Es ist geschafft. 6000 Kilometer Zugfahrt von Moskau nach Lissabon liegen hinter mir. Elf Städte in zwei Wochen, zusammen mit dem italienischen Starkolumnisten Beppe Severgnini . Im Auftrag des Goethe-Instituts sollten wir Antworten finden: Wie gut kennen wir Europa wirklich? Stimmen die Klischees, die wir über die Bewohner anderer Länder im Kopf haben – sind Russen Servicefeinde und Machtpotentaten? Denken Schweizer immer nur an Geld? Schlemmen Franzosen wirklich immer, machen die Spanier die Nacht zum Tag und die Portugiesen vor lauter Melancholie immer nur Urlaub, wie es Angela Merkel nahelegt?

Richtig, diese Fragen und noch viele andere auf einer solchen Tour im Schnelldurchlauf seriös zu beantworten, ist unmöglich. Aber überraschenderweise ist die Perspektive, die man unwillkürlich einnimmt, wenn man jede Nacht in einer anderen Stadt, jeden Tag in einem anderen Zug verbringt – oder auch umgekehrt – sehr hilfreich. Muss sich unser Hirn ständig neu orientieren, blendet es unwichtige Details aus. Unterschiede und Gemeinsamkeiten fallen uns dagegen umso mehr auf. Und auf einmal hatte ich doch die Chance, ein Stück weit zu begreifen, was Europa in seinem Kern ausmacht. Sicher, da ist die gemeinsame Geschichte, die Kultur, die christlichen Kirchen. Aber da ist noch mehr.

Moskau beispielsweise ist eine faszinierende Stadt, von deren breiten Straßen und Hochhauszeilen ich schon in Ostberlin eine Vorahnung bekommen hatte; und die Stadt ist freundlicher als gedacht. Wir wurden kein einziges Mal von der Entourage eines Machtpotentaten zur Seite gerammt, im Hotel gab es WLAN und wer das Gebäude betrat, wurde penibel auf Waffen durchleuchtet. Und in Kiew, wo scheinbar jeder, der nicht Geistlicher wird, mit dem Gedanken spielt, das Land zu verlassen, verpasste uns ein Dolmetscher die gründlichste Stadtführung der gesamten Reise und setzte uns dann fürsorglich wie einen Freund in den Nachtzug nach Krakau.

Aber trotzdem, heimisch fühlte ich mich erst später, in Krakau. Nachdem wir die Schengengrenze hinter uns hatten, mit ihrem ganzen Kontrollinstrumentarium, der Hohlraumüberprüfung im Zug, den Geheimdienstmann, der aussah wie Putin, und der Schnüffelhund, der aussah wie ein Cockerspaniel. Vor der Grenze hatten die Menschen die schmalen Äcker hinter ihren kleinen Häusern noch mit Pferden gepflügt, gleich danach wurden die Häuser größer, und auf den Feldern fuhren Traktoren.

Die Schrift auf den Schildern war nicht mehr kyrillisch. Die Autos, die über Fußgängerstreifen rasten, ohne anzuhalten, waren deutscher oder französischer Bauart. Und unser Hotel benötigte keine Sicherheitsschleuse an der Tür. Vielleicht lag es auch daran, dass, obwohl Polens politische Klasse nach wie vor zerrissen ist wegen der Ursachen des Flugzeugabsturzes von Smolensk , ich trotzdem nicht den Eindruck hatte, dass alle Einwohner dieses Land am liebsten verlassen hätten. Im Gegenteil, ich traf Menschen, die hergezogen waren, Ukrainer, aber auch Deutsche und Italiener.

Ja, zu Europa gehört noch mehr: Demokratien, die tatsächlich funktionieren. Bildung als hohes Gut. Freiheit für jeden Einzelnen, sein Glück zu suchen. Eine Wirtschaft, die auch dem Menschen dient. Und, für uns längst normal, zu Zeiten des Kalten Krieges für viele unvorstellbar: die Möglichkeit zu reisen. Grenzen zu überqueren, teilweise ohne es zu merken, ohne den Ausweis zu zücken, im Schlafwagen zu einem Café au lait in Lyon, zu einem Wochenende am Stadtstrand von Barcelona. Europa, dieses oft als künstlich verschrieene Staaten- und Wirtschaftsgebilde, in dem es gerade in der griechischen Ecke kracht, in der portugiesischen rumort, in der dänischen grollt, es lässt sich auf einer Zugreise wirklich erahnen.

Natürlich, wer Stereotypen sucht, wird sie finden. Schweizer Taxifahrer, die am Bahnhof erstmal nachrechnen, ob es sich für sie überhaupt lohnt, jemanden zu befördern. Russische Kellner, die es ungern sehen, dass ein Gast ihr Gespräch stört. Spanier, die gerne laut feiern und schlimmer Auto fahren als Polen und Italiener zusammen. Und Franzosen, die wirklich gut essen (was ich persönlich für alles andere als schlimm halte).