließ der Schulleiter der deutschen Schule offensichtlich ebenfalls als einer der Ersten Tokyo kurz nach dem Beben-um die Katastrophe von Köln aus besser managen zu können....dort sitzt er offensichtlich noch immer,da er unter Androhung von Sanktionen einen Rückflug verwehrt bekommt...mit ihm befinden sich alle 11 entsandten Lehrer weiterhin auf der "Flucht"-vor was auch immer...scheinbar sind Deutsche gefaehrdeter als andere...derzeit wird ein Unterrichtsstart in absehbarer Zeit noch nicht einmal mehr terminiert....
    [...]
    Vielleicht sollte man doch zunächst den vielen Opfern helfen-die Zeit fuer eine Diskussion pro oder contra AKW wird noch frueh genug kommen

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie in Ihre Wortwahl sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    • toby31
    • 10. April 2011 22:34 Uhr
    5. Grün?

    Sie meinen also,ein auf grün geschaltetes Japan hätte oder würde in Zukunft Erbeben und Tsunami verhindern?Denn diese Naturkatastrophen sind die Ursache der über 20000 Todesopefer.
    Natürlich kann man spekulieren,welche Folgen die Katastrophe
    im AKW haben wird,aber die Opfer von denen Sie sprechen gibt es nicht(und wir hoffen sicher alle,daß es sie nicht geben wird).
    Der oben stehende Bericht ist der erste,den ich in deutschen Medien lese,der einigermaßen die Realität in Tokio wahrheitsgemäß darstellt.Es ist tatsächlich so,daß,nachdem sich die einschlägigen tabloids(Sun,Fox etc)in den ersten Tagen nach dem Beben daran abgearbeitet hatten,wirklich fast nur noch die deutschen("seriösen") Medien mit teilweise lügenhaften,lächerlichen Geschichten hervortaten(Wegwerfarbeiter,radioaktive Wolken wurden an-aber nicht abgesagt,Fahrräder ausverkauft usw.)Was sicher auch seine Wirkung auf die deutsche Botschaft nicht verfehlte.Es waren durchaus noch Deutsche in Tokio,allerdings weniger als Ausländer anderer Nationen.Aber inzwischen sind auch diese in den Süden
    gezogenen wieder zurückgekehrt.Also frag ich mich doch,was die Botschaft in Osaka macht.
    Andererseits hab ich sie in den letzten 20 Jahren nicht gebraucht,und habe auch nicht vor in Zukunft von ihren Diensten Gebrauch zu machen.

  3. Hallo Yurina,leider gab es solche Nachahmer-und sehr wohl auf deutscher Seite.....so verließ der Schulleiter der deutschen Schule offensichtlich ebenfalls als einer der Ersten Tokyo kurz nach dem Beben-um die Katastrophe von Köln aus besser managen zu können....dort sitzt er offensichtlich noch immer,da er unter Androhung von Sanktionen einen Rückflug verwehrt bekommt...mit ihm befinden sich alle 11 entsandten Lehrer weiterhin auf der "Flucht"-vor was auch immer...scheinbar sind Deutsche gefaehrdeter als andere...derzeit wird ein Unterrichtsstart in absehbarer Zeit noch nicht einmal mehr terminiert....
    [...]
    Vielleicht sollte man doch zunächst den vielen Opfern helfen-die Zeit fuer eine Diskussion pro oder contra AKW wird noch frueh genug kommen

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie in Ihre Wortwahl sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    Antwort auf "lenkt man gezielt...."
  4. Ich bedaure zutiefst, wenn viele Japaner das Gefühl haben, es mangele den Deutschen an Solidarität ihnen gegenüber. Das empfinde ich von Europa aus zwar überhaupt nicht so, aber ich kann mir gut vorstellen, dass das eine Frage der Perspektive ist. Was das angekrazte Image anbelangt, so gilt dies leider wohl auch in umgekehrte Richtung. Eine Atomindustrie, die Wartungszyklen auslässt und Protokolle fälscht. AKWs, die wider besseres Wissen nicht ausreichend gegen einen Tsunami geschützt waren. Ein weiteres AKW, das exakt im Schnittpunkt dreier tektonischer Platten steht. Fehlende Ausrüstung bei den Arbeitern, keine Roboter im Mutterland der Robotik, ja nicht einmal Gummistiefel für die Arbeiter. Aber in Tokio, so schreibt Herr Coulmas, ist alles fast wieder "back to normal". Ja, die Perspektive macht wohl den Unterschied. Selbst über nur 240 km. Dabei könnten Deutsche und Japaner voneinander lernen, anstatt voneinander enttäuscht zu sein. Ich wünsche uns in Deutschland, dass wir dieselbe Disziplin und Ruhe besitzen, soltte eine solche Extremsituation, wie sie Teile Japans nun ereilt hat, mal auf uns zukommen. Und den Japanern wünsche ich, dass sie ihren Obrigkeiten in Politik und Wirtschaft gegenüber genau diese Ruhe und Disziplin aufgeben mögen, sobald das Schlimmste vorbei ist.

    Eine Leserempfehlung
  5. ... in ein paar Jahrzehnten vielleicht einmal Zugang zu den Protokollen der Gespräche zwischen Botschafter Volker Stanzel und seinem Chef bekommen, wird sich herausstellen, dass der Frühling 2011 ein Tiefpunkt deutscher Außenpolitik war.

    Ach ja, eine Gruppe von Ausländern hat Coulmas vielleicht vergessen: Die, die hiergeblieben sind, weil sie, wie einst Gustav Heinemann, nicht den Staat lieben, sondern ihren Partner oder ihre Partnerin.

    Frage an die Geflohenen: Wieviel haben Sie für die Flugtickets bezahlt? Hat Lufthansa bei der ganzen Geschichte Gewinn oder Verlust gemacht?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ausländer | Japan | Tsunami | Erdbeben | Jubiläum | Katastrophe
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