Tschernobyl-Gedenken : Mit einem Totenkopf auf Reaktor 4

Schätzungen, wie viele Menschen an den Folgen von Tschernobyl gestorben sind, gehen weit auseinander. 25 Jahre nach dem Atom-Unfall gedenkt die Ukraine der Opfer.
Während der Gedenkfeier in Kiew zünden Menschen Kerzen an und legen Blumen nieder. © Genya Savilov/AFP/Getty Images

Der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche hat am 25. Jahrestag des Tschernobyl-Unglücks die Gedenkfeier für die Tausenden Opfer des GAUs geleitet. Um 1.23 Uhr Ortszeit schlug er die Tschernobyl-Glocke. Sie läutet traditionell das Erinnern am Jahrestag des Unglücks ein. Auch unter dem Eindruck des Reaktorunglücks im japanischen Fukushima wird weltweit der Atomkatastrophe gedacht.

Die Umweltorganisation Greenpeace bestrahlte den Reaktor 4, der am 26. April 1986 bei einer Notfallübung explodiert war, mit einer Lichtprojektion. Auch ein Totenkopf sowie Anti-Atomkraft-Slogans in Japanisch, Deutsch und Russisch waren zu sehen. "Wir sind den Opfern von Tschernobyl gegenüber zum Atomausstieg verpflichtet", sagte der deutsche Greenpeace-Aktivist Tobias Münchmeyer in der kühlen und klaren Nacht am Kraftwerk.

In Russland zündete die Umweltorganisation Bellona in St. Petersburg fliegende Fackeln aus Papier an, die in die Luft stiegen. Nach der Reaktorexplosion wurden über Tage radioaktive Teilchen kilometerhoch in die Luft geschleudert. Die Strahlenwolke breitete sich auch über weite Teile Westeuropas aus. Bis heute sind Böden mit radioaktiven Stoffen wie etwa Cäsium 137 belastet. Das radioaktive Element kann Krebs und andere Krankheiten erzeugen.

In der verstrahlten Sperrzone erinnerten die Präsidenten der bis heute am stärksten betroffenen Ex-Sowjetrepubliken Ukraine, Weißrussland und Russland an die vielen Strahlen- und Krebsopfer sowie an die Hunderttausenden Helfer. Die Schätzungen, wie viele Menschen an den Folgen der Katastrophe gestorben sind, gehen weit auseinander. Fest steht lediglich, dass 28 Arbeiter direkt nach dem Unglück an der Strahlenkrankheit starben. Weitere 19 Techniker starben bis 2006 – wobei die Strahlung nicht eindeutig als Todesursache festgestellt werden konnte.

Wissenschaftlich nachgewiesen ist auch ein Anstieg der Fälle von Schilddrüsenkrebs rund um das Atomkraftwerk von Tschernobyl. Aus den Dörfern in der Region wird immer wieder von Menschen berichtet, die seit der Katastrophe an vielen Symptomen leiden. Einen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sie durch radioaktive Strahlung krank wurden, gibt es nicht.

Kremlchef Dmitrij Medwedjew sagte, dass die Kraftwerke noch sicherer gemacht werden müssten. Die Welt müsse über eine neue internationale Konvention zur Nuklearsicherheit nachdenken, damit sich Unglücke wie in Tschernobyl und in Fukushima nicht wiederholten, sagte Medwedjew. Er habe seinen "Freunden und Partnern" der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) Vorschläge unterbreitet, die im Falle eines Atomunglücks "katastrophale globale Folgen" verhindern sollten. Der Kreml teilte mit, Medwedjew werde auf dem G-8-Gipfel im Mai "konkrete Initiativen" zu schärferen Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke vorstellen. 

Medwedjew bekannte sich jedoch nach wie vor zur "friedlichen Atomnutzung", sie sei "die billigste und alles in allem sauberste Energieform". Atomkraftgegner halten die Nuklearenergie hingegen für teuer, unkontrollierbar und im Ernstfall tödlich. Experten schätzen den Tschernobyl-Schaden auf umgerechnet 124 Milliarden Euro.

Medwedjews Reise nach Tschernobyl ist der erste Besuch eines russischen Präsidenten am ukrainischen Unglücksreaktor. Zuletzt war der frühere Sowjetführer Michail Gorbatschow 1989 dort. "Leider zu lange wurde die Ukraine mit dem Tschernobyl-Desaster allein gelassen", sagte der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch. "Heute sind wir nicht allein."

Zum Jahrestag des Super-GAUs forderte der ukrainische Regierungschef Mykola Asarow internationale Finanzhilfen zur Bewältigung der Folgen von Tschernobyl. Trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten habe die Ukraine diese Kosten 20 Jahre lang allein getragen, erklärte Asarow. Die Katastrophe habe "soziale und wirtschaftliche Probleme" hinterlassen, die auch in vielen Jahren noch nicht überwunden seien.

Unterdessen wurden in Lwiw in der Westukraine und in der russischen Ostseeregion Kaliningrad, dem früheren Königsberg, Denkmäler für die so genannten Liquidatoren – die Aufräumarbeiter – eingeweiht. Russische Umweltschützer wollten in Moskau vor der Zentrale des Kraftwerkbauers Rosatom für eine Abschaltung alter Reaktoren demonstrieren.

Der provisorisch abgedichtete Reaktorblock von Tschernobyl droht seit Jahren einzustürzen. Ein geschätzt 1,6 Milliarden Euro teurer Sarkophag soll den brüchigen Schutzmantel ersetzen. Unter dem Provisorium aus Stahl und Beton vermuten Experten noch 190 Tonnen hoch radioaktives Material. Auch nach einer internationalen Geberkonferenz in der Vorwoche fehlen noch mehr als 200 Millionen Euro für die Finanzierung des Projekts.

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Kommentare

49 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Opferzahlen

Lieber Leser,

in der Tat ist die Angabe von Opferzahlen im Falle der Tschernobyl-Katastrophe extrem schwierig.

In dieser dpa-Meldung wurden die Schätzungen zwischen 10.000 und 100.000 vermutlich genannt, um die enorme Spanne der diskutierten Zahlen deutlich zu machen.

Aber Sie haben Recht: Es gibt auch Experten, die von noch weniger Toten ausgehen. Wir haben dazu einen Infokasten, den ich jetzt noch in die Meldung eingebaut habe. Außerdem habe ich einen klärenden Absatz hineingeschrieben.

Ein gutes Stück zum Thema finden Sie auch hier:
http://www.zeit.de/wissen...

Beste Grüße aus der Wissenschaftsredaktion.

Ich finde es gut, dass sich die Redaktion

um Klärung bemüht, da bei solchen Dingen der Eindruck entstehen könnte, es handele sich um Demagogie statt Information.

Sie müssen sehen, dass trotz der Unsicherheiten in solchen Fällen für Experten die Größenordnung aufgrund der wissenschaftlichen Fakten (Dosis-Wirtkungs-Beziehung) klar ist, während Laien und leicht beeinflussbare Personen sowie politische Gangster auf unseriöse Spekulationen "abfahren".

Es ist wissenschaftlich gesehen völlig ausgeschlossen, dass 10.000 bis 100.000 Personen allein in der Ukraine bis heute an Chernobyl gestorben sind. Dies ist für Personen mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund offensichtlich.

Daher bitte ich die Redaktion noch einmal, im Sinne der Pressegrundsätze zu einer sachlichen Politik zurückzukehren und die einzig seriöse Diskussionsgrundlage zu bemühen, die von der Weltgesundheitsorganisation miterarbeitete Studie (UNSCEAR, Chernobyl-Forum) und evtl. Kritik an diesem Werk seriös und sinnvoll zu gestalten. MfG /TN

Sie sind Wissenschaftler?

"Es ist wissenschaftlich gesehen völlig ausgeschlossen, dass 10.000 bis 100.000 Personen allein in der Ukraine bis heute an Chernobyl gestorben sind. Dies ist für Personen mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund offensichtlich."

Das interpretiere ich jetzt mal so, dass Sie davon ausgehen, dass die Leute dort vor Ort einer solchen Äquivalenzdosis ausgesetzt waren, sind dann evakuiert worden und alles war gut.

So einfach kann man es sich zwar machen, man muss es aber nicht. Da die Leute vor Ort nicht nur nicht rechtzeitig gewarnt wurden, sondern auch erst viel zu spät gewarnt wurden, lebten sie dort fast drei Tage völlig normal ohne jede Sicherheitsvorkehrungen und ahnungslos.

Da ist es ja völlig unwahrscheinlich, dass dort Nuklide mit der Luft, dem Wasser oder der Nahrung inkorporiert wurden. Hören Sie doch bitte einfach auf, die schön gerechneten offiziellen Zahlen herzubeten. Die sind vor dem Hintergrund massiver Inkorporation nicht so ganz plausibel.

Es macht auch niemand Panik, die Schönfärberei der Atom-Lobbyisten ist einfach nur schwer zu ertragen. Und Ihre Aussage, als Wissenschaftler etwas vollkommen ausschließen zu können, ohne im Besitz des Wissens um sämtliche Details dieser Tragödie zu sein (das können Sie ja gar nicht), ist nicht eben ein guter Ausweis für die Objektivität Ihrer Aussage.

Glatt gelogen!

10.000 Opfer bis heute würde bedeuten, dass mehrere 100.000 Personen 1Sv abbekommen haben. Dabei lebten keine 200.000 Zivilisten in der Sperrzone und von den Liquidatoren haben nur ca. 60.000 relevante Dosen von mehreren 100mSv abbekommen. Aber leider ist beim Thema Kernenergie rücksichtsloses Lügen Normalität...

Die "Wahrheit" liegt bei

ca. 60 Toten und WENIGEN 100 verspäteten Toten. Dazu kommen 5000 Schwerverletzte (Schilddrüsenfälle) und 60.000 Leichtverletzte (Liquidatoren mit meheren 100 mSV). Dies wird weitere ca. 3.000 "Statistikleichen" in den nächsten 35 Jahren verursachen, die bisher aber ausgeblieben sind.

Für Informationen über dem hier üblichen Vorschulniveau s. UNSCEAR (WHO, IAEA...)

Wo man auch hinschaut ...

gibt es Risiken.

Und überall gibt es das Bestreben, diese zu minimieren oder auszuschalten.

Besonders leicht geht das bei Atomkraftwerken - die produzieren ja nur 3% der Weltenergie. Wobei ihr Restrisiko unverantwortbar hoch ist: sie können weite Regionen unbewohnbar machen.

Warum sollte man für das Bisschen Strom so viele Risiken auf sich nehmen, und den Müll auf ewige Zeiten horten?