David Berger steht auf dem Balkon seiner Wohnung im Kölner Süden, braungebrannt, in grauem T-Shirt und hellen Jeans, die Hände lässig in den Hosentaschen. Um ihn herum reiht sich eine Topfpflanze an die nächste, neben der Tür warten ein runder Grill und ein halb leerer Sack Holzkohle auf ihren nächsten Einsatz. Berger blickt gen Osten, zur Severinskirche, und lächelt. Es könnte ein Tag sein, wie jeder andere.

Doch in diesen Wochen ist für Berger nichts wie gewohnt. Die Kirche, die ihn Zeit seines Lebens begleitet hat, die ihm so nah ist, sie hat ihn verstoßen, allein gelassen. Seit sich der studierte Theologe und Religionslehrer im letzten Jahr zunächst als schwul outete, und dann die katholische Kirche in seinem Buch Der heilige Schein öffentlich für ihren Umgang mit Homosexualität kritisierte, scheiden sich an ihm die Geistlichen. Zwar bekam Berger viel Rückendeckung für sein Buch, auch in Zuschriften von katholischen Priestern. Gleichzeitig begannen radikal Konservative in Internetforen wie kreuz.net aber eine regelrechte Hetzjagd gegen den 43-Jährigen. Sie bezeichneten ihn als "homo-gestört" und "notorischen Lügner" und forderten Joachim Kardinal Meisner zu Konsequenzen auf. Der umstrittene Kardinal ließ sich nicht lange bitten: Am Donnerstag vor einer Woche entzog der Kölner Erzbischof Berger die Lehrerlaubnis für das Fach katholische Religion.

Mit dieser Entscheidung führt der als Hardliner bekannte Meisner seine konservative Linie fort. Der Kölner Kardinal ist seit 22 Jahren im Amt, gilt als einer, der Kritiker gerne aussortiert und für den Homosexualität gegen die Schöpfungsordnung verstößt. Damit spiegelt Meisner in der katholischen Kirche die offizielle Meinung – sogar die des Papstes – wider. Lange Jahre galt die Lehre des katholischen Katechismus, der das Ausleben von homosexuellen Handlungen als schwere Sünde sieht, die bloße Neigung allerdings noch nicht. 2005 veröffentlichte dann der Vatikan ein Dokument, das nicht nur offen schwul lebenden Katholiken die Priesterweihe verweigert, sondern auch solchen, die "tief sitzende homosexuelle Tendenzen" haben. Das Paradoxe: In dem gleichen Dokument fordert die katholische Kirche dazu auf, Homosexuelle nicht zu diskriminieren.

"Offiziell soll meine Homosexualität natürlich keine Rolle gespielt haben", sagt Berger, während er Labrador Niko streichelt, der es sich im Esszimmer neben ihm auf dem hellen Parkettboden gemütlich gemacht hat. Vor dem Theologen liegt das Dekret, in dem Meisner den Rausschmiss ausschließlich mit der Kritik begründet, die Berger in seinem Buch an der katholischen Kirche übt. Dadurch habe er das Vertrauen des Bischofs zerstört und könne "nicht mehr glaubwürdig im Auftrag der Kirche katholischen Religionsunterricht erteilen". Doch die Antworten einer Sprecherin Meisners zeigen ein anderes Bild: "Der Kardinal duldet nicht, dass man als Religionslehrer seine Homosexualität so offen nach außen trägt", sagte sie zu ZEIT ONLINE

Intoleranz und Zensur, damit hätte Lehrer Berger rechnen müssen, immerhin kennt er Kardinal Meisner seit vielen Jahren. In seinem Buch wirft er der katholischen Kirche eine Doppelmoral vor: Indem sie Homosexualität nach außen verteufelt, obwohl sie in ihren eigenen Reihen viele schwule Priester habe . Auf den Talkshowsesseln der Republik, etwa bei ZDF-Fragensteller Markus Lanz oder dessen WDR-Kollegin Bettina Böttinger legte er nach, provozierte die konservative Geistlichkeit mit Aussagen wie "20 bis 40 Prozent der katholischen Priester sind schwul". Schon als er das Buch geschrieben habe, habe er die Reaktion der Kirche gefürchtet, sagt Berger. "Aber irgendwie habe ich gedacht, dass es im Sande verläuft."

Es kam anders. Den Moment der Verbannung wird David Berger wohl nie wieder vergessen: Es war etwa halb zwölf, Berger hatte gerade eine Freistunde und machte sich einen Kaffee in dem schmalen Durchgangsraum neben dem Lehrerzimmer am Ville-Gymnasium in Erftstadt-Liblar, wo er seit elf Jahren Deutsch und Religion unterrichtet. Die Erzdiözese hatte zwei Briefe gleichzeitig raus geschickt, einen an die Schule und einen an Bergers Privatwohnung. Weil Berger den ganzen Morgen in der Schule war, wusste die Schulleitung vor ihm Bescheid. Stellvertreter Martin Sina kam in die Kaffeebar, bat ihn in sein Dienstzimmer und legte ihm das Schreiben vor: Von einem auf den anderen Tag durfte Berger seine sieben Religionsklassen nicht mehr unterrichten.