Protestbewegung "Der Gegner ist diffus"
In ganz Europa gehen Jugendliche auf die Straße. Der Protestforscher Dieter Rucht spricht von einer neuen Politisierungswelle. Die Ziele sind aber nationalspezifisch.
© Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Polizisten fassen bei Auseinandersetzungen in Athen einen Demonstranten.
ZEIT ONLINE: Herr Rucht, in den vergangenen Wochen sind Tausende überwiegend junge Europäer auf die Straße gegangen. Ist das die Geburt einer paneuropäischen Protestbewegung?

65, Professor für Soziologie und Protestforscher, war bis Juni 2011 Ko-Leiter der Forschungsgruppe "Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Modernisierung, politische Partizipation, soziale Bewegungen, Protest. Er ist auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac Deutschland.
Dieter Rucht: Wir haben es noch nicht mit einer europaweiten Protestkoalition zu tun. Die Medien stellen vordergründig Gemeinsamkeiten her, weil vor allem Jugendliche an den Demonstrationen beteiligt sind und Themen wie Arbeits- und Perspektivlosigkeit im Vordergrund stehen. Bei genauerem Hinsehen sind die Forderungen aber nationalspezifisch. In Italien beispielsweise richtet sich die Stimmung gegen die Regierung von Silvio Berlusconi, während die Demonstrationen in Spanien keine gezielte Attacke gegen die regierenden Sozialisten sind. Da zeigt sich vielmehr eine generelle Unzufriedenheit mit allen Parteien des politischen Betriebs.
ZEIT ONLINE: Sind die europäischen Proteste mit dem Arabischen Frühling vergleichbar?
Rucht: Es gibt rhetorische Bezugnahmen auf die arabischen Proteste, aber auch gravierende Unterschiede. Selbst in Griechenland geht es ja nicht um die Abschaffung eines Regimes, sondern um eine Kurskorrektur. Vielleicht auch um eine Abwahl der Regierung. Das parlamentarische Regierungssystem steht nicht zur Debatte, auch wenn die meisten Griechen mit der aktuellen Politik massiv unzufrieden sind.
ZEIT ONLINE: Ist die Politisierung der europäischen Jugend ein neues Phänomen?
Rucht: Es handelt sich um eine neue Politisierungswelle, aber wir haben dergleichen auch schon in der Vergangenheit erlebt: die Achtundsechziger, die Schüler- und Studentenproteste 1986 in Frankreich, die Aufstände in den Pariser Vororten 2005, die Halbstarken-Proteste in den Fünfzigern in der Bundesrepublik. Solche Aufwallungen gibt es immer wieder, bisher waren das allerdings keine Massenbewegungen. Heute erleben wir eine Massenbewegung, die sich weniger durch Regelbrüche und Provokation auszeichnet, sondern durch einen weitgehend friedlichen und werbenden Auftritt.
ZEIT ONLINE: Wer sind denn die Demonstranten, aus welcher politischen Ecke kommen sie?
Rucht: Nun, bei den europäischen Demonstrationen der vergangenen Wochen waren überwiegend junge Leute vertreten – in der Gesamttendenz vor allem Radikaldemokraten, also Angehörige des linken Spektrums. Zugleich wird betont, dass man sich nicht hinter die Fahne einer bestimmten Partei stellen will.
ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen das Internet und soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook?
Rucht: Ich glaube, deren Bedeutung wird überschätzt. Facebook ist ein ideales Werkzeug für Leute, die bereits auf Protest eingestellt sind. Das Internet dient der Koordinierung und ist manchmal wichtig für den ersten Stimulus, aber es leitet keine große Überzeugungsarbeit. Außerdem wird meiner Ansicht nach die Bedeutung bestehender sozialer Netzwerke unterschätzt – Nachbarschaften, Gewerkschaften, Jugendgruppen. Das läuft nicht alles übers Internet, sondern das sind etablierte persönliche Kontakte.
ZEIT ONLINE: Ein Slogan der Achtundsechziger lautete "Macht kaputt, was euch kaputtmacht". Heute steht auf den Plakaten der spanischen Demonstranten "Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns". Gegen wen protestieren die Menschen eigentlich?
Rucht: Für die Achtundsechziger war es einfacher, sich zu verorten, es gab eine deutliche Freund-Feind-Unterscheidung. Man wusste gleich, wo der Gegner steht, konnte sich an ihm reiben und eine Gegenposition entwickeln. Das ist heute weitaus schwieriger. Der Gegner ist diffus: Da wären der Neoliberalismus, die Eliten, das verkrustete Parteiensystem, eine Politik, die keine Perspektive bietet. Das sind sehr unscharfe Bezugspunkte, die Menschen mit völlig unterschiedlichen Forderungen zusammenbringen. Sobald es an die konkrete Umsetzung geht, fallen solche Bewegungen zwangsläufig auseinander.
- Datum 11.07.2011 - 16:14 Uhr
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Ein interessantes Interview.
Ich wünschte mir klarere Worte. Die Bürger fühlen sich nicht mehr von der Politik vertreten, dieser Zustand ist keine "Politikverdrossenheit", gegen diese Verharmlosung ist sich stringent zu verwahren, es geht um mehr.
Die Lebenswege eines kleinen Teiles der jeweiligen Bevölkerung, welcher Verantwortung trägt und des größeren Teiles, auf welchem der jeweilige Staat ruht, haben sich getrennt.
Jetzt einzeln mit wirren Mustern diesen Vorgang zu analysieren trifft den Kern nicht wirklich. Die Formel ist einfach, während der Bürger zu funktionieren hat, ist die gewählte Führung ziellos und schwach. Das ist kein diffuses Gefühl, sondern Punkt für Punkt in jedem Feld des regierens zu spüren.
Allein der Vergleich zu radikalen Linken, oder der 68iger Bewegung, oder einer europäischen Jugendbewegung hinkt.
Alle Bürger, aller Schichten sind nicht mehr zufrieden und während die früheren Hobbyrevoluzzer in einem mehr oder weniger funktionierenden System das Nest beschmutzten, trifft die neue Unzufriedenheit der meisten Europäer ein strauchelndes Wirtschafts.- und Politiksystem.
Es sind augenscheinlich wieder Zeiten des Wandels, man muß sich nur umhören und mit den Menschen interagieren. Fraglich ist, warum sich der "Qualitätsjournalismus" diesen Fragen nicht öfters stellt.
was für ein interview! dieser soziologe eiert rum und sacgt nichts konkretes. er greift zurück auf alte erklärungsmuster, ohne neue zu haben.
ich habe nur die erste seite gelesen,d abei den unteren teil noch fast überflogen, so sehr hat mich dieses interview gelangweilt.
frag mich, wozu dieser soziologe geld bekommt. er hat doch gar nichts zu sagen. ein laberkopf, mehr nicht.
was für ein interview! dieser soziologe eiert rum und sacgt nichts konkretes. er greift zurück auf alte erklärungsmuster, ohne neue zu haben.
ich habe nur die erste seite gelesen,d abei den unteren teil noch fast überflogen, so sehr hat mich dieses interview gelangweilt.
frag mich, wozu dieser soziologe geld bekommt. er hat doch gar nichts zu sagen. ein laberkopf, mehr nicht.
Wenn ich es von mir aus betrachte, wer ist dann eigendlich mein Gegner, also der der gegen mich handelt ... ... ??
"Selbst in Griechenland geht es ja nicht um die Abschaffung eines Regimes, sondern um eine Kurskorrektur. Vielleicht auch um eine Abwahl der Regierung. Das parlamentarische Regierungssystem steht nicht zur Debatte, auch wenn die meisten Griechen mit der aktuellen Politik massiv unzufrieden sind."
Auf dem Syntagma Platz tummeln sich mittlerweile internationale Gäste und Sprecher und fast jeden Abend gibt es Konzerte von Gruppen aus aller Herren Länder. Die Kommunikation zwischen der spanischen und griechischen Protestbewegung ist ziemlich rege. Manchmal treten auch Ägypter auf oder geben via Twitter Ratschläge im Umgang mit der Polizei.
Eins haben diese Bewegungen gemeinsam: sie glauben keiner Partei mehr. Parteien und Parteimitglieder werden nur noch als ausführende Kräfte und von der Industrie korrumpierte Menschen angesehen, die nur auf ihre eigene Vorteile bedacht sind und nicht dem Volk sondern der Wirtschaft dienen.
Sie wollen mehr Transparenz und "direkte Demokratie". (So heißen die Bewegungen auch in ganz Europa: "Direkte Demokratie jetzt".) Sie sind weder Anarchisten, die das gesamte System stürzen möchten, noch sind sie Kommunisten, die die Reichen entrechten wollen. Sie wollen eine Art Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.
Ob das möglich ist? In vielen Ländern wird jetzt schon gemunkelt, dass diese Aktivisten ziemlich gefährlich leben.
"..., die nur auf ihre eigene Vorteile bedacht sind und nicht dem Volk sondern der Wirtschaft dienen."
Das Volk ist die Wirtschaft! Schonmal darüber nachgedacht?
Ansonsten bin ich ganz ihrer Meinung.
"..., die nur auf ihre eigene Vorteile bedacht sind und nicht dem Volk sondern der Wirtschaft dienen."
Das Volk ist die Wirtschaft! Schonmal darüber nachgedacht?
Ansonsten bin ich ganz ihrer Meinung.
bewirken können.
Es gibt zuwenige von ihnen,außerdem verweigern sich die meisten den Gang zur Wahlurne anders als die Alten.
"In Griechenland kippt die Stimmung, vor dem Parlament kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. Könnten die Proteste auch anderswo eskalieren und in Gewalt umschlagen?"
Eindeutig in mehreren Vidos auf youtube zu beobachten, wie Vermummte sich mit der Polzei unterhalten und geschützt werden - ganz offen spricht man nun auch im griechischen TV von Polizisten in Zivil, die die Proteste eskalieren ließen.
Hier einige Bilder:
http://cryptome.org/info/...
Es gibt auch Bilder auf denen zu sehen ist, wie Polizisten mit Steinen werfen und wie Tränengas in(!!!) die Metrostation geworfen wird.
Das alles ist am 29.6.2011 geschehen. Seit dem sind alle überzeugt, dass das Land von einer (Finanz)Junta regiert wird.
Und DIESES Gefühl ist alles andere als diffus.
http://gmargari.wordpress...
Ich glaube nicht, dass diese Bürgerbewegungen, irgendwie verschwinden werden......
Die Bilder habe ich mir angesehen und in der Tat sehe ich dort Steine werfende Polizisten.
Aus Blick der Gesamtsituation würde ich aber nicht behaupten, dass diese "angefangen" haben. Aus rein menschlicher Sicht - und sowohl Demonstranten wie auch Polizisten sind solche - schaue ich mal auf die Polizisten.
Die haben einen Job, stehen seit mehren Stunden da und lassen sich bewerfen und beschimpfen. Irgendwann ist die Luft raus und dann werfen sie einige von den vielen Steinen zurück, die eigentlich sie treffen sollten.
Die Prügeleien mit der Polizei sind eh nur Stellvertreterprügeleien. Was können die Jungs dafür?
gruß, matths
Die Bilder habe ich mir angesehen und in der Tat sehe ich dort Steine werfende Polizisten.
Aus Blick der Gesamtsituation würde ich aber nicht behaupten, dass diese "angefangen" haben. Aus rein menschlicher Sicht - und sowohl Demonstranten wie auch Polizisten sind solche - schaue ich mal auf die Polizisten.
Die haben einen Job, stehen seit mehren Stunden da und lassen sich bewerfen und beschimpfen. Irgendwann ist die Luft raus und dann werfen sie einige von den vielen Steinen zurück, die eigentlich sie treffen sollten.
Die Prügeleien mit der Polizei sind eh nur Stellvertreterprügeleien. Was können die Jungs dafür?
gruß, matths
"Protestbewegung
"Der Gegner ist diffus"
In ganz Europa gehen Jugendliche auf die Straße. "
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Schon seltsam, da es uns doch allen so sehr gut geht und wir auf so hohem Wohlstandsniveau leben?
ist ein ziel, eine vision. direkte demokratie ist eine methode, kein ziel. wie soll die gesellschaft aussehen, zukünftig? wie sollen die verkrusteten und miefigen etablierten macht und parteienstrukturen transformiert werden? letztlich gehts um die futterkrippen und da hat laudatio recht, die jungen sind zu wenige. da wird nix draus.
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