Der Prozess gegen John Demjanjuk ist mit einem Schuldspruch für den Angeklagten zu Ende gegangen. Das Landgericht München II hat den 91-Jährigen zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der gebürtige Ukrainer 1943 im Vernichtungslager Sobibor als KZ-Wächter an 16 Massentötungen beteiligt gewesen war.

"Demjanjuk war im Zweiten Weltkrieg Teil des Machtapparats der Nazis und hat sich bereitwillig am Massenmord an den Juden beteiligt", sagte der Vorsitzende Richter Ralph Alt. Dabei habe er mindestens 28.060 Menschen vorwiegend jüdischen Glaubens in die Gaskammern getrieben. Zwar könne man Demjanjuk keine konkrete Tat zuschreiben. Da das Lager Sobibor im besetzten Polen aber allein zur planmäßigen Ermordung von Menschen diente, habe sich jeder mitschuldig gemacht, der dort Dienst tat.

Der Angeklagte nahm das Urteil ohne jede Regung auf. Der gebürtige Ukrainer, der das Verfahren von einem Rollbett neben der Richterbank mit einer Sonnenbrille über den Augen verfolgte, hat in dem fast eineinhalbjährigen Prozess geschwiegen. Auch am Ende verzichtete er auf ein Schlusswort.

In seinem Urteilsspruch folgte das Gericht zu großen Teilen dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft, die sechs Jahre Haft gefordert hatte. Auch die Anklage hatte argumentiert, dass Demjanjuk "bereitwillig" an der Judenvernichtung mitgewirkt hat.

Vorerst kann Demjanjuk das Gefängnis jedoch verlassen: Das Gericht kündigte an, den Haftbefehl gegen den 91-Jährigen aufzuheben – wegen des hohen Alters des Angeklagten und der Tatsache, dass das Urteil noch nicht rechtskräftig sei. 

Bereits vor dem Urteil hatte Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch angekündigt, beim Bundesgerichtshof (BGH) in Revision gehen zu wollen. Der BGH werde dieses Urteil "ziemlich sicher aufheben". Er werde nicht der Logik des Landgerichts folgen und einen konkreten Beweis verlangen.

Ulrich hatte einen Freispruch und Entschädigung für seinen Mandanten gefordert, den er als ein "Justizopfer Deutschlands" bezeichnete. Anwalt Ulrich Busch hielt es für nicht beweisbar, dass Demjanjuk tatsächlich in Sobibor war.

Als Beleg zitierte er aus einer Akte der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. "Ein individueller Tatvorwurf ist aus den vorgelegten Unterlagen nicht ersichtlich", heißt es laut Busch in der aus dem Jahr 2003 stammenden Akte, die die deutschen Nazi-Jäger nach einer Prüfung von Akten der USA über Demjanjuk angelegt hatten.

Die Ermittler stützten sich bei ihrer Argumentation unter anderem auf den Dienstausweis Demjanjuks. Zudem wurde stets betont, dass dieser als bewaffneter Wachmann jederzeit hätte fliehen können.

Der Prozess gegen Demjanjuk dauerte knapp eineinhalb Jahre, umfasste mehr als 90 Verhandlungstage und sorgte weltweit für Aufsehen. Auch weil mit Demjanjuk ein sogenannter Trawniki vor Gericht stand. So hießen von der SS als KZ-Wärter zwangsverpflichtete osteuropäische Kriegsgefangene. Nach Auffassung von Historikern wäre die Judenvernichtung ohne die Trawniki nicht dem geschehenen Ausmaß möglich gewesen.

Zur Urteilsverkündung reisten auch zahlreiche Angehörige von in Sobibor getöteter Juden aus den Niederlanden an. Mehr als 30 von ihnen waren als Nebenkläger aufgetreten.