"News of the World"Cameron verspricht Aufklärung im Abhörskandal

Englands Regierung will die Medienregulierung im Land überprüfen lassen. Das ist die erste Folge aus dem Abhörskandal. Premier Cameron gab auch eigene Fehler zu. von AFP und dpa

Im Abhörskandal um das britische Boulevardblatt News of the World hat Premierminister David Cameron überraschend eine Pressekonferenz einberufen. Er versprach, die Spitzelaffäre umfassend aufzuklären.

Zuvor war Camerons ehemaliger Pressesprecher, Andy Coulson, festgenommen worden. Dieser stehe im Verdacht, in seiner Zeit als Herausgeber der News of the World davon gewusst zu haben, dass Journalisten und Privatdetektive im Auftrag des Blatts die Telefone von Prominenten anzapften, berichtete der Guardian. Neben Coulson hatte die Londoner Polizei Scotland Yard auch einen früheren Reporter der Zeitung verhaftet.

Die unabhängige Kommission zur Untersuchung des Skandals soll nach Angaben Camerons von einem Richter geleitet werden. Neben den Vorfällen bei News of the World solle auch die Praxis bei anderen Zeitungen geprüft werden, sagte der Premier.

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Zudem müsse geklärt werden, warum die Polizei bei ihren Ermittlungen so "abgrundtief" gescheitert sei. "Nichts wird beiseite gelassen werden", versprach der Premier. Eine zweite Kommission soll sich mit der Frage der Medienregulierung in Großbritannien auseinandersetzen.

Auch mit sich selbst ging Cameron ins Gericht. "Weil Parteiführer so versessen darauf waren, die Unterstützung der Zeitungen zu gewinnen, haben wir wissentlich weggeschaut", sagte der Premier auf der Pressekonferenz. Das Land sei in einer "Zeit der Krise und Sorge". Herauszuhören war, dass die Praktiken bei der Boulevardzeitung Teil eines weit verzweigten Sumpfes sind – darin steckten Presse, Polizei und Politik.

Zur Kritik an seiner Entscheidung, den festgenommenen Ex-Chefredakteur Coulson einst zu seinem Sprecher gemacht zu haben, sagte Cameron, er habe Coulson eine "zweite Chance" geben wollen. Dies habe allerdings "nicht geklappt".

Coulson war von 2003 bis 2007 Chefredakteur bei News of the World. Nach einem Korruptionsskandal hatte er die Stelle bei dem Boulevardblatt abgegeben und war in das Kabinett Camerons gewechselt. Wegen der Vorwürfe im Zusammenhang mit seiner Zeit bei der News of the World war er Anfang des Jahres als Sprecher Camerons zurückgetreten. Er bestritt aber stets, von den Abhöraktionen gewusst zu haben.

Mitarbeiter des Murdoch-Blatts sollen die Telefone von bis zu 4.000 Prominenten, Angehörigen von Verbrechensopfern sowie Hinterbliebenen getöteter Soldaten gehackt haben. Der Konzern kündigte daher am Donnerstag an, die Zeitung einzustellen. News of the World soll am Sonntag letztmalig erscheinen.

Das abrupte Aus für das mehr als 168 Jahre alte Blatt weckt in Großbritannien allerdings Misstrauen. So spekulierte der britische Medienanwalt Mark Stephens im Gespräch mit dem australischen Sender ABC, mit der Einstellung ließe sich ein juristischer Weg finden, dass der Verlag News International die Unterlagen von News of the World gar nicht herausgeben müsse. Diese könnten als Teil der Auflösung sogar im Reißwolf verschwinden, so Stephens.

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Leserkommentare
  1. ...seit M. Thatcher wird niemand in Groß Britannien Primeminister ohne den Bruderkuss mit der Familie Murdoch.
    Das jetzt ausgerechnet sein Ex-Sprecher verhafet wurde, wirft natürlich die Frage auf wie er den Job überhaupt bekommen hat. Mr.Cameron ist ja nicht irgendwer, auch damals in 2007 nicht.
    Ich denke das die Verschwörungsfans hier Ausnahmsweise mal richtig lagen.

    • grrzt
    • 08. Juli 2011 19:58 Uhr

    meine Assoziation ist deutlich drastischer...Die "Journalisten" waren nicht zu blöd Telefone anzuzapfen, anzapfen zu lassen, aber gottseidank zu blöd um die Spuren zu verwischen, na das lässt doch hoffen, - für die Pressefreiheit.

  2. "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort -ich wiederhole- mein Ehrenwort" und Barschel hätte perfekt aus Cameron gesprochen.

    Wo der doch auch einen Reiner Pfeiffer hat. Seinen Coulson. Mal sehen, was hier noch so alles rauskommt über diese Ehrlichmann´s. Kennt auch keiner mehr. Nixons Mann für´s Grobe.

    • X12
    • 08. Juli 2011 22:04 Uhr

    CEO Rebekah Brooks schoss bereits mit 32 in den Vorstand. Relevante Qualifikation: Exzessive Networkerin.

    Laut the National Union of Journalists, verließen 30 Sub-Editors die von Frau Brooks ebenfalls geleitete Sun aus Solidarität, weil ihre Kollegen mies behandelt wurden (stand heute in der Zeitung Metro).

    Alle werden gefeuert (rund 200 Mitarbeiter) außer Frau Brooks über die Besitzer Murdoch sagt, ihre "ethics" seien "very good".

    2003 flutschte ihr im Parlament(Commons)raus, dass die Zeitung Polizeibeamte für Informationen bezahlte.

    Davon weiß sie mittlerweile angeblich genauso wenig wie von der Bespitzlung jetzt.

    Managing Editor Stuart Kuttner hat Rechnungen für die Kosten der Bespitzlung unter einem falschen Namen "authorised", dh die Zahlung genehmigt. Frau Brooks und den Wirtschaftsprüfern ist nicht aufgefallen, dass "Clive Goodman" gar nicht existiert.

    Wovon meist wenig berichtet wird, sind die Verstrickungen der Macht. Die ZEIT ist alles andere als ein gutes Beispiel.

    Also: Krankhaft narzistisch. Kriminell. Gefährlich. "Networkerin" (In der Schule nennt man diese speziellen Lehrerlieblinge noch anders).

    • X12
    • 08. Juli 2011 22:14 Uhr

    Ich meinte, die ZEIT könnte schon mal auch Tageslicht auf einen Sachverhalt werfen, anstatt nur Politikergeschwetz zu kommentieren oder Hofberichterstattung zu leisten.

    Aber vielleicht erlaubt es die Hierarchie in der Redaktion auch nicht.

    Es wirkt nur so oft wie gewollte Desinformation. (Oh, das wird zenisert).

    Über konstruktive Kritik würden wir und freuen. Danke, de Redaktion/mk

  3. Blair und Cameron war bekannt, was Murdoch's "Boulevard" alles skandalisiert, um an die fetten Werbeaufträge zu kommen. Im Zusammenhang von Murdoch das Wort "Pressefreiheit" zu brauchen, ist obszön. Allein, was sich Fox in den USA an Desinformation leistet, spricht darüber Bände.
    Warum also verbünden sich Politiker mit Murdoch?
    Warum unterbinden sie dessen Mediendiktatur nicht?
    Es geht natürlich um Macht. Und zwar um Macht im globalen Medienzirkus. Diese Macht wird unkontrolliert ausgeübt.Im Namen der "Pressefreiheit". Sie wird, wie das in Grossbritannien aufgeflogene illegale Herumschnüffeln von Journalisten im Leben Tausender,
    -was, wie man mit ziemlicher Sicherheit annehmen kann, bei Politikern wohl auch zu allerhand Erpressungsabläufen geführt haben dürfte -,
    zeigt, zu einem machtpolitischen Selbstläufer.

    Wo sind da die "Selbstheilungskärfte" des sogenannten "Marktes" geblieben?
    Sie existieren nicht, wenn es um die Unversehrheitsgarantien der westlichen Verfassungs- und Rechtsstaaten geht. Und genau das geschieht auch in Deutschland. Als Beispiel kann man ruhig "BILD" oder "Bunte" und dergleichen selbstangemasste Freiheitsverkünder mehr anführen.

    Zur Erinnerung: Literarisch verarbeitet hat Heinrich Böll dieses widerliche Gemisch schon vor Jahrzehnten in "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Ein Wiederlesen lohnt sich.

  4. Der Berichterstattung auf Zeit-online fehlt im Grossen und Ganzen ein einigermassen runder Ueberblick, mit dem sich die Ereignisse der letzten Tage um NoW in einen breiteren Zusammenhang stellen liessen. Voellig Aussen vor blieb zum Beispiel die Konstellation um die Medienpolitik der Tories (die auch partei-intern nicht unumstritten ist); Cameron hat die 'Pro-Murdoch' aktiv betrieben, den BSkyB-Deal, um den es vorranging geht forciert, und sich Coulson auch nicht zuletzt deshalb in den Beraterstab geholt, um den beiden Murdochs klar zu signalisieren, dass es seiner Regierung ernst sein wuerde mit dem Angriff auf die 'wettbewerbsverzerrende' Praesenz der BBc, und die Rundfunkgebuehren. Man muss deshalb bei jedem Wort Camerons genau hinhoeren; er arbeitet immer noch daran, den Deal um BSkyB zu retten. Wenn er jetzt die 'Medienregulierung' pauschal zum Thema zu machen versucht, ist das auch vor dem Hintergrund zu betrachten, dass ihm die Ofcom ('media self-regulation body') schon vor der Sache ein Dorn im Auge war; diesselbe Ofcom, die nun u.U. die einzige Instanz ist, die dem BSkyB-Deal noch den Garaus machen koennte. Von all dieser Januskoepfigkeit liess sich aus Zeit-online bisher so gut wie nichts erfahren. Statt dessen wurde der Eindruck vermittelt, der PM handle mit Entschiedenheit und willkommener Selbstkritik (das gilt auch fuer Kroenigs Schreibe). Das finde ich, gelinde gesagt, schon sehr duerftig.

  5. Das Mark Stephens Fragment muesste aehnlich weiter kommentiert werden. Er liegt natuerlich aus juristischer Sicht voellig richtig. Trotzdem ist News International, und am Ende auch Newscorps durch eine solche Aktion nicht wirklich aus dem Schneider: James Murdoch hat die volle Kooperation des Unternehmens bei der Aufklaerung fest zugesagt; im Augenblick fliegt ihm schon die weiter zurueckliegende Vernichtung von e-mail Archiven um die Ohren, die heimlich vonstatten ging, und mit einem Bekenntnis zur Kooperation bei der Aufarbeitung genauso wenig in Einklang zu bringen sein duerfte, wie das Verschwindenlassen der NoW Unterlagen.
    Ein bischen mehr zur Verquickung von Polizei und NoW-Journaille waer auch nett (wie kommt's dass ein ranghoher Beamter, der in der Vergangenheit an der Persilscheinaustellung fuer NoW massgeblich beteiligt war, mirnixdirnix bei News International eine gut bezahlte Anstellung kriegt?).
    Der Skandal hat wirklich gigantische Aussmasse; die Zeit, so scheints, duempelt so ganz hinten im Fahrwasser....

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    Ihre sehr interessanten Beiträge sind auch ein Grund, weshalb sich der interessierte Bürger dem Internet als Informationsquelle zuwendet, gleichzeitig von den Printmedien abwendet.

    Die Kombination aus "Artikel und informativen Beiträgen im Kommentarbereich" gewähleisten mittlerweile die Möglichkeit zur eigenen Meinungsbildung; im Ergebnis besitzt diese Kombination eine Objektivität, die schon verloren schien.

    Der Redaktion von zeit-online ist es zu verdanken, daß der Umgang mit der Zensur diese Kombination ermöglicht.

    Mit anderen bekannten Online-Redaktionen steht es hier nicht zum Besten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa
  • Schlagworte David Cameron | Ermittlung | Zeitung | Einstellung | Großbritannien | Premierminister
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