Ein Jahr lang wurden körperliche, seelische und sexuelle Misshandlungen in unterschiedlichen Einrichtungen entdeckt: im Canisius-Kolleg, in der Odenwaldschule ("OSO"), der Benediktinerabtei Ettal, in Fürsorgeerziehungsheimen in der Bundesrepublik und in der DDR, in Kasernen, Ferienlagern und Sportvereinen. Daneben wurden Foltervorfälle in Jugendstrafanstalten strafgerichtlich aufgearbeitet. Die öffentliche Skandalisierung durchbrach ein Tabu und damit die Sprachlosigkeit der Opfer und die Mauern des Schweigens der Einrichtungen.

Es ist an der Zeit, dass auch die Kriminologie Stellung bezieht. Wer sich ständig mit Auffälligkeiten in staatlichen und gesellschaftlichen Subsystemen – von der Haftanstalt über psychiatrische Kliniken, Jugend- und Altenheime bis zu Kasernen und Polizeieinheiten – befasst, dem sind solche Misshandlungen durchaus geläufig. Sie spiegeln subkulturelle Machtstrukturen, Zwänge und Anreize in mehr oder minder abgeschlossenen Institutionen. 

In sie gelangt man nur selten freiwillig, zumeist von Eltern geschickt, durch Urteil erzwungen, durch Autoritäten überredet, durch Alter, Krankheit oder Armut darauf angewiesen, durch berufliche Zwänge veranlasst. Die "Insassen" verlieren tendenziell Kontakte nach außen und geraten in eine Rang- oder Hackordnung. Für sie, desgleichen für den "Stab" – die Bediensteten –, gilt das Gesetz des Schweigens. Die eigene Gruppe und die Institution werden nicht bloßgestellt. Ansonsten drohen Nachteile, Mobbing bis hin zu existentiellen Gefährdungen.

Wissenschaftlich untersucht wurden bislang Haftanstalten als Subkulturen. Neueste amerikanische Erhebungen zeigen, dass Gewalt in Gefängnissen alltäglich ist. Nur intensive Aufklärungs-, Kontroll- und Sozialarbeit, verbunden mit größtmöglicher Transparenz und Durchlässigkeit, können gegensteuern. Erst im Jahr 1972 hat das Bundesverfassungsgericht das "Besondere Gewaltverhältnis" in Gefängnissen als untaugliche Scheinlegitimation für Entrechtung und Gewalt entlarvt. Durch die Psychiatrie-Reform erreichte man Vergleichbares für geschlossene psychiatrische Kliniken. Andere Einrichtungen müssen noch für die Geltung und Durchsetzung von Grundrechten erschlossen werden. Die Skandale des letzten Jahres könnten letzter Anstoß sein.

Zu den Gemeinsamkeiten der von Missbräuchen gezeichneten Einrichtungen gehören zunächst die Strukturen, die Gelegenheiten schaffen für die Täter. Man braucht deswegen katholische Schulen nicht pauschal als "Biotope für pädophil Veranlagte" zu diffamieren. Doch Macht- und Autoritätsstrukturen erleichtern in Institutionen Übergriffe vor allem gegenüber sehr jungen Menschen. Missbrauch wird außerdem erleichtert, wenn körperliche Nähe von Lehrern zu Schülern als Zeichen quasi-elterlicher Zuwendung gedeutet wird. Siehe "OSO", siehe Kloster Ettal. In Heimen und Haftanstalten, ähnlich in Kasernen dominieren oft ausgeprägte Männlichkeitsvorstellungen. Sie begünstigen Machtspiele und Ersatz-Rituale.

Gemeinsamkeiten zeigen sich ferner in variantenreichen Techniken, unentdeckt zu bleiben. Es wird argumentiert mit der Notwendigkeit disziplinarisch durchzugreifen. Oder der Verdächtigte behauptet, die sexuell Missbrauchten hätten das gewünscht oder doch geduldet, es habe ihnen gefallen, zumindest nicht geschadet. Das ging damals sogar so weit, dass ein Magazin sich gar zu der Behauptung verstieg: "Wir tun den Kindern ja Gewalt an, wenn wir auf ihre sexuellen Bedürfnisse nicht eingehen." An der "OSO" stimulierte das einen Druck, freizügig bei sexuellen Spielen und Gruppenritualen mitzumachen.

Außerdem schirmen diese Einrichtungen sich gegen Kontrolle von außen ab, indem die Vorgesetzten einen ausgeprägten Korpsgeist einführen. Kollegenschelte gilt als Schimpfwort. Von "fehlinterpretiertem klerikalen Selbstverständnis", "rücksichtslosem Schutze des eigenen Standes" sprachen mit der Aufklärung priesterlicher Übergriffe betraute Anwälte. Der Ruf der "Kirche", "Weltkirche", "Reformschule" oder "Reformpädagogik" sind Schutzschilde gegen Anzeigen. Man lässt sich durch die Kritik von Schülern, Eltern und Medien nicht "auseinanderdividieren".

Daraus folgt, dass die Institutionen auch auf ähnliche Weise Beschwerden verhindern oder ins Leere laufen lassen: Man beruft sich rechtlich auf das Beichtgeheimnis, ärztliche oder berufsständische Schweigepflichten, Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber, zugesagte Vertraulichkeit, Datenschutz oder Beweisschwierigkeiten. Beschönigender Sprachgebrauch bagatellisiert die Vorfälle. Anzeigeerstattern drohen schlechte Noten, Ausschluss, Versetzungen, Verleumdungsklagen. Präventiv bedienen sich einige Institutionen der Briefzensur. Mitunter kommt es zu Vertuschungen und Aktenmanipulationen. Gelegentlich verdrängt man Probleme, indem Verdächtige bloß versetzt oder in Therapie vermittelt werden.