AUFHÖREN! BITTE! SCHAMLOS!

Das möchte man, um sich ihres eigenen Duktus' zu bedienen, der Bild -Zeitung in diesen Tagen gern entgegenhalten. Seit Tagen weidet sie sich an der Vita des Mannes, der am Freitag in Norwegen mehr als 70 Menschen getötet hat. Man sieht Fotos von Anders Behring Breivik als Konfirmand, als Teenager – und natürlich immer wieder, selbstzufrieden grinsend, in seiner roten Uniform, die er am Montag vor dem Haftrichter trug .

Keine Belanglosigkeit aus dem Leben des Killers, die das Boulevardblatt nicht ausschlachten würde: Man erfährt, dass der "kleine Anders" Graffiti sprühte und unter Pickeln litt, dass er nie eine Freundin hatte und man erfährt sogar vom Genital-Herpes seines Stiefvaters. Mit der Sexualität soll die Familie Breivik offensichtlich Probleme gehabt haben. "Vielleicht", so orakelt die Bild, war das die "Triebfeder seiner Wahnsinnstat".

Von ihr darf man vielleicht nichts anderes erwarten. Aber auch andere Zeitungen, an sich seriöse Medien, beschäftigen sich in diesen Tagen ausführlich mit der Privatperson Breivik. In großen Panorama-Bildern zeigen sie täglich sein Gesicht und widmen seiner Biographie lange Beiträge. Der Berliner Tagesspiegel knallte sämtliche Fotos aus Breiviks Facebook-Profil auf seine gestrige Seite 3. Spiegel Online klebt seinen Auftritt seit Tagen mit Breivik-Aufnahmen zu. Man sah ihn in Uniform, in Tracht, als Todesschütze und beim Bombenbasteln.

Man fühlt sich wie in einer Diashow mit Endlosschleife, die dem Mann eine Präsenz verschafft , wie er sie sich größer nicht wünschen konnte. Hinzu kommen Psychologisierungen, in denen von der Steuererklärung bis hin zum Musikgeschmack nichts undurchforstet bleibt. Ein Autor gönnte dem mutmaßlichen Mörder ein verballhorntes Literaturzitat und schrieb schmalzig vom "Narziss und Goldjungen". 

Diese Aufmerksamkeit hat Breivik sich gewünscht

Das Ganze hat Züge einer Daily-Soap. Man kann ihr kaum entfliehen.

Keine Frage: Die Beschäftigung mit dem Bösen ist seit jeher verbreitet und durchaus menschlich und faszinierend. Daneben gibt es auch gute Gründe, sich nicht nur mit den Attentaten, sondern eben auch mit dem Attentäter selbst zu beschäftigen. Eine Gesellschaft, die sich vor solchen Wahnsinnstaten schützen will, ist gut beraten, die Motive des Täters zu verstehen, und ihn nicht einfach als "Teufel" oder "Monster" zu bezeichnen, wie viele Medien es tun .

Aufarbeitung ermöglicht Prävention, sie ist sinnvoll und wichtig. Aber wenn Meinungsmedien den voyeuristischen Impuls befördern und ausschlachten, machen sie den Attentäter zur Ikone und zum Helden.

Und genau das hatte Breivik beabsichtigt. Er wollte, dass man über ihn spricht, über sein Manifest, seine Motivation, vielleicht sogar über seine Familienprobleme. Das hat er durch seine Tat erreicht. Man muss ihn dafür nicht auch noch belohnen.