Jugendgewalt Die Macht der Kameras

Die Täter sind längst gefasst, doch das Video ihres Überfalls in der Berliner U-Bahn ist noch immer allgegenwärtig. Warum wurde es bloß veröffentlicht? Von Nils Zurawski

Es sind unscharfe Bilder, die in den vergangenen Wochen wieder und wieder zu sehen waren. Sie sind von diesem leicht verzerrten Grau, das die Ästhetik von Überwachungskameras prägt, zumal sie im kalten Licht eines U-Bahnhofs entstanden sind. Es sind widerliche Bilder. Der Schlag gegen den Kopf, dann die wiederholten Tritte auf den am Boden liegenden Mann, wiederum gegen den Kopf.

Dass der Mann den brutalen Überfall im Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße überlebt hat, erscheint wie ein Wunder und ist auch auf dem beherzten Einschreiten eines unbeteiligten Fahrgastes zuzuschreiben. Die Täter haben sich längst der Polizei gestellt – den Film aber kann man auf YouTube und anderen Webseiten weiterhin ansehen. Auch die Portale verschiedener großer deutscher Zeitungen sind darunter. Und genau an diesem Punkt ergeben sich eine Reihe bislang ungeklärter Fragen, die mit den Kameras, der Macht der Bilder im Besonderen und der Gewalt und ihrer Darstellung im Allgemeinen zu tun haben. Die zentrale Frage ist: Warum hat die Berliner Polizei diese Aufnahmen veröffentlicht?

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Nils Zurawski

Nils Zurawski, Jahrgang 1968, lehrt Soziologie an der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Gewalt und Konfliktforschung sowie Informations- und Kommunikationstechnologien.


Bilder aus Überwachungskameras gehören seit etlichen Jahren zum Standardrepertoire der Kriminalitätsaufklärung. Die Polizei gibt Standbilder aus diesen Videos an die Öffentlichkeit, um flüchtigen Tätern auf die Spur zu kommen. Oft mit Erfolg. Die Veröffentlichung der eigentlichen Videos aber ist neu, wenn auch nicht ganz: Im Nachgang der Ereignisse des 11. September 2001 wurden wiederholt die Videos gezeigt, welche die späteren Attentäter beim Einchecken auf einem Flughafen zeigten. Auch von den Kofferbombern von Köln gab es Videos – keines jedoch zeigte eine Art der Gewalt, wie das aus dem Berliner U-Bahnhof. Dieses Video hat zu einer Diskussion über Jugendgewalt und den Umgang mit den Straftätern geführt. Sind das die Gründe, warum der Überwachungsfilm überhaupt veröffentlicht wurde? Das Video zeigt nur die Tat, denn auch bei genauerem Hinsehen sind kaum Gesichter zu erkennen. Außerdem gab es einen Zeugen.

Wenn es die Aufgabe der Wissenschaft ist, vor allem die richtigen Fragen zu finden, dann müsste man zunächst fragen, welchem Zweck das beständige Zeigen des Videos dienen könnte. Da es nicht zur Fahndung beitragen sollten – die Täter stellten sich ja –, was soll es dann in der Öffentlichkeit? Und welche Konsequenzen mögen derartige Bilder für unsere Wahrnehmung von Gewalt und öffentlicher Sicherheit haben?

Eine ernüchternde, aber vielleicht auch heilende Schlussfolgerung, welche das Video ganz ungefragt liefert, ist die, dass Kameras diese Vorfälle nicht verhindern können. Und es gibt auch keine Studien, die das Gegenteil behaupten. Ob sie darüber hinaus zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl beitragen, muss angesichts der brutalen und ekelhaften Bilder bezweifelt werden.

Dass wir immer mehr solche Bilder sehen und in Zukunft sehen werden, hängt auch damit zusammen, dass sich die Kameras in immer mehr Bereiche ausbreiten, insbesondere an Orte, an denen ein erhöhtes Unsicherheitspotenzial vermutet wird. Das gilt insbesondere für den öffentlichen Nahverkehr,  die U-Bahnhöfe mit ihrem nicht vorhandenen Personal.

Die U-Bahn mit ihren besonderen Räumen, ihrer Architektur der Unausweichlichkeit eignet sich nicht dafür, das Thema Jugendgewalt über den Vorfall hinaus zu diskutieren. Eine solche Diskussion muss an anderer Stelle ansetzen.

Genau das aber verhindern die Bilder aus den Kameras. Zum einen weil es durch die ständig und auf allen Kanälen wiederholten Aufnahmen so scheint, als würde es sich nicht um eine Tat, sondern um ständig neue Taten handeln. Die Bilder aus Berlin werden zu Stellvertretern für das, was in der Gesellschaft, insbesondere mit unseren Jugendlichen falsch läuft. Sie werden zu einer Ikone, Gewalt gerät zum Spektakel. Dagegen kommen die vielfältigen Studien der Polizei und universitären Forschungsinstitute mit ihren oft gegenteiligen Statistiken und Ergebnissen auf keinen Fall an.

Ob und wie solche Bilder die Einschätzung von Gewalt bei den Betrachtern verändern, ist schwer zu sagen. Eine entsprechende Forschung wäre komplex und äußerst aufwendig. Nicht zuletzt, weil die Bilder allein nicht als Ursache für solche Veränderungen in der Wahrnehmung gesehen werden dürfen – ebenso wenig wie Ballerspiele oder Kriegs- und Horrorfilme. Eine multikausale Erforschung von Gewalt ist erforderlich, gekoppelt mit einer Diskussion, die Gewalt nicht an den gesellschaftlichen Rändern verortet, sondern in ihrer Mitte. Gewalt kommt nicht über eine Gesellschaft, sondern aus ihr – die Verantwortung für den Umgang tragen somit alle ihre Mitglieder und Eliten in ihren jeweiligen Funktionen.

Die Bilder werden bleiben. Warum sie ursprünglich veröffentlicht worden sind, bleibt letztendlich unbeantwortet. Einen wirklichen Beitrag zur Aufklärung der Ursachen der Tat liefern sie nicht, ebenso wenig eignen sie sich dazu, die Tat als solche zum Musterbeispiel von Jugend in Deutschland zu machen. Die Würde des Opfers wird bei jedes Mal, wenn das Video gespielt wird, verletzt, ohne dass er sich erfolgreich dagegen wehren könnte. Den Sicherheitsaposteln und Hardlinern werden es als Argument für neue Forderungen dienen. Tatsächlich genutzt hat es niemandem.

Was bleibt, ist ein schaler Geschmack beim Zuschauer und die Erkenntnis, dass die wirklichen Probleme eben nicht durch Kameras, noch durch ihre Bilder gelöst werden. Sie leisten nichts weiter, als eine preiswerte Empörungsmaschine bereitzustellen.

 
Leser-Kommentare
  1. "Die U-Bahn mit ihren besonderen Räumen, ihrer Architektur der Unausweichlichkeit eignet sich nicht dafür, das Thema Jugendgewalt über den Vorfall hinaus zu diskutieren." Ist das nicht Gelaber?
    Ich muss das ja nicht in der U-Bahn diskutieren, das ist eh' klar. Aber ich kann dadurch angeregt werden, mir diese Frage überhaupt zu stellen und mit Bekannten zu diskutieren - und in der U-Bahn ein wenig wachsamer zu werden. Was ist daran verkehrt? Kann es für ein Nein zu Gewalt überhaupt einen unangebrachten Ort geben?
    Worin also konkret besteht das Anliegen des Journalisten, das er mit diesem Artikel verbreiten wollte?

    10 Leser-Empfehlungen
    • Matths
    • 16.05.2011 um 18:07 Uhr

    Ich habe mich auch gefragt, ob es nun gut oder schlecht ist, dass diese Bilder & Videos kreisen. Befördert es nur die Gewalt oder verhindert sie diese?

    Zum Einen macht es erst einmal diese anonymen Apparate lebendig. Da wird wirklich etwas aufgenommen!

    Zum anderen finde ich, gibt es die Chance, dass sich der Bürger auf solche Situationen mental vorbereiten kann und sich einen Plan zurechtlegen kann, wie man reagiert: Als Zeuge oder als Opfer. Und das kann auch heißen: Da ist 'ne Schuppserei, ich schau mal besser weg. Und schon poppt das Bild hoch: Wenn ich weg schaue, kann das da aus dem Video passieren. Also doch zum Handy greifen? Das wird alles in wenigen Sekunden ablaufen und da ist es gut, wenn man vorbereitet ist.

    Solche Stress-Situationen erlebt man selbst glücklicherweise höchst selten, und wenn man ihnen ausgeliefert ist, fehlt jede Handhabe einzuordnen, was da gerade passiert. Jetzt ist die sehr geringe Ahnung vielleicht zu einer geringen Ahnung geworden.

    Und natürlich: Mit dem Video wird der kollektive Nachdenkprozess angeregt, dass es solche Situationen gibt, wie man vorher und nachher damit umgeht und was man ggf. tun kann, um es zu verhindern. Sagen wir: Es wird eine Dringlichkeit für einen Wandel gezeigt.

    In sofern finde ich es gut. Auch wenn es kurzfristig mein subjektives Sicherheitsempfinden senkt, langfristig stärkt es meine objektive Sicherheit vielleicht. Ob es so ist, wird die Zukunft zeigen. Wir leben in einer dauerhaften Hypothese.

    Gruß, Matths

  2. Videos zeigte sich doch unmittelbar dadurch, dass die Täter sich der Polizei stellten.
    Offensichtlich haben sie gerade noch soviel Intelligenz, dass sie begreifen können, dass ein unerkanntes Abtauchen nach der Veröffentlichung ihrer Tat unmöglich ist.
    Man kann nur hoffen, dass im Nachhinein diese Täter auch konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Wäre dies nicht der Fall würde sich tatsächlich die Frage nach Nutzen und Sinnhaftigkeit der Veröffentlichung stellen!

  3. von dem 18jährigen in Berlin der danach noch tanzte wurde auch in der rbb Abendschau bestimmt zehn mal in zwei Tagen gezeigt, obwohl der Täter bereits ermittelt wurde-und da noch Angriffe auf Bild und RTL obwohl von Gebührenzahlern finanziert-mich hat es angewiedert und da auch nicht volljährige diese Berichterstattungen sehen konnten einfach überflüssig-und nun die Volkshetzte auf den Täter wegen Sonderurlaub und Nichtinhaftierung, da reden dann nicht Juristen sondern durch den Video geblendete--Ich wäre dafür diese Videos nicht zu veröffentlichen, maximal gestoppte Szenen zur Täterermittlung, die benötigen die Gewalt nicht-

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    Entfernt. Aus Schutz der Privatsphäre bitten wir Sie nicht den vollständigen Namen zu verwenden. Danke, die Redaktion/se

    jedoch nur wenn sie ihn dabei begleiten und dann einmal reflecktieren ob es wirklich gut ist gewalt immer und immer wieder zu zeigen

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    jedoch nur wenn sie ihn dabei begleiten und dann einmal reflecktieren ob es wirklich gut ist gewalt immer und immer wieder zu zeigen

  4. es sei denn, das Opfer ist zufällig ZEIT-Redakteurin wie im letzten Jahr (http://www.zeit.de/2010/4...)- dann ist das Aufheulen freilich gross.
    Peinliche Fehlleistung, Herr Zurawski!!

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    kann man nur hoffen, dass herr randow vielleicht ein bisschen nachdenklicher geworden ist. Ansonsten, kleine Schlaege auf den Hinterkopf erhoehen das Denkvermoegen...
    aber sein Buch ueber das Ziegenproblem war sehr gut.

    kann man nur hoffen, dass herr randow vielleicht ein bisschen nachdenklicher geworden ist. Ansonsten, kleine Schlaege auf den Hinterkopf erhoehen das Denkvermoegen...
    aber sein Buch ueber das Ziegenproblem war sehr gut.

  5. Entfernt. Aus Schutz der Privatsphäre bitten wir Sie nicht den vollständigen Namen zu verwenden. Danke, die Redaktion/se

    Antwort auf "der Video"
  6. jedoch nur wenn sie ihn dabei begleiten und dann einmal reflecktieren ob es wirklich gut ist gewalt immer und immer wieder zu zeigen

    Antwort auf "der Video"
  7. Dem Bürger soll eingetrichtert werden "oh seht doch, wir konnten ein Verbrechen verhin... äh aufzeichnen! Lasst uns überall Kameras machen, wer was verbirgt ist ein Terrorist"

    Keine Sorge, lieber Journalist. Das Regime achtet schon ganz genau darauf, welche Filme veröffentlicht werden. Ein Schäuble im Hotelzimmer oder eine Fallschirm-Cam wird nicht dabei sein...

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