ZEIT ONLINE: Herr Bellingradt, warum setzt die Nato in Libyen mit dem Abwurf von Flugblättern ein im Grunde altmodisches Mittel ein, wo es doch Radio, Fernsehen oder Internet gibt?

Bellingradt: Flugblätter unterlaufen in der Regel jegliche Zensur. Deshalb sind sie seit dem 16. Jahrhundert gerade in Konfliktsituationen so populär. Die Menschen in Libyen haben natürlich auch Internet und Radio. Aber bei solchen Medien müssen die Leute schon sensibilisiert sein, müssen etwa die Frequenzen kennen, mit denen auswärtige Mächte in das Land hineinsenden. Das sind dann Gruppen, die ohnehin auf mehrere Meinungen ausgerichtet sind. Für alle anderen Menschen gilt, die Information muss in das Land hineingetragen werden. 

ZEIT ONLINE: Warum nutzt man nicht Soziale Netzwerke wie Facebook?

Bellingradt: Möglich ist das heute. Aber solche Websites können auch blockiert werden. Ein Flugblatt kann nicht kontrolliert werden, auch weil ein kleines Papier so unscheinbar ist.

ZEIT ONLINE: Welches Ziel verfolgt die Nato mit dem Abwurf von Flugblättern über einem Kriegsgebiet wie Libyen?

Bellingradt: Die Nato nutzt die Wirkungsmacht von Flugblättern, weil diese auch von Analphabeten aufgenommen werden. Wenn jemand das Blatt findet, muss er nicht selbst lesen können. Der Finder wird zumindest darüber reden und es wahrscheinlich jemand anderem zeigen. Das nennt man Kollektivrezeption. Einfache Botschaften werden auf diese Weise in die Bevölkerung getragen. Das ist seit Jahrhunderten so.

ZEIT ONLINE: Verstärken diese Blätter bei Bevölkerungsschichten, die noch zu Machthaber Muammar al-Gadhafi halten, nicht auch den Hass auf die Nato?

Bellingradt: Das Spektrum der Reaktionen ist breit gefächert. Ein fanatischer Unterstützer von Gadhafi sieht sich in seiner Situation eher bedroht und wird deshalb in seiner ursprünglichen Weltansicht eher noch bestärkt. Gleichzeitig werden oppositionelle Gruppierungen die Blätter eher als Antrieb wahrnehmen. Für diese Menschen sind Flugdrucke erwünschte und bestätigende Impulse, die helfen sollten, die diktatorische Deutungshoheit des Gadhafi-Umfeldes zu überwinden.

ZEIT ONLINE: Aber eine Wirkung haben sie auf jeden Fall?

Bellingradt: Ja, es kann ja um Leben und Tod gehen. Wenn wie bei den Nato-Blättern Kampfhubschrauber abgebildet sind, dann wird darüber zumindest geredet, auch wenn man das ablehnt oder zustimmt oder indifferent bleibt, das ist völlig egal.

ZEIT ONLINE: Welche Botschaften versucht die Nato etwa in Libyen zu vermitteln, und an welche Empfänger richten sie sich?

Bellingradt: Wenn die Blätter über Tripolis abgeworfen werden, also über der Gegnerschaft, dann versucht die Nato, die interne Revolution zu befördern. Das wäre eine propagandistische, fast schon agitatorische Ausrichtung. Die Leute sollen darüber nachdenken, wie stark die Nato ist. Die Botschaft wirkt instabilisierend.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert das praktisch?

Bellingradt: Auf den Flugblättern wird zum Beispiel eine Drohne der Nato abgebildet oder ein Panzer im Fadenkreuz eines Jetpiloten. Das ist für die Leute abstrakt. Diese Bilder sieht man vom Boden aus nicht. Früher im Zweiten Weltkrieg wurden an dieser Stelle irgendwelche Wunderwaffen abgebildet, die größtenteils fiktiv waren. Das hat nur eine propagandistische Funktion, um Überlegenheit zu demonstrieren.