Wegen der Ermordung von hunderten Zivilisten hat ein italienisches Gericht neun ehemalige Wehrmachtssoldaten in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Tribunal in Verona befand die ehemaligen Mitglieder der Division "Hermann Göring" für schuldig, an dem Massaker im Jahr 1944 in Norditalien mitgewirkt zu haben. Drei Angeklagte waren während des im Herbst 2009 begonnenen Prozesses gestorben. Zwei weitere Angeklagte wurden freigesprochen.

Das Verfahren gegen die heute um die 90-jährigen Deutschen hatte im vergangenen November nach fünf Jahre langen Ermittlungen begonnen. Die Soldaten hatten laut Urteil im Zweiten Weltkrieg versucht, gegen die italienische Widerstandsbewegung vorzugehen und willkürlich hunderte Zivilisten in den Regionen Modena und Emilia Romagna sowie nahe Arezzo in der Toskana umgebracht. Allein in Modena töteten sie 140 Zivilisten.

Endlich sei den Opfern und ihren Angehörigen Gerechtigkeit widerfahren, sagte Kläger Demos Malavasi der Zeitung Corriere della Sera. "67 Jahre sind vergangen, aber wenigstens sind sie nicht umsonst vergangen." Im Gerichtssaal waren zahlreiche Hinterbliebene von Opfern der NS-Massaker und Bürgermeister der betroffenen Orte anwesend.

Der Anwalt eines verurteilten 93-jährigen Osnabrückers kündigte an, gegen die Entscheidung vorzugehen. "Das Vorgehen der Staatsanwaltschaft war unfair", sagte Rechtsanwalt Robert Seidler der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die Verurteilung seines Mandanten beruhe auf einer Entscheidung des Kassationshofes in Rom, wonach allein die Befehlsfunktion für eine strafrechtliche Verantwortbarkeit ausreiche, erklärte Seidler. Sein Mandant, ein früherer Leutnant der Division "Hermann Göring", sei aber nie direkt an den Massakern beteiligt gewesen.

"Die Rechtsgrundsätze des Kassationshofes in Rom sind falsch, weil sich aus anderen Entscheidungen ergibt, dass immer die persönliche, individuelle Schuld festgestellt werden muss", kritisierte Seidler. Eine solche Schuld liege aber nicht vor. Der Jurist rechnete damit, dass sich das Berufungsverfahren bis Ende nächsten Jahres hinziehen werde.

Deutschland weigere sich bis heute, Täter aus der NS-Zeit ohne ihr Einverständnis auszuliefern, hatte eine Prozessbeobachterin vor der Urteilsverkündung kritisiert. Ähnliche Beschwerden hatte es auch bei anderen NS-Prozessen in Italien gegeben.

Der Bürgermeister der betroffenen toskanischen Gemeinde Stia bei Arezzo begrüßte das Urteil. "Jetzt gibt es Frieden für eine Kommune, die mit diesem Schandfleck seit fast 67 Jahren leben musste", sagte Stefano Milli. Stias Ortsteil Vallucciole beklagte mit 108 Toten die meisten Opfer an einem Ort. Das Massaker dort war ein Vergeltungsakt für getötete deutsche Offiziere.

Für die noch lebenden und sehr betagten Angehörigen der ermordeten Frauen und Kinder bleibe doch "eine offene Wunde", sagte Milli. Zumal die jetzt Verurteilten nie ihre Haftstrafe antreten werden.