Nach dem TsunamiRikuzentakata, die ausgelöschte Stadt

Nach dem Tsunami im Nordosten Japans war von Rikuzentakata kaum was übrig. Doch die Stadt soll wieder aufgebaut werden. Eine Reportage aus dem Katastrophengebiet. von Sonja Blaschke

An der Küste von Rikuzentakata

An der Küste von Rikuzentakata, im Hintergrund die zum Symbol des Wiederaufbaus avancierte Kiefer  |  © Sonja Blaschke

Eine weiße Atemschutzmaske bedeckt Mund und Nase, auf dem Kopf ein weißer Helm, ein Handtuch um den Hals. Sie trägt einen weißen Overall, blaue Gummihandschuhe und -stiefel. Dazu eine die Augenpartie abschließende überdimensionale Brille, die sonst in Japan vom Heuschnupfen Geplagte aufsetzen. Und das bei 35 Grad Hitze schon vor neun Uhr morgens. Kaori Sano hat einige Tage freigenommen und packt mit Schaufel und Schubkarre bei den Aufräumarbeiten in Rikuzentakata in der Präfektur Iwate mit an. Derart gekleidet ist sie sicher vor Asbest-Staub, Stechmücken und Sonnenbrand.

Nicht jedoch vor Überraschungen, denn noch immer gelten rund 600 Menschen der 24.000-Einwohner-Stadt Rikuzentakata als vermisst; über 1.500 sind nach Polizeiangaben gestorben. Der Tsunami im März diese Jahres, der sich in Rikuzentakata acht Kilometer einen Fluss entlang ins Landesinnere fraß, habe einen ähnlichen Effekt wie die Atombombe in Hiroshima gehabt, sagen viele.

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Die verbliebenen Stahlgerippe neigen sich alle in eine Richtung. Der Tsunami spülte Gebäude aus Stahl und Beton bis zum vierten Stock durch, riss Holzhäuser weg, wurde immer zerstörerischer durch die mitgeschleiften Trümmer. Die Hälfte der 8.000 Haushalte Rikuzentakatas ist betroffen. Wo einmal der Stadtkern war, ist nun erschütternde Leere, unterbrochen nur von einigen Schuttbergen und Autofriedhöfen.

Menschen sind in dieser trostlosen Ebene nur wenige unterwegs, manche fotografieren, andere stochern in den Trümmern. Soldaten und Polizei regeln den spärlichen Autoverkehr auf den Straßen. Um von Ofunato über Rikuzentakata nach Kesennuma zu fahren, ist ein kilometerlanger Umweg über enge Holperstraßen nötig. Die Brücken sind alle weggespült.

Bürgermeister Futoshi Toba hatte die Katastrophe überlebt, weil er auf das Dach des Rathauses von Rikuzentakata geflohen war. Er habe mit sich gerungen, hätte am liebsten seinen Posten verlassen, um seine Frau Kumi zu warnen, erzählt er. Denn er kannte die Drillroutine in Notfällen: Erst sammeln, dann durchzählen, dann gemeinsam fliehen, was angesichts der Heftigkeit des Tsunamis gefährlich lang gedauert hätte. "Sie wird es nicht rechtzeitig geschafft haben", fürchtete er seinerzeit. Im April dann die schreckliche Gewissheit – ihre Leiche wurde gefunden. Mit seinen Kindern im Alter von zehn und zwölf Jahren lebt der nun im "zum Glück sehr geselligen Haus" eines Onkels, zu zehnt.

Erst einen Monat vor der Katastrophe hatte der Parteilose, der früher Liberaldemokrat war, sein Amt angetreten. "Obwohl er so jung ist, führt er die Menschen ganz hervorragend. Er ist zum Hoffnungsträger aller geworden", schwärmt Chikara Yoshida, ein 77-jähriger kommunistischer Biobauer, der seinen Sohn und seine Reisfelder verlor. Geblieben sind ihm seine Obsthaine und Gewächshäuser.

Mit Geschick und Weitblick kämpft Toba seither um den Erhalt der Stadt. Schon seit Jahrzehnten wanderten die jungen Leute in der Unglücksregion Tohoku in die Großstädte ab. Die Menschen in Rikuzentakata arbeiteten in einer Sakefabrik – ein Amateurvideo zeigt, wie der Tsunami diese spektakulär zermalmte oder züchteten vor der Küste Austern, Muscheln und Wakame, die essbaren Braunalgen. Der Bürgermeister wollte den Tourismus ausbauen. Besonders stolz war die Stadt auf ihren von einem Kiefernwald gesäumten langen Strand. Der einzige Baum, der dort nun noch steht, ist zum Symbol des Wiederaufbaus geworden. Er ziert Aufkleber mit Durchhaltesprüchen, Poster und die Visitenkarten der Stadtangestellten, auf denen sie sich auch für die Hilfe aus dem ganzen Land bedanken.

Leserkommentare
  1. ist zu entnehmen, daß 1500 Menschen aus Rikuzentakata durch den Tsunami gestorben sind und weitere 600 vermißt werden, bei denen man davon ausgehen kann, daß sie bis auf Ausnahmen die Katastrophe nicht überlebt haben. Der Artikel ist mittlerweile einen Tag alt und es hat sich noch kein Kommentar eingefunden.

    Hätte Frau Blaschke stattdessen über drei Strahlenopfer aus Rikuzentakata berichtet, wäre ich mir sicher, daß die Kommentarspalte überquellen würde.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Stadt | Tsunami | Heuschnupfen | Japan | Hiroshima
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