Jugendgewalt : "Die Polizei kann nicht überall sein"

Mehr Streifenpolizisten allein können Gewalt in der U-Bahn nicht verhindern, sagt Thomas Dublies von der Berliner Polizei. Doch sie helfen gegen die Angst der Bürger.
Eine Frau läuft durch die U-Bahn Station Potsdamer Platz in Berlin.

ZEIT ONLINE : Herr Dublies, wie macht man eine U-Bahn sicher?

Thomas Dublies :  Indem wir Schwerpunkte setzen, entweder mit Großeinsätzen, verdeckt oder mit regelmäßigen Streifen. Das heißt zum Beispiel, den Drogenhandel in der U-Bahn zu bekämpfen. Davon bekommen die Fahrgäste in der Regel kaum etwas mit. Aber Drogenhändler nutzen die U-Bahn sehr gerne. Hier können sie sich kurzfristig verabreden, ein Handschlag reicht, dann fahren sie in verschiedene Richtungen weiter. Dafür haben wir ein spezielles Dezernat im LKA, das mit verdeckten Maßnahmen arbeitet. Andere Schwerpunkte sind Taschendiebstahl und Graffiti. Wie werden immer mit dem Vorwurf konfrontiert: Ihr seid nicht da. Aber das stimmt gar nicht. Wir werden nicht immer bemerkt.
 
ZEIT ONLINE : Aber Berlin hat in den vergangenen Jahren viele Polizistenstellen abgebaut.

Thomas Dublies

Thomas Dublies arbeitet im Stab des Berliner Polizeipräsidiums. Eines seiner Spezialgebiete ist die Sicherheit im Öffentlichen Nahverkehr.

Dublies:  Ja, das lesen die Leute in der Zeitung und fühlen sich unsicher. Der Stellenabbau führt natürlich zu einer Arbeitsverdichtung, aber wir haben viel aufgefangen. Deshalb ist es uns gelungen, seit 2006 die Einsätze im Nahverkehr zu erhöhen, und wir haben erreicht, dass die Kriminalität deutlich gesunken ist. Die Maßnahmen werden von den Fahrgästen nicht in dem gewünschten Maß wahrgenommen, sehr wohl aber von den Kriminellen.

ZEIT ONLINE : Dennoch macht die Berliner U-Bahn mit Fällen brutaler Jugendgewalt Schlagzeilen . Nun hat die Stadt angekündigt, dass wieder mehr Doppelstreifen in den U-Bahnhöfen unterwegs sein werden. Ist das nur Wahlkampf oder sinnvoll?

Dublies : Seit vergangenem Donnerstag gibt es weitere Schwerpunkteinsätze. Täglich werden, neben mehr BVG-Sicherheitsleuten, bis zu 60 Polizisten in Uniform eingesetzt. Wir wollen gemeinsam zeigen, dass wir noch stärker präsent sind. Das Vertrauen der Leute in einen sicheren Personennahverkehr ist wichtig. Im Rahmen des Projektes Susi Team hat Herr Dr. Leon Hempel von der TU Berlin herausgefunden, dass sich die Bürger weder durch einen Notrufknopf noch durch Videotechnik sicherer fühlen. Sie erwarten vor allem, dass jemand für sie da und ansprechbar ist – sie wollen erkennbare Präsenz. Das muss kein Polizist sein, es kann auch ein Mitarbeiter des Betreibers sein.

ZEIT ONLINE : Wie sieht ihr neuer Einsatz konkret aus?

Dublies:  Wir haben die Maßnahmen in den Abend- und Nachtstunden deutlich erhöht und werden zusätzlich Schwerpunkteinsätze zur Bekämpfung der Kriminalität durchführen. Jeden Tag werden Sicherheitsleute der BVG und Polizisten gemeinsam auf Bahnhöfen präsent sein, die eine erhöhte Kriminalitätsbelastung aufzeigen.

ZEIT ONLINE : Werden diese Streifen denn die Gewalt verhindern können oder geht es nur um das subjektive Sicherheitsgefühl der U-Bahnfahrer?

Dublies : Natürlich passiert nicht viel, wenn Polizisten in der Nähe sind. Aber bei über 170 U-Bahnhöfen in Berlin können wir auch mit mehr Personal nicht überall sein. Diese extreme Gewalt geschieht immer aus dem Moment – oft aus zufälligen Begegnungen – heraus. Diese Übergriffe können überall passieren. Es geht aber nicht nur um das Sicherheitsgefühl, sondern auch um Risikoerhöhung durch unkalkulierbare polizeiliche Maßnahmen.

ZEIT ONLINE:  Wie viel Angst muss man haben, wenn man in der Berliner U-Bahn fährt?

Dublies : Die Wahrscheinlichkeit, in der U-Bahn Opfer einer Straftat zu werden, ist sehr gering. Wir haben seit Jahren sinkende Zahlen aller Gewalttaten. Zwischen 2006 und 2010 sind zum Beispiel Raubdelikte um 44,5 Prozent, Körperverletzungen um 12 Prozent herunter gegangen. Ungeachtet dessen ist die Verunsicherung gerade besonders groß. Dazu tragen auch die Videoaufnahmen von den Gewalttaten bei, die wir von den Bahnhöfen für die Öffentlichkeitsfahndung einsetzen. Der Einzelne, der dann die brutalen Szenen sieht, fragt sich nicht mehr: Wie gefährdet bin ich eigentlich wirklich und schaut sich die Statistiken an. Die Bilder wirken sehr stark, helfen uns aber, die Täter zu fassen.

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Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Was vielleicht auch hilft...

...wären mehr Förderungen im Bereich Zivilcourage, denn wie oft wurd denn schon einfach weggeschaut oder weitergegangen??
Oder mehr Förderung auffälliger Jugendlicher etc welche dann evtl irgend eine Art von Betreuung bekommen um dann erst garnicht "aktiv" zu werden.

Bitte?

"mehr Förderung auffälliger Jugendlicher etc welche dann evtl irgend eine Art von Betreuung bekommen um dann erst garnicht "aktiv" zu werden."

Wie wäre es mal mit "Förderung" der Opfer von Gewaltverbrechen?

Und diejenigen Gewalttäter, die "aktiv" werden: Möglichst hohe Gefängnisstrafen- so werden die Friedfertigen und Sanften vor den Rücksichtslosen und Brutalen geschützt.

Aber Opfer (und zu denen werden nun mal hauptsächlich die Wehrlosen, Sanftmütigen und Friedfertigen) haben nach wie vor keine Lobby in Deutschland.

Ja, da hocken sie im geleasten 3er...

...die Helden deutscher Männlichkeit, und fühlen sich stark, wenn sie ihre 150PS aufheulen lassen an der Ampel. Da sind sie stark - wie am Rechner, wenn sie ihre fehlende Zivilcourage verteidigen, und so gibts zwanzig Zeugen, vor deren Augen ein Mann zu Tode getreten wird, mitten in Deutschland, am hellichten Tag, auf einer Münchner U-Bahn-Station. Der war kein 3er-Fahrer.

jones1337

Wie viel Zivilcourage wollen Sie den Bürgern denn noch auftrauen? Es ist richtig, den Menschen zu sagen, dass sie auf ihre Mitmenschen und ihnen angetanes Unrecht achten sollen, aber man kann ihnen doch nicht jede Nacht auf der U-Bahn-Station Heldenmut abverlangen und unter Umständen auch die Gefährdung der eigenen körperlichen Unversehrtheit. Solche Dinge sind immer noch Aufgabe von Bahn und Polizei. Ne ne, mit meinen 23 Jahren bin ich vor allem bezüglich Berlin ein hoffnungsloser Pessimist... die Jugend dort verkümmert und verlodert ohne irgendwelche Maßstäbe und Prinzipien. Dabei ist es doch gar nicht so schwer, die Bildungspolitik und die Rekrutierung der Lehrer wieder aufs Wesentliche zu lenken. Das Problem ist das Gequatsche von Dummköpfen.

Nochmal: Warum?

Warum sollte man helfen, wenn die Elfen der Gutmenschen Passanten plattstechen? Ich bin doch nicht bescheuert und lass' mich wegen Ihrer Ideologie entweder niederstechen oder vom Richter wegen überzogener Hilfeleistung einsperren.

Beweisen Sie erst einmal, dass Sie dazwischen gehen würden - bevor Sie andere vollpöbeln, die ganz klar sagen, dass man mit Zivilcourage nur verlieren kann...

Mehr Polizei

Wenn es heute nicht mehr anders geht, so muss man eben die bittere Pille schlucken und solange Polizei einstellen, bis der Bedarf ausreicht.

Eine private Polizei lehne ich ab.
Noch immer ist eine staatlich ausgebildete und durch den Staat geführte Polizei dennoch jeder Privatisierung zu bevorzugen.

Das britische System ist nicht dumm. Neben allen modernen Überwachungsmethoden, kann eben die Trillerpfeife der Briten auch helfen, mit welcher sehr schnell andere Polizisten augenblicklich herbeigerufen werden können.

Natürlich setzt das ein enges Netz voraus.
Aber wenn es nicht mehr anders geht.