Aus Angst vor rechtsradikalen Übergriffen haben Hunderte Roma den ungarischen Ort Gyöngyöspata verlassen. Das Rote Kreuz holte knapp 300 Frauen und Kinder mit Bussen aus dem Dorf, berichteten Augenzeugen. Grund sei ie geplante Versammlung der rechtsradikalen, paramilitärischen Gruppierung Vederö. Für das Osterwochenende hat die Gruppe am Ortsrand zu einem Trainingslager eingeladen. Teilnehmer wurden aufgerufen, in Uniformen und mit Gummigeschoss-Waffen zu erscheinen.

Rechtsextreme terrorisieren den 2800-Einwohner-Ort schon wochenlang. In Tarnanzügen marschieren sie durch die Straßen und ängstigten die Dorfbewohner. Seit "beinahe zwei Monaten ist Gyöngyöspata praktisch ein Schlachtfeld," zitiert Spiegel Online den Vorsitzenden des örtlichen Romarats.

Ungarns Regierungssprecher Peter Szijjarto versuchte zu beschwichtigen: Die Evakuierungsaktion des Roten Kreuzes sei nicht aufgrund einer "Notsituation" durchgeführt worden, sagte er. Es handle sich vielmehr um einen länger geplanten "Ausflug" über das Osterwochenende. Erik Selymes, geschäftsführender Direktor des Ungarischen Roten Kreuzes, bestätigte diese Darstellung auf Anfrage.

Die Roma in Gyöngyöspata hätten sich am vergangenen Dienstag an das Rote Kreuz mit der Bitte gewandt, das Ferienlager zu organisieren, erläuterte Selymes. Ein Zusammenhang mit der Präsenz von Rechtsradikalen im Ort habe nicht bestanden. Die Bitte sei nicht ungewöhnlich gewesen, zumal Ungarns Rotes Kreuz in den letzten 30 Jahren etwa 600 derartige Freizeitaktivitäten für bedürftige Ungarn organisiert habe, sagte Selymes weiter.

Unterdessen ging die Polizei gegen das Trainingslager vor. Viele Teilnehmer wurden nach einem Bericht des Nachrichtenportals index.hu wegen "Rowdytums" von den Beamten abgeführt. Vederö-Vertreter erklärten dazu, die Polizei missachte die Tatsache, dass das Trainingslager auf einem Privatgrundstück stattfinde.

In einigen Orten Ungarns hatten sich zuletzt Bürgerwehren gebildet, um gegen die angebliche Roma-Kriminalität vorzugehen. Unterstützt werden solche Aktivitäten durch rechtsextreme Gruppen. Ungarns Regierung hat mehrfach betont, es nicht zulassen zu wollen, dass das Gewaltmonopol des Staats von derartigen Gruppen übernommen wird. Innenminister Sandor Pinter hatte am angekündigt, dass die Polizei mehr Befugnisse bekommen soll, um die Aktivitäten von extremistischen Bürgerwehren zu verhindern.

Das EU-Mitgliedsland Ungarn steht seit langem wegen seiner Verfassungsreform in der Kritik. Das Parlament in Budapest hatte Mitte April die umstrittene neue Verfassung gebilligt, die Kritikern zufolge die Macht der rechtsnationalen Regierungspartei Fidesz festigt und Nachfolgeregierungen handlungsgunfähig machen kann.