Kirschblüte in Tokyo © YOSHIKAZU TSUNO/AFP/Getty Images

Wolkenloser azurblauer Himmel und ein hellrosa Hauch tausender Kirschbäume, die kurz vor der Blüte stehen: Tokyo zeigt sich von seiner schönsten Seite. Immer ein Symbol des Neuanfangs, kommt die Kirschblüte dieses Jahr angesichts der Katastrophe mit dem bitteren Gefühl von Vergänglichkeit und Verwundbarkeit einher. Und so hält man sich mit den feuchtfröhlichen Partys unter der Blütenpracht, die sonst die Jahreszeit begleiten, auch etwas zurück, doch hat der Alltag Tokyo beinah vollständig wieder eingeholt.

Die Stromversorgung der Stadt ist mittlerweile fast komplett wiederhergestellt. Das Nahverkehrssystem arbeitet mit über 90 Prozent seiner normalen Leistung. In den Restaurants wird wieder gegessen, getrunken, geschnattert und gelacht. Allein in den Unterhaltungen ist die große Katastrophe allenthalben ein Thema.

Jeder spricht darüber, noch immer. Wo warst Du, als das Erdbeben kam? Ist bei Dir zuhause etwas passiert? Hast Du Verwandte oder Freunde in Tohoku? Und auch: Werden auf deiner Arbeitsstelle wieder volle Schichten gefahren? Ordentlich seine Arbeit erledigen, was sie auch sei, das ist die Haltung der Tokyoter. Die Hände angesichts der Katastrophe über dem Kopf zusammenzuschlagen, hilft eben niemandem.

Die Medien kennen nach wie vor kein anderes Thema als die Katastrophe, wobei man sich inzwischen auf den Wiederaufbau und die Hilfeleistungen konzentriert. Die Solidarität mit den überlebenden Opfern ist enorm und äußert sich im ganzen Land auf vielfältige Weise. Viele eigentlich freudige Ereignisse werden von nüchterner Information sowie Bekundungen von Beileid und Solidarität begleitet. Kein Sportfest, wo nicht der Toten gedacht und zu Spenden aufgerufen wird. Gambare! Nippon – "Durchhalten, Japan" heißt es auf Spruchbändern. Der Slogan, der bei internationalen Wettkämpfen oft als Schlachtruf dient, hat eine andere Nuance bekommen. Man steht zusammen bei dieser Katastrophe, genauso wie bei allen anderen in der Vergangenheit auch.

Ein Gefühl der Verletzlichkeit

Die Intervalle zwischen diesen Ereignissen sind in Japan nie sehr lang. Und dieses Lebensgefühl ist gegenwärtig besonders deutlich spürbar. Gerade lebt man im Windschatten einer radioaktiven Wolke und jede Nacht wird man durch Nachbeben geweckt. Seit Anfang März ist der Boden in Tohoku wie auch in Tokyo ständig in Bewegung. Doch nicht jedes dieser Nachbeben erreicht wie das von Donnerstagnacht die internationale Presse.