Medienskandal in EnglandDer zynischen Kampf um saftige Geschichten

Neue Details im britischen Hacker-Skandal: Ein Boulevardblatt hat Ermittlungen über ein entführtes Mädchen manipuliert und Handys von Familien von Terroropfern abgehört. von 

Ein Kameramann filmt die Zentrale von News International Newspapers Limited im Osten Londons.

Ein Kameramann filmt die Zentrale von News International Newspapers Limited im Osten Londons.  |  © Ben Stansall/AFP/Getty Images

Da wähnte sich Rupert Murdoch endlich am Ziel seiner jüngsten medienpolitischen Operation, der kompletten Übernahme des Satelliten TV Sky . Alle Hindernisse schienen überwunden. Trotz einer intensiven Kampagne des Guardian und einiger Labour-Politiker wurden alle rechtlichen Bedenken ausgeräumt: Die EU war nicht gegen den Deal, die britische Regierung auch nicht – und dann muss kurz vor Toresschluss dies passieren. Auf den Titelseiten fast aller britischer Gazetten, auch der eigenen Times , prangte gestern die Schlagzeile über eine besonders zynische, illegale Operation des größten britischen Sonntagsboulevardblattes News of the World .

Vor 9 Jahren hatte die NoW einen illegalen Lauschangriff auf die Mailbox der entführten Schülerin Milly Dowler verübt, einzig, um in der Berichterstattung über den aufrüttelnden Fall die Nase vor der Konkurrenz zu haben. Die 13-jährige Milly war auf dem Nachhauseweg am 21. März 2002 verschwunden; die verzweifelten Angehörigen schöpften Hoffnung, Milly möge noch leben, als einige der vielen Botschaften aus der Mailbox des Mädchens verschwanden.

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Eine Untersuchung von Scotland Yard erbrachte jetzt, dass die verschwundenen Nachrichten auf die Hackeraktivitäten der Journalisten der NoW zurückgingen. Sie hatten die Mailbox regelmäßig abgehört und begannen, als sie voll war, Raum für neue zu schaffen. Scotland Yard sagt dazu, es seien durch diese Aktionen möglicherweise wichtige Indizien vernichtet worden.

Eine üble Geschichte also, die weithin Empörung auslöst. Die Zeitung habe damals jegliche menschliche Regung angesichts einer Tragödie vermissen lassen, erklärt der Anwalt der Familie von Milly Dowler.

Nun werden weitere Abhör-Aktionen öffentlich. Privatdetektive sollen im Auftrag des Blattes unter anderem auch die Mobiltelefon-Nachrichten von Familienangehörigen der Terroropfer vom 7. Juli 2005 abgehört haben , wie der Guardian berichtet.

Empörend, schockierend und absolut zynisch lautet das generelle Urteil, dem niemand zu widersprechen vermag. Labour-Chef Ed Milliband fordert Rebekah Wade, CEO des Murdochschen Zeitungsarmes News International auf, ihr Gewissen zu überprüfen und ihren Rücktritt zu erwägen. Sie war zu besagter Zeit Chefredakteurin der News of the World , behauptet aber, nichts von den üblen Praktiken ihrer Angestellten gewusst zu haben.

Inkriminiert ist auch ihr damaliger Stellvertreter Andy Coulson, der Anfang des Jahres als Spindoktor von Cameron zurücktrat, eben wegen der sich häufenden Indizien, die allesamt auf eines hindeuten: Die Führung des Blattes kann nicht so ahnungslos wie behauptet gewesen sein angesichts einer Abhörpraxis, die systemisch war. Sie betraf auch viele Stars und Politiker. Das Blatt überwies hohe Honorare, bis zu 100.000 Pfund, an jene Privatdetektive, die sich aufs Hacken von mobilen Telefonen spezialisiert hatten und ihre Dienste wahrscheinlich auch anderen Boulevardblättern anboten. Für Coulson sieht es inzwischen noch düsterer aus. Der Murdochkonzern hat ihn offenkundig fallen gelassen; Scotland Yard wurden E-Mails zur Verfügung gestellt, in denen Coulson (illegale) Überweisungen an Polizisten autorisiert hatte, um an Informationen zu kommen. 

Die Untersuchungen der vergangenen Jahre enthüllten offenbar bislang nur die Spitze des Eisberges. Diese illegalen Praktiken waren offenkundig weiter verbreitet als ursprünglich angenommen und haben sich wahrscheinlich nicht allein auf Murdochs Revolverblatt beschränkt. Auch wenn das jetzt völlig zu Recht am Pranger steht.

Leserkommentare
  1. Ist das wirklich ein Wunder? England ist in Europa _der_ Überwachungsstaat schlechthin. Daten über Alles und Jeden werden gesammelt, gespeichert, kaum eine Ecke, an der es keine Videokamera gibt, Überwachungsvideos aus Einkaufsläden werden zur privaten Jagd im Internet freigegeben... die Liste der Vorkommnisse ist lang und erschreckend. Dass sich Andere an dieser Überwachung gütlich tun und mitprofitieren wollen, sollte doch nun wirklich nicht weiter überraschen. So ist das eben, werden Daten erst einmal systematisch erhoben und gesammelt, dann gibt es eben auch Leute, die sich Zugang dazu verschaffen und wenn der Staat großflächig überwacht, warum dann nicht auch selbst in das Geschäft einsteigen? Kann ja gar nicht so schlimm sein! So werden nach und nach Bürgerrechte mit Füßen getreten und unterwandert.

    Wenn der Staat überwacht, überwachen alle anderen eben mit. Ein weiteres, gutes Argument gegen jede Form von Überwachung, Vorratsdatenspeicherung und ähnlichem mobil zu machen.

    • TDU
    • 06. Juli 2011 15:14 Uhr

    Jeder entscheidet selbst, ob er das liest und kauft.

    Die Journalisten entscheiden sich, ob sie mit solcher Betrügerei Geld vedienen wollen. Wie jeder andere, der am Geschäftsleben teilnimmt, aber betrügt und manipuliert. Also keine zwei Seiten derselben Medaille.

    Das hiesse ja, Freiheit lade zum Betrug ein. Nein, Freiheit lädt immer bestimmte Menschen mit bestimmter Mentalität in bestimmter Situation zum Betrug oder Straftaten ein.

    Im Fall der Entführungsopfer packt einen natürlich die Wut. Die Sharia hat da eine angemessene Strafe aber unser Begriff der Menschenwürde sollte auch in diesem Fall gelten.

  2. Wo nimmt der Autor denn das ach so sichere Urteil her, dass die BSkyB Uebernahme in Butter sei? Zwar hat Premier Cameron das unter Hinweis auf die 'Rechtslage' schon so vorgetragen, aber unserem anglophilen Korrespondenten entgeht hier, wie sehr der Premier selbst in die Schusslinie geradezu geraten muss. Die soeben einberufene Untersuchungskommission hat seine Regierung bis vor wenigen Tagen zu verhindern versucht. Wenn nun das ganze Ausmass der Vernetzung zwischen Regenbogenpresse und Ermittlungsbehoerden, inklusive Scotland Yard, die noch 2009 Persilscheine zur "Ehrenrettung" der Herausgeber gegenzeichneten, in der Oeffentlichkeit breitgetreten wird, werden die populistischen Geister die Murdoch immer so schoen zu seinen Gunsten zu manipulieren wusste, der Regierung wegen des BSkyB deals gehoerig die Hoelle heiss machen. Zu einer Verzoegerung kommt es auf jeden Fall.
    Die 'vielleicht beste' Presse (mal abgesehen von Nachrichtenmagazinen im Fernsehen) starb auf der Insel 'wahrscheinlich' mit Paul Foot, dessen Ableben dem wirklich gnadenlos gut recherchierten, investigativen Journalismus den letzten genialen Vertreter nahm.
    Die Medaillenmetapher ist schliesslich auch ein uebergeneraliserender Griff in die Grundbeduerfnissentsorgungsapparatur; oder ist wirklich die beste Presse die, die sich die meisten Freiheiten rausnimmt? Der Logik folgend, waere es dann angebracht, Journalisten bei der Berufsausuebung voellige Straffreiheit zuzusichern, oder?

  3. ...man stelle sich mal vor, die ganze Kohle, die da fuer Privatermittler, das Fingieren der Abahoerarrangements und Lakaien, die sich durch Stunden ueber Stunden von Anrufbeantworternachrichten horchen mussten, bei einer Groessenordnung betroffener Abgehoerter, die wohl den Hunderterbereich weit hinter sich lassen werden, sei fuer echten Recherchenjournalismus, zum Beispiel zur Finanzkriminalitaet, aufgewandt worden!

    • ThorHa
    • 06. Juli 2011 17:14 Uhr

    Die nicht minder schmutzigen Einzelheiten illegal erworbener Videos über eine absolut und rein private Sexparty von Max Mosley durfte ich aus der ZEIT (!) erfahren. Die MUSSTE unbedingt (mit allen Einzelheiten, mehr als eine halbe Seite AFAIR) "berichten" - schliesslich hatten es ja schon andere Medien getan. Respekt vor Privatsphäre? Ist etwas für anständige Menschen. Also nichts für Journalisten.

  4. 6. [...]

    Medienkritik geht mir auf Dauer auf den Keks, aber manchmal ist sie einfach, wie eine Frau Merkel so oft behauptet, A L T E R N A T I V L O S.

    Gerade kam eine E-Mail-Anfrage bei mir an: “sieh nur hier: http://www.spiegel.de/pan...

    beachte,wie der Spiegel einfach mal Abtreibung als TÖTEN von Föten bezeichnet. Sind wir jetzt in einem erzkonservativen und tiefreligiösen Staat im Süden der USA ?”

    Ich habe so geantwortet:

    [...]

    Bitte äußern Sie sich differenziert und verzichten Sie auf pauschale Herabwürdigungen sowie Eigenwerbung. Danke, die Redaktion/fk.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte England | Rupert Murdoch | Europäische Union | Ford | Tony Blair | Eisberg
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