AbhörskandalMurdoch stellt Boulevardblatt "News of the World" ein

Im Skandal um abgehörte Handys beugt sich der Medien-Milliardär dem öffentlichen Druck. Am kommenden Sonntag erscheint die britische Zeitung zum letzten Mal. von dpa, AFP und Reuters

Ein Leser der "News of the World"

Ein Leser der "News of the World"  |  © Warren Little/Getty Images

Der Medienkonzern News Corp von Rupert Murdoch zieht Konsequenzen aus dem Abhörskandal beim Boulevardblatt News of the World. Die britische Zeitung werde am Sonntag letztmalig erscheinen, teilte der Konzern mit. Sollten die derzeitigen Vorwürfe wahr sein, handele es sich um ein unmenschliches Verhalten der Journalisten, für die es keinen Platz mehr im Unternehmen gebe.

Der Verlag News International kündigte an, die Einnahmen aus der am Sonntag verkauften Ausgabe würden einem wohltätigen Zweck gespendet. Zudem würden keine Anzeigen geschaltet. Zuvor hatten viele Anzeigenkunden ihre Zusammenarbeit mit der Zeitung aufgekündigt.

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Mitarbeiter der Redaktion sollen unter anderem die Telefone von Prominenten und Mitgliedern des Königshauses angezapft haben, um an Geschichten über ihr Privatleben zu kommen. Die Affäre beschäftigt Großbritannien seit Jahren. 2007 wurden bereits ein Journalist und ein Privatermittler verurteilt. In den vergangenen Tagen kamen neue Einzelheiten ans Tageslicht. Journalisten der Zeitung sollen demnach auch Angehörige der Opfer der Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn 2005 abgehört haben.

Zudem war 2002 im Auftrag der Zeitung das Handy eines verschwundenen Mädchens geknackt worden. Journalisten des Blattes hörten die Mailbox der 13-jährigen Milly ab, auf der Angehörige verzweifelte Nachrichten hinterließen. Als die Mailbox voll war, sollen die Journalisten sogar Nachrichten gelöscht haben, um Platz für neue zu schaffen. Die Eltern und die Polizei hatten daraufhin geglaubt, das Mädchen könne noch am Leben sein. Die Leiche wurde sechs Monate später gefunden.

Premierminister David Cameron hat eine Untersuchung der Vorwürfe verlangt, zunächst müssten aber die polizeilichen Ermittlungen abgeschlossen werden. Die oppositionelle Labour-Partei forderte den Rücktritt der Chefin von News International, Rebekah Brooks, die zur Zeit der Abhöraktionen Chefredakteurin bei News of the World war. Oppositionsführer David Miliband forderte Cameron auf, sich von Brooks und anderen Verantwortlichen zu distanzieren.

Murdoch hatte die Vorwürfe als "bedauerlich und nicht akzeptabel" bezeichnet und beteuert, sein Unternehmen werde bei den Ermittlungen mit der Polizei zusammenarbeiten. Brooks sicherte er jedoch seine volle Unterstützung bei der Aufklärung der Fälle zu. Brooks selbst hatte zuvor in einer E-Mail an die Belegschaft erklärt, es sei "unvorstellbar", dass sie die Abhöraktionen gutgeheißen hätte.

Die Sonntagszeitung News of the World erscheint einmal wöchentlich und ist das Schwesterblatt der britischen Boulevardzeitung The Sun. Sie gehörte bisher zu den meistgelesenen Blättern in Großbritannien mit einer Auflage von mehr als zwei Millionen. Die Zeitung aus dem Murdoch-Imperium ist eines der aggressivsten Boulevardblätter in Großbritannien und hat sich auf Skandale um Prominente spezialisiert. Die als Revolverblatt verschriene Zeitung ist seit 168 Jahren am Markt. Online müssen Leser mittlerweile für Texte bezahlen.

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Leserkommentare
  1. Nun, die Medienwelt ist verkommen. Ein unseriöses Blatt weniger, immer dreister werden die Methoden um noch Leser zu halten.

    Was hier aufgeregt kommuniziert wird, ist aber nur die Spitze des Eisberges. Die etablierten (Print)Medien sind zu Sprachrohren verkommen, welche ungeniert Meinungen einiger, an viele herantragen sollen.

    Die Bürger honorerien solch freche Manipulation nicht mehr und steigen auf das Inet um, wo man sich ohne jemand Geld in Tasche zu stecken (Strom.- und Netzanbieter ausgenommen), welcher einen noch frech hinters Licht führt, sachlicher informieren kann.

    Der Blätterwald, vom Austerben bedroht.

  2. Ich bin froh, das unser BILD-"Zeitung" nicht "News of the world" ist, sonst ... das wäre ja nicht auszudenken!

    • CM
    • 07. Juli 2011 18:54 Uhr

    Eigentich wollte ich im Jubelrausch die Schriftart hier gerade auf 500 Punkt vergrößern, aber das geht leider nicht.

    Denn ich will dies schreiben:

    Es gibt noch Hoffnung in der Welt, und ich hoffe für Deutschland.

    Die Hoffnung, daß "BILD" mit den ebenfalls keinesfalls zimperlichen, nie feinen und keineswegs sensiblen Methoden ebenfalls irgendwann verschwindet.

    Boulevardzeitungen im Stil von "News of the World" und "BILD" sind ein echtes Hindernis für die Weiterentwicklung der Menschheit.

    Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/ew

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    • cornus
    • 07. Juli 2011 19:47 Uhr

    nicht nur für Deutschland, sondern auch für eine verantwortungsvoll gelebte Demokratie. Für mich ist der Großteil des Boulevards zutiefst undemokratisch. BILD und Co. richten Schlimmes an.
    Im Überlebenskampf der Presse verschwimmen so manches Mal die Grenzen zum Boulevard und das finde ich sehr bedenklich. Besonders übel ist allerdings, welchen Einfluss Murdoch und die anderen Macher auf Politiker haben, z.B. als Berater.

  3. Ich sehe das wohl etwas anders als der Großteil hier. Für mich ist das Einstampfen der NOTW eine riesige Farce. Hierbei geht es nicht darum, die richtige Konsequenz zu ziehen, sondern hierbei hat Rupert Murdoch mal eben 168 Jahre Geschichte in den Papierkorb geschmissen.

    Für mich ist das keineswegs der richtige Schritt. Es ist nicht so (ich empfehle Twitter-Accounts von notw-Reportern), dass viele der damaligen Reporter noch im Amt sind. Nein, ein Großteil wurde ausgetauscht und jene, die nun dort arbeiten, müssen darunter leiden. Und speziell die Rolle einer Rebekah Brooks, die damals Chefredakteurin der NOTW war, ist hier sehr dubios. Mittlerweile ist sie Kopf der Firma News International, die nichts geringeres als die Tochterfirma der News Corp ist. Das war ganz und gar nicht die richtige Konsequenz, jedenfalls aus Sicht der Betroffenen, richtig wäre, eine Stufe höher zu gehen.

    Denn was Rupert Murdoch da macht, ist nichts anderes, als politische Schadensbegrenzung zum geplanten Kauf von BSkyB.

    Mir tun die Reporter und Mitarbeiter der NOTW Leid, ganz ernsthaft.

    Wer denkt, die Bild sei anders, der soll doch bitte ein mal in der Geschichte etwas zurück gehen. "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" wäre ein guter Einstieg.

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    • CM
    • 07. Juli 2011 19:13 Uhr

    Mit DEN Beziehungen zur Politik wäre es für "BILD" kein Problem, beim Abhören erwischt zu werden. Vor allem in Sachsen.

    Bitte diskutieren Sie zum konkreten Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/ew

    Natürlich ist die Sache eine Farce nur ... Murdoch wird ja wohl kaum zurücktreten.

    Wie immer: Die unteren müssen's ausbaden, die oberen lässt man laufen - in diesem Fall Frau Brooks.

    Und der Satz des Unternehmens, "Sollten die derzeitigen Vorwürfe wahr sein, handele es sich um ein unmenschliches Verhalten der Journalisten, für die es keinen Platz mehr im Unternehmen gebe" ist ja auch frech. Jahrelang hat man's zumindest geduldet (wenn nicht gar gefördert) und mit dem "Verhalten" Geld verdient.

    "Mir tun die Reporter und Mitarbeiter der NOTW Leid, ganz ernsthaft."
    Mir nicht. Immerhin ist dieses Blatt ein übles Revolverblatt, gemacht von eben diesen unanständigen "Reportern und Mitarbeitern" - die mir nun keineswegs leid tun. Hoffentlich bleiben sie ohne Arbeit, dann können sie die Welt nicht weiter verpesten.
    Das gilt auch für Mirarbeiter der Sun und der deutschen Blöd"zeitung".

    • CM
    • 07. Juli 2011 19:13 Uhr

    Mit DEN Beziehungen zur Politik wäre es für "BILD" kein Problem, beim Abhören erwischt zu werden. Vor allem in Sachsen.

    Bitte diskutieren Sie zum konkreten Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/ew

    Antwort auf "Das ist lächerlich!"
  4. In der Welt der Verleger ist es keine direkt unbekannte Masche, das Erscheinen eines Blattes einzustellen, um damit alle Mitarbeiter, die man schon lange los werden wollte, loszuwerden.
    Dann startet man das Blatt aufs neue, stellt neue und einige der alten Leute wieder ein, doch zu schlechteren Bedingungen.

  5. Natürlich ist die Sache eine Farce nur ... Murdoch wird ja wohl kaum zurücktreten.

    Antwort auf "Das ist lächerlich!"
  6. Wie immer: Die unteren müssen's ausbaden, die oberen lässt man laufen - in diesem Fall Frau Brooks.

    Und der Satz des Unternehmens, "Sollten die derzeitigen Vorwürfe wahr sein, handele es sich um ein unmenschliches Verhalten der Journalisten, für die es keinen Platz mehr im Unternehmen gebe" ist ja auch frech. Jahrelang hat man's zumindest geduldet (wenn nicht gar gefördert) und mit dem "Verhalten" Geld verdient.

    Antwort auf "Das ist lächerlich!"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, Reuters
  • Schlagworte David Cameron | Rupert Murdoch | Anzeige | Aufklärung | David Miliband | Ermittlung
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