Was würde ein Amerikaner mit einem Schlagwort wie "Amerikanerfeindlichkeit" anfangen? Antiamerikanismus kennt er aus dem Fernsehen, von brennenden US-Flaggen in Lahore und Bagdad, aber mitten in "God’s own country"? Deutschland dagegen scheint sich gerade an das Wort "Deutschenfeindlichkeit" zu gewöhnen. Es meint auf Schulhöfen gängige Verbalinjurien wie "deutsche Kartoffel", "deutsche Schlampe" oder "dreckiger Deutscher". Auch das sei eine Form von Rassismus, sagt die Familienministerin.

Vor der Anklageerhebung gegen vier Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, die in Lichtenberg einen 30-Jährigen zusammenschlugen und -traten, weiß die "Bild", dass die Tat "rassistische Hintergründe" hatte, und spuckt große Lettern: "Motiv: Hass auf Deutsche?" Nach Zeugenaussagen haben die vier Angeklagten den 30-jährigen R. als "Scheiß Nazi" beschimpft.

Rassismus ist eine auffallend selten verwendete Vokabel im deutschen politischen Wörterbuch. EU und UN haben mehrfach beklagt, dass der Begriff hierzulande auf Antisemitismus verengt werde, was es Behörden und Politik schwer mache, andere Formen von Rassismus zu erkennen und zu bekämpfen. Das Institut für Menschenrechte mahnte, etwa in der Sarrazin-Debatte, dass endlich über Rassismus zu reden sei und nicht nur den von rechtsaußen.

Nun geschieht’s. Leider an der falschen Stelle. Rassismus war immer der Vorwurf der Unterdrückten an die Adresse der Unterdrücker, der Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse gegen deren Nutznießer. Er erzählt von Macht. Dass Migranten in einer Machtposition gegenüber autochthonen Deutschen wären, würde wohl auch Ministerin Schröder nicht behaupten. Der Kampfbegriff der Deutschenfeindlichkeit soll aber auch nicht Wirklichkeit beschreiben, sondern die Mehrheit moralisch entlasten: Wenn junge Türken, Kosovaren und Libanesen auch Rassisten sind, sind wir vielleicht gar nicht so schlimm?

Alles, was wir inzwischen über strukturelle Diskriminierung von Migranten allein auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungssystem wissen, spricht eine andere Sprache. Und für Mordversuche in der U-Bahn und Mobbing auf dem Schulhof gibt es andere klare und harte Worte. Rassismus ist das falsche Wort.

Erschienen im Tagesspiegel