Kriminalitätsstatistik Weniger Straftaten, mehr Netzkriminalität
Die Zahl der Straftaten ist auf dem tiefsten Stand seit 1990. Doch wächst die Kriminalität im Netz. Der Innenminister nutzte das, um Vorratsdatenspeicherung zu fordern.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) hat für das vergangene Jahr 5,93 Millionen Straftaten verzeichnet. Damit wurde erstmals seit der Wiedervereinigung die Sechs-Millionen-Grenze unterschritten. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutete das einen Rückgang von zwei Prozent. Zugleich erreichte die Aufklärungsquote mit 56 Prozent den höchsten Wert seit Einführung der gesamtdeutschen Kriminalstatistik im Jahr 1993.
Deutschland wird also sicherer. Gleichzeitig aber steigt ein anderer Wert, in der PKS angegeben unter dem Punkt "Computerkriminalität". Im Jahr 2010 wurden der Polizei 223.642 Fälle angezeigt, bei denen die Tat über das Internet oder mit Hilfe eines Computers begangen wurde, ein Anstieg um 8,1 Prozent. Bei den meisten der Delikte handelte es sich um Betrug – mehr als 80 Prozent der Taten fallen darunter – wobei wiederum der Betrug mit gestohlenen oder gefälschten Kreditkarten davon den größten Anteil ausmacht.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) nutzte diese Zahlen, um seine gern wiederholte Forderung zu wiederholen, es brauche dringend eine Vorratsdatenspeicherung. Seine Begründung: "Wenn das Netz zu unsicher wird, wird es unbrauchbar." Auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter, der diese Forderung seit vielen Jahren stellt, nutzte die Gelegenheit: Der in den Jahreszahlen genannte Anstieg der Straftaten im Internet bildet nicht einmal annähernd den Umfang der dort tatsächlich stattgefundenen Kriminalität ab, hieß es in einer Erklärung.
- Vorratsdatenspeicherung
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Wer mit wem, wann, wie lange, von wo aus und womit – das ungefähr sind die Informationen, die anhand der Vorratsdatenspeicherung erfasst werden sollen.
Das Gesetz, das das Bundesverfassungsgericht am 2. März 2010 für verfassungswidrig erklärte, war 2008 in Kraft getreten. Es verpflichtete alle Anbieter von Telekommunikation, die mehr als 10.000 Kunden haben, die sogenannten Verbindungsdaten für sechs Monate zu speichern.
Dies bedeutet: Die gesamte Kommunikation und auch alle Kommunikationsversuche via Telefon, SMS, E-Mail oder Internet werden erfasst und sind ein halbes Jahr rückwirkend noch nachvollziehbar. Nicht ihr Inhalt, aber sämtliche Metadaten, die über Art und Umfang des Kontaktes etwas aussagen.
- Das Ende der Unschuldsvermutung
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Diese Daten sollen, so die Idee des Gesetzgebers, Strafverfolgern zur Verfügung stehen und ihnen vor allem bei der Suche nach Terroristen helfen. Allerdings lassen Schätzungen der Kommunikationsanbieter den Schluss zu, dass sie vor allem dazu dienen, leichtere Vergehen wie illegales Datentauschen, Betrug oder Beleidigungen zu verfolgen.
Unabhängig davon ist der Hauptkritikpunkt, dass mit der Vorratsdatenspeicherung jeder Bürger potenziell verdächtig ist und überwacht wird und dass die Datenspeicherung so dazu beiträgt, die Unschuldsvermutung abzuschaffen.
Außerdem gibt es Studien, die zeigen, dass sich anhand von solchen Verbindungsdaten detaillierte Aussagen über das Verhalten der Beobachteten machen lassen und dass die Daten mindestens genauso aufschlussreich sind, wie ein Abhören der Inhalte der Kommunikation.
"Ich glaube, dass wir in diesem Bereich ein enormes Problem bekommen mit Kreditkartenbetrug, mit allen möglichen kriminellen Handlungen im Netz und gegen das Netz", sagte Innenminister Friederich bei der Vorstellung der PKS. "Insofern ist das eine der großen und wichtigen Herausforderungen."
Das Bundesverfassungsgericht hatte die Vorratsdatenspeicherung vor einem Jahr gekippt. Seitdem verhandelt die Union mit dem Koalitionspartner FDP, wie eine Wiedereinführung aussehen könnte. Die FDP fürchtet wie alle Kritiker des Verfahrens vor allem, dass damit ein sehr hartes Mittel geschaffen werde, um gegen vergleichsweise leichte Taten vorzugehen. Immerhin stoppte das Bundesverfassungsgericht die Ermittlungstechnik, da sie zu stark in Grundrechte der Bürger eingreife. Betrugsdelikte jedoch rechtfertigen solch schwere Eingriffe nicht, wie auch die Verfassungsrichter klar in ihr Urteil schrieben.
Gleichzeitig muss bei der Interpretation der Zahlen zur Netzkriminalität berücksichtigt werden, dass immer mehr Menschen immer mehr Teile ihres Lebens mit Hilfe von Computern bewältigen. Laut einer Studie des Branchenverbandes Bitkom nutzen inzwischen 79 Prozent der Deutschen täglich einen Computer. Dieser Wert steigt seit Jahren kontinuierlich, genau wie die Zahl derjenigen, die im Internet arbeiten, spielen oder einkaufen. Dementsprechend steigt in diesem Bereich naturgemäß die Kriminalität.
Die Grünen nannten Friedrichs mit den Zahlen verknüpfte Forderung denn auch "unseriös und unredlich". Sinnvoller sei es, erklärte der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Konstantin von Notz, die Ermittlungsarbeit umzustellen und damit den neuen Gegebenheiten anzupassen. Etwa durch Bildung von Facheinheiten bei Staatsanwaltschaften und Polizei.
Die Forderung nach technischen Überwachungsmöglichkeiten ist verständlich, da sie nun einmal existieren und im Vergleich zu menschlichen Beamten billig sind. Doch gibt es nicht wenige, die angesichts der zunehmenden Nutzung eine verstärkte Präsenz von Polizisten im Netz fordern. Friedrich gehört nicht dazu. Er sagte, im Kampf gegen Internet-Kriminalität seien nicht nur Sicherheitsbehörden und Gesetzgeber gefragt. "Gerade auch Anbieter und Nutzer des Internets sind zum sicheren und sorgfältigen Umgang mit diesem Medium aufgerufen."
- Datum 20.05.2011 - 14:32 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 7
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"Doch wächst die Kriminalität im Netz."
Ist das nicht ganz normal? Da ja das Netz auch wächst?
....Komisch. Heute früh in WDR5 sagte man die Einbrüche waren um 7% gestiegen....
... andererseits frage ich mich ob erfasste Straftaten "von Amts wegen" durch den Polizeiabbau ggü. denen, die durch privaten Anzeigen erfasst wurden, gesunken sind.
Hier in München wurde vor ein paar Jahren eine erfolgreiche Anti-Korruptions-Kommission eingerichtet, die sogleich auch mehrere Vorfälle aufklärte, welche sich sodann wiederum in den Statistiken niederschlugen. Dies erweckte den Eindruck die Korruption sei drastisch gestiegen und die Politik hätte versagt.
Verstehen Sie was ich meine?
2 Tage vor der wichtigsten Wahl des Jahres die Arbeit der größten außerparlamentarischen Oppositionspartei lahmzulegen ist nicht nur rechtlich äußerst fragwürdig, sondern vor allem aus demokratischer Sicht absolut abzulehnen.
Eine Sperrung der IT-Infrastruktur der PIRATEN mit leichten Andeutungen, dass die Partei in etwas Kriminelles verwickelt wäre, ohne Details vor der Wahl preiszugeben ist eine starke Beeinflussung der Wähler und unseres Rechtsstaats nicht würdig.
Aber anscheinend auch keinen Zeitartikel wert.
Frage: Wie steigert man die Aufklärungsquote?
Antwort: Vandalismus wir seltenst aufgeklärt - als verweigerte mir die Beamtin die Aufnahme meiner Anzeige wegen Sachbeschädigung mit dem Hinweis, es würde doch eh nicht aufgeklärt und man müsse damit halt leben.
Frage: Wie steigert man die Anzahl an aufgeklärten Drogendelikten?
Antwort: Zum Beispiel späten Freitagabend rund um die einschlägigen Weggehbezirke bei Fahrradfahrern Alkoholkontrollen durchführen. Dabei ergibt sich eine erklägliche Zahl von *Drogenkonsumenten* (Alkohol) und die Personen können allesamt identifiziert werden (100% Aufklärungsquote). Ergänzen kann man das durch die Wahl einer Gegend, der im studentischen Milieu liegt: statistisch kann das unter *Linkskriminell* abgerechnet werden (schöne Verbindung: gestiegene linke Kriminalität, alles Drogenkonsumenten - und alles aufgeklärt).
Obiges sind keine Fantastereien oder erfundene Polemik sondern entspringt meiner Erfahrung. Es könnte auch weiter ausgeführt werden!
Ob die Kriminalität gesunken ist oder nicht, erweist sich nur dann als messbar, wenn man das Sicherheitsgefühl der Bürger in Erfahrung bringen kann, also per Umfragen. In Südafrika beispielsweise, dem Land mit einer der höchsten Gewaltraten weltweit, schaut keiner mehr auf die Zahlen der Polizei. Vielmehr verlässt man sich auf die persönlichen Erfahrungen von Nachbarn, Freunden, Familien und vor allem auf das eigene Empfinden: [...]
Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema und verzichten Sie auf Werbung. Danke. Die Redaktion/lv
wurden der Polizei 223.642 Fälle angezeigt, bei denen die Tat über das Internet oder mit Hilfe eines Computers begangen wurde, ein Anstieg um 8,1 Prozent.
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Heidewitzka 223.642 Fälle 2010..mit wem man sich so
alles im Netz tummelt.
Die kriminelle Energie macht wirklich vor nichts Halt.
Ob da auch Frauen am werkeln sind.
Ich verneine das mal glatt.
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