Der mutmaßliche Attentäter Anders B. hat die Anschläge vom Freitag bei einem Polizeiverhör als "grausam, aber in seinem Kopf als notwendig" bezeichnet. Das sagte sein Anwalt Geir Lippestad gegenüber dem norwegischen Fernsehsender NRK. Lippestad fügte hinzu, B. habe die Taten zwar gestanden, sich aber nicht eines Verbrechens für schuldig erklärt. Weitere Aussagen des Norwegers zu seinem Motiv für die beiden Anschläge wollte der Anwalt nicht öffentlich wiedergeben, ehe er sie nicht noch einmal genau durchdacht habe: "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat."

B. steht im Verdacht, am Freitag im Osloer Zentrum eine Autobombe gezündet zu haben, die mindestens sieben Menschen tötete. Danach soll er im 40 Kilometer entfernten Tyrifjord, auf der Insel Utøya, als Polizist verkleidet mindestens 86 Menschen in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF erschossen haben. Das Massaker dauerte anderthalb Stunden, ehe B. sich freiwillig Antiterrorspezialisten der Polizei ergab.

B. hatte bereits am Samstag seine Täterschaft teilweise eingestanden. Er will sie allein ausgeführt haben. Dem britischen Sender BBC zufolge sagte Polizeichef Sveinung Sponheim dazu, die Behörden suchten zwar derzeit keine weiteren Verdächtigen, es sei jedoch noch immer nicht auszuschließen, dass B. Unterstützer hatte. Sponheim beschrieb B.'s Verhalten bei der Vernehmung als kooperativ, es sei "guter" Dialog möglich gewesen.

Gegen "Kulturmarxismus und Islamisierung"

Norwegische Medien berichten, dass B. wenige Stunden vor dem ersten Anschlag ein 1.500 Seiten starkes "Manifest" mit dem Titel "2083. A European Declaration of Independence" ("2083. Eine europäische Unabhängigkeitserklärung") an mehrere Empfänger verschickt hat. In dem in englischer Sprache verfassten Schreiben gehe es unter anderem um "Rassenkrieg" und die Frage, wie Europa sich "vor Kulturmarxismus und Islamisierung" retten könne. Aus dem Manifest geht hervor, dass Anders B. seine Tat seit beinahe zwei Jahren geplant hat. Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, teils gibt es Anleitungen zum Bombenbau oder beschreibt die Islamfeindlichkeit des Autors. Der Text ist mit einem Pseudonym unterschrieben, dessen Herkunft der Autor aus seinem eigenen Namen – Anders B. – ableitet.

Nach offiziell nicht bestätigten Angaben der Zeitung VG unter Berufung auf Polizeikreise soll der Mann bei Verhören bestätigt haben, dass er das Material im Internet veröffentlicht hat. Es umfasse auch ein bei YouTube angelegtes Video mit einer Zusammenfassung des Manifests. Der 32-Jährige, der laut Polizei "christlich-fundamentalistisch" orientiert ist, kündigte nach Angaben seines Verteidigers an, bei einem Haftprüfungstermin am Montag weitere Einzelheiten zu den Anschlägen zu nennen.



Dem norwegischen Geheimdienst PST soll Anders B. bis zu den Anschlägen völlig unbekannt gewesen sein. Das berichteten die Zeitungen VG und Dagbladet. Anders B. hatte unter anderem auf einem Hof in der Nähe von Oslo sechs Tonnen Kunstdünger zur Herstellung von Sprengstoff gelagert.

Die Anschläge haben auch in Deutschland für Entsetzen gesorgt. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte, es gebe derzeit jedoch keine Hinweise auf rechtsextreme, terroristische Aktivitäten in Deutschland. "Unsere Sicherheitsbehörden beobachten auch die rechte Szene intensiv", sagte er.