TerrorismusDer Tod bin Ladens ist kein Grund zum Feiern

Die Weltgemeinschaft sollte den Rechtsstaat unzweideutig gegen Terror und Willkür verteidigen. Aber sich nicht mit ihm auf eine Stufe stellen. Von Pastor Renke Brahms

Natürlich fand ich es immer richtig und wichtig, den Terroristenführer Osama bin Laden zu suchen und zur Rechenschaft zu ziehen. Schließlich hat er sich stets eindeutig dazu bekannt, die Anschläge am 11. September 2011 und später in London und Madrid in Auftrag gegeben zu haben. Er war der geistige Drahtzieher des Terrors, der Unglück über Tausende Menschen und ihre Familien gebracht hat. Vor diesem Hintergrund kann ich die Erleichterung gut verstehen, die Menschen spontan dazu veranlasst hat, am Ground Zero und anderswo zusammenzukommen.

Doch die überschäumende Freude und Begeisterung kann ich nicht teilen. Es wäre besser gewesen, man hätte Osama bin Laden gefasst und mit rechtsstaatlichen Mitteln zur Verantwortung gezogen. Das wäre für mich der viel größere Erfolg gewesen, zumal der Kopf des Terrornetzes al-Qaida ja stets beteuert hat, dass er sich niemals in Gefangen­schaft begeben wolle. Ihn vor den Internationalen Gerichtshof zu stellen, wäre der richtige Weg gewesen. Ein Prozess hätte es ermöglicht, sich mit der Entstehung dieses Terrors, dem Netzwerk al-Qaida und der Ideologie bin Ladens auseinanderzusetzen.

Diese Chance haben die amerikanischen Spezialkräfte mit ihrer Kommando-Aktion in Pakistan vertan, als sie bin Laden im Feuergefecht getötet haben. Oder war es vielleicht doch ein "kurzer Prozess", eine Hinrichtung? Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet worden. Meines Erachtens muss die erste Absicht der Weltgemeinschaft stets sein, den Rechtsstaat unzweideutig gegen Terror und Willkür zu verteidigen und nicht, sich mit ihm auf eine Stufe zu stellen. Deshalb breche ich über den Tod bin Ladens nicht in Jubel aus.

Anzeige
Pastor Renke Brahms

Pastor Renke Brahms

Außerdem bin ich eher skeptisch, ob der Tod bin Ladens wirklich den Terror beendet. Ich befürchte, er ist nur dem Haupt der griechischen Sagengestalt Hydra vergleichbar. Kaum wird ihr der Kopf abgeschlagen, wachsen an dessen Stelle zwei neue nach. Obwohl man ja offensichtlich den Körper bin Ladens im Meer versenkt und sein Haus dem Erdboden gleich gemacht hat, befürchte ich, dass der Terrorchef für viele Menschen zum Märtyrer wird und sie zu neuen Anschlägen bewegt.

Mir ist es aber auch wichtig, nach den Wurzeln des Terrorismus zu fragen, nur so können wir ihn langfristig überwinden. Dazu gehört für mich auch, über den Missbrauch der Religionen nachzudenken und über eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung.

Obwohl ich für die Gefühle derer Verständnis habe, die ihre Angehörigen in den Türmen des World Trade Center verloren haben, bin ich der Überzeugung, dass es für Rache keine theologische Rechtfertigung gibt. Deshalb begrüße ich die Aussage von US-Präsidenten Barack Obama, dass die Kommando-Aktion nicht gegen den Islam, sondern gegen einen falschen Propheten gerichtet gewesen ist. Muslim zu sein, heißt im wörtlichen Sinn, für den Frieden zu sein. Und dass alle friedlichen Weltbürger, Muslime und Christen gleichermaßen, andere Maßstäbe und andere Praktiken haben, dafür hätte ich mir ein deutliches Signal gewünscht.

Pastor Renke Brahms ist Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland

 
Leserkommentare
  1. ...genauso wie die Todesstrafe im Zivilleben und die Inkaufnahme von sogenannten Kollateralschäden, d. h. des Todes v. unschuldigen Menschen, wie in Afghanistan unangemessen ist - was auch zu politischen Konsequenzen (Abzug aus Afghanistan) führen muss.

    Die Tötung Bin Ladens war ein republikanisch-revolutionärer Akt gegen einen Feind des menschenwürdigen und zivilisierten Lebens, z. B. des Lebens der kleinen und etwas größeren Angestellten im World Trade Center und ihres alltäglichen Strebens nach Glück. Vielleicht werden eines Tages auch die Menschen in Teheran ihr Recht auf Glück gegen einen repressiven Obskurantismus erkämpften.
    PS Es ist m. E. kein Zufall, dass es Präsident Obama war, der dieses peinliche Geheimdienstspiel beendete. Trotz aller Zugeständnisse gegenüber dem militärisch-industriellen Komplex ist er ein Politiker, der die egalitären aufklärerischen Werte der amerikanischen Verfassung ernst nimmt, auch weil er selbst ein Produkt eines emanzipatorischen Leistungs- und Aufstiegswillens ist – im Gegensatz zu seinem Vorgänger.

    Eine Leserempfehlung
  2. Zitat Beitrag18. Sympathie mit Verbrechern
    Warum empfinden in Deutschland so viele Menschen Sympathie mit Verbrechern und warum verachten sie die Opfer von Verbrechern?
    Selb
    ########
    Ich bin ganz anderer Meinung wie du, deine Meinung müsste verboten werden....... und ich werde mein Leben dafür geben, das du diese Meinung sagen darfst! (Eines der ganz goßen Zitate der Menscheit aus der franz. Revolution)
    .
    Und jeder Strafverteidiger der ....(bitte einsetzen).... macht sich gemein mit dem Täter!
    .
    Was du als Sympathie für Verbrecher empfindest ist nicht anderes als uneingeschränktes Eintreten für den Rechsstaat. JEDER mag er noch so schlimmes getan haben hat Anrecht auf ein faires rechtsstaatliches Verfahren mit Verteidigern, Anklägern, Richtern und Gesetzen!
    .
    Besorgt um den Rechststaat
    Gruss
    Sikasuu
    .
    Ps. Friedrich d.Gr. (König) soll bei einem Strei mal einem Müller gedroht haben: „Weiß Er denn nicht, daß ich Ihm kraft meiner königlichen Macht die Mühle wegnehmen kann, ohne auch nur einen Groschen dafür zu bezahlen?“ Worauf der Müller geantwortet haben soll: „Gewiß, Euer Majestät, das könnten Euer Majestät wohl tun, wenn es – mit Verlaub gesagt – nicht das Kammergericht in Berlin gäbe.

    3 Leserempfehlungen
  3. [...]

    Entfernt wegen Doppelpostings. Die Redaktion/er

  4. Kann ich nur beipflichten, auf den Punkt getroffen.

    @ Herr Brahms
    "eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung." Das ist nun sehr weit hergeholt. Wie wir wissen, spielt die Religion dabei eine sehr große Rolle, aber auch Diktaturen, die von unserer christlichen Partei unterstützt werden.
    Wünsche haben wir alle.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber sternentau,

    es mag hierzulande Parteien geben, die sich christlich nennen (übrigens aus historisch respektablen Gründen).

    Es mag hierzulande auch (Schein- und Pseudo-)Gewerkschaften geben, die sich christlich nennen.

    Es gibt aber ganz sicher auch den Unterschied zwischen Sein und Sein-wollen.

    Herzlichst
    aR

    PS: Die Schuldgeschichte der Kirchen ist nicht zu leugnen. In jüngerer Zeit jedoch, spätestens seit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1946, haben diese allerdings die "ungerechte Weltwirtschaftsordnung" u.a.m. unablässig kritisiert. Soviel Ehrlichkeit sollte auch sein.

    Lieber sternentau,

    es mag hierzulande Parteien geben, die sich christlich nennen (übrigens aus historisch respektablen Gründen).

    Es mag hierzulande auch (Schein- und Pseudo-)Gewerkschaften geben, die sich christlich nennen.

    Es gibt aber ganz sicher auch den Unterschied zwischen Sein und Sein-wollen.

    Herzlichst
    aR

    PS: Die Schuldgeschichte der Kirchen ist nicht zu leugnen. In jüngerer Zeit jedoch, spätestens seit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1946, haben diese allerdings die "ungerechte Weltwirtschaftsordnung" u.a.m. unablässig kritisiert. Soviel Ehrlichkeit sollte auch sein.

  5. "Obwohl ich für die Gefühle derer Verständnis habe, die ihre Angehörigen in den Türmen des World Trade Center verloren haben, bin ich der Überzeugung, dass es für Rache keine theologische Rechtfertigung gibt." Na dann überlegen sie mal, wie Sie Mirjams Siegesgesang theologisch rechtfertigen wollen, bekanntlich einer der ältesten Teile der Bibel, in dem Gott dem Herrn für die Vernichtung Pharaos und seines Heeres in hymnischem Jubel gedankt wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Liebes mandarinchen,

    vielleicht weil nicht Moses einen Staudamm baute und zur rechten Zeit einriss, sondern weil die Bibel das Urteil über Pharao Gott zuschreibt...

    Denn wie sang Mirjam, wem dankt sie gleich noch mal?

    Herzlichst

    aR

    PS: Nicht erschrecken: Ihrem Kommentar #42 stimme ich übrigens (abzüglich seiner Polemik) zu.

    Liebes mandarinchen,

    vielleicht weil nicht Moses einen Staudamm baute und zur rechten Zeit einriss, sondern weil die Bibel das Urteil über Pharao Gott zuschreibt...

    Denn wie sang Mirjam, wem dankt sie gleich noch mal?

    Herzlichst

    aR

    PS: Nicht erschrecken: Ihrem Kommentar #42 stimme ich übrigens (abzüglich seiner Polemik) zu.

  6. Herr Brahms, vielen Dank für den guten Artikel.

    @JoG: Das Rechtsstaatsprinzip ist keine "gesellschaftliche Technologie", sondern ein schwer errungenes elementares Ordnungsprinzip des Zusammenlebens, eine echte Leistung der Moderne. Eine Technologie kann man über Bord werden. Wenn man das Rechtstaatsprinzip für de facto beliebig disponibel hält (indem man einfach entscheidet, dass es da und dort halt nicht angewendet wird), liquidiert man es.

    Wo man das nicht richtig versteht, kann es schädlich oder sogar tödlich sein. Das ist das Traurige und Gefährliche an Meinungen wie den Ihrigen und denen anderer, wie sie hier vorgetragen werden (siehe auch Kommentar 8 usw., falls der nicht deplacierte Satire sein soll).

    3 Leserempfehlungen
  7. Ich möchte Sie gerne auf meine Frage im Kommentar von 21 Uhr 29 verweisen. Vielleicht kann Ihnen dieser Denkanstoß bei der Neubewertung Ihrer Aussagen über die amerikanischen Verdienste in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Europa nützlich sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Einblicke"
  8. ... wird langsam unerträglich - "Man hätte", "Man sollte". Wer hätte, wer sollte? Diese wohlfeilen Forderungen mögen für eine Sonntagspredigt schön klingen, haben aber im internationalen Recht nichts zu suchen.

    Warum erbarmt sich nicht mal ein Redakteur und schreibt einen gründlichen Hintergrund zum Thema "Internationaler Strafgerichtshof?"

    Einstweilen hier ein Auszug aus der Wikipedia, der zumindest oberflächlich Einblick gewährt:

    Kerngrundsätze des IStGH sind:

    * die Zuständigkeit und Gerichtsbarkeit für die o. g. „schwersten Verbrechen, welche die internationale Gemeinschaft als Ganzes“ berühren;

    Bitte vor diesen Punkt beachten:
    * der Vorrang der nationalen Gerichtsbarkeit, soweit diese existiert und fähig und willens ist, die Strafverfolgung tatsächlich zu betreiben (Komplementaritätsgrundsatz des IStGH);

    Das US-Recht ist also prinzipiell hier anzuwenden. Und Obama hat bestimmt nicht ausserhalb des rechtlichen Rahmens der USA gehandelt. Wenn das dort jemand anders sieht, können sie das unter sich ausmachen. Es gibt dort ein Amtsenthebungsverfahren.

    Man kann ja gegen Obama ein Verfahren in Den Haag anstreben.

    Falls sich das absurd anhört, bitte nicht Obama mit Osama vergleichen.

    Nochmal im Klartext: OSama hat mehrfach die Urheberschaft an 911 für sich beansprucht, eine Unschuldsvermutung gibt es hier nicht!

    Pastor Brahms kann gern mal einen Appell an die noch gesuchten al-Qaida-Größen richten, dass die alle vor einem deutschen Gericht erscheinen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben:
    "Nochmal im Klartext: OSama hat mehrfach die Urheberschaft an 911 für sich beansprucht, eine Unschuldsvermutung gibt es hier nicht!"

    Warum wurde Bin Laden denn vom FBI nicht für den 11.9. gesucht? Checken Sie mal bitte deren Homepage.

    Sie zimmern sich Ihr Weltbild offensichtlich so, daß es die Tötung - egal, wie sie abgelaufen und wer wirklich das Opfer ist - rechtfertigt, wie auch so manch anderer Forist hier.

    Wenn Sie aber sogenannte Fakten vortragen, sollten Sie schon prüfen, wie stichhaltig Ihre Interpretation der Ihnen von Dritten gelieferten Information als Faktum im Einzelfall ist.

    Es geht hier übrigens nicht um Verschwörungstheorien. Ich will auch nicht mit Ihnen Tee trinken und diskutieren. Eier habe ich auch in der Hose. Das nur mal vorbeugend, bevor die üblichen Anfeindungen kommen.

    Der Artikel von Herrn Brahms ist super. Ihn anzugreifen zeugt von Nichtwissen aus Dummheit oder Ingnoranz. Herr Brahms weiß das und hat Nachsicht.

    Merkel, Wulff und viele weitere Leute, auch hier im Forum, die sich "Christen" nennen, die behaupten, "gläubig" zu sein, lassen gerade ihre Masken fallen.

    Der Artikel dreht sich einzig und allein um die Tatsache, daß diese Leute mit "Rechtsstaatlichkeit", "Demokratie" und "Menschenrechten" argumentieren, wenn sie Angriffskriege um Rohstoffe rechtfertigen wollen, diese Argumente aber jetzt selbst als vorgeschoben entlarvt haben.

    Übrigens:
    Schon mal dran gedacht, daß "die Terroristen" aus ihrer Sicht aus Notwehr handeln?

    Sie schreiben:
    "Nochmal im Klartext: OSama hat mehrfach die Urheberschaft an 911 für sich beansprucht, eine Unschuldsvermutung gibt es hier nicht!"

    Warum wurde Bin Laden denn vom FBI nicht für den 11.9. gesucht? Checken Sie mal bitte deren Homepage.

    Sie zimmern sich Ihr Weltbild offensichtlich so, daß es die Tötung - egal, wie sie abgelaufen und wer wirklich das Opfer ist - rechtfertigt, wie auch so manch anderer Forist hier.

    Wenn Sie aber sogenannte Fakten vortragen, sollten Sie schon prüfen, wie stichhaltig Ihre Interpretation der Ihnen von Dritten gelieferten Information als Faktum im Einzelfall ist.

    Es geht hier übrigens nicht um Verschwörungstheorien. Ich will auch nicht mit Ihnen Tee trinken und diskutieren. Eier habe ich auch in der Hose. Das nur mal vorbeugend, bevor die üblichen Anfeindungen kommen.

    Der Artikel von Herrn Brahms ist super. Ihn anzugreifen zeugt von Nichtwissen aus Dummheit oder Ingnoranz. Herr Brahms weiß das und hat Nachsicht.

    Merkel, Wulff und viele weitere Leute, auch hier im Forum, die sich "Christen" nennen, die behaupten, "gläubig" zu sein, lassen gerade ihre Masken fallen.

    Der Artikel dreht sich einzig und allein um die Tatsache, daß diese Leute mit "Rechtsstaatlichkeit", "Demokratie" und "Menschenrechten" argumentieren, wenn sie Angriffskriege um Rohstoffe rechtfertigen wollen, diese Argumente aber jetzt selbst als vorgeschoben entlarvt haben.

    Übrigens:
    Schon mal dran gedacht, daß "die Terroristen" aus ihrer Sicht aus Notwehr handeln?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 148
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Terrorismus | Tod | Barack Obama | Anschlag | Islam | Missbrauch
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service