Dominique Strauss-Kahn, der langjährige Direktor des Internationalen Währungsfonds, der versuchten Vergewaltigung angeklagt, ist nun ein – fast – freier Mann. Letztlich war es ein Duell zwischen der Staatsanwaltschaft und Strauss-Kahns Anwälten, das diese gewonnen haben. Zwar hält Manhattans Generalstaatsanwalt Cyrus Vance Jr. Strauss-Kahn immer noch für schuldig. Es gebe Beweise für einen unfreiwilligen Sexualakt, sagt er, und: "Wir haben unsere Pflicht getan und das Opfer geschützt". Aber er hat keinen Widerspruch eingelegt, als der Richter die Auflagen gegen Strauss-Kahn aufgehoben hat. Die Hauptverhandlung findet nun ab dem 18. Juli statt, es ist aber möglich, dass Strauss-Kahn einen Plea Deal schließt: Er gesteht eine einfache Nötigung und bekommt eine Bewährungsstrafe.

Vor sechs Wochen wurde der französische Sozialist nur Minuten vor dem Abflug aus dem Flieger geholt ; ihm wurde vorgeworfen, eine 32-jährige Hotelangestellte aus Guinea zum oralen Sex gezwungen zu haben. Es folgte: Einlieferung auf die Gefängnisinsel Rykers Island, ein demütigender Spießrutenlauf in Handschellen an TV-Kameras vorbei, höhnische Kommentare in Murdochs New York Post , die ihn einen "perversen Frosch" nannte und anti-französische Töne spuckte wie zuletzt beim Einmarsch in den Irak.

Strauss-Kahn engagierte zwei New Yorker Spitzenanwälte, William W. Taylor III, und Benjamin Brafman. Brafman, Sohn von Holocaust-Überlebenden aus Brooklyn, der mit der Verteidigung von New Yorker Mafiosi bekannt wurde, hat schon viele Klienten freigepaukt: Michael Jackson und den Rapper Jay-Z, den Produzenten Peter Gatien, dem der Verkauf von Ectasy in seinen Nachtclubs vorgeworfen wurde, und Sean "Puffy" Combs, der mit seiner damaligen Freundin Jennifer Lopez in eine Schießerei vor einen Nachtclub verwickelt war. Obwohl hunderte von Zeugen gesehen hatten, wie "Puff Daddy" mit seiner Waffe herumfuchtelte, kam der Rapper frei. Brafmans Taktik ist, Stimmung in der Presse für seine Mandanten zu machen. Er schaffte es zunächst, Strauss-Kahn aus der U-Haft zu pauken, unter verschärften Bedingungen zwar – Millionenkaution, Fußfessel, Hausarrest – aber immerhin lebt der Banker seitdem in einer luxuriösen Stadtvilla, mit Frau und Tochter.

Brafmans Gegenspieler ist das glatte Gegenteil des Anwalts: Cyrus R. Vance Jr., Sohn von Cyrus Vance, Außenminister von Jimmy Carter, der schon unter Kennedy und Johnson gedient hatte. Vance ist ein liberaler blaublütiger WASP, der in Yale und Georgetown studiert hat. Der Demokrat leitet die Staatsanwaltschaft in Manhattan seit Anfang 2010, dies ist sein erster spektakulärer Fall. Er hat das Erbe des legendären Robert Morgenthau Jr. angetreten, Sohn von Franklin D. Roosevelts Schatzmeister Henry Morgenthau; der erst mit 90 Jahren abgetreten war. Morgenthau hatte den Ruf, unbestechlich zu sein, hart durchzugreifen und eine schützende Hand über die Polizei zu halten. Als Vance gewählt wurde, hatte er die Unterstützung von Morgenthau, auch die von Caroline Kennedy und dem früheren demokratischen Bürgermeister David Dinkins. Nun steht er schwer unter Druck: Was auch immer er tut, es kann ein schwerer Fehler sein.

Vance setzte Dutzende seiner Leute an den Fall, der anfangs so klar schien: Eine Asylbewerberin aus Guinea, schwarz und arm, hart arbeitende verwitwete Mutter, die sich, aufgeregt und weinend, mehreren Kolleginnen anvertraut hatte. Dazu hatte sie blaue Flecken, Spermaspuren des Angeklagten waren an ihrer Kleidung. Hingegen hatte sich der Verdächtige eilends abgesetzt und verfügte über einen einschlägigen Ruf. Vance entschloss sich, hart durchzugreifen. Unter keinen Umständen wollte er einen zweiten Fall Roman Polanski riskieren, wo ein Vergewaltiger von Frankreich aus den USA eine Nase dreht.

Vance war sich so sicher, dass er den Fall binnen Wochen vor eine Grand Jury brachte, ohne die Frau vorher gründlich durchleuchten zu lassen. Brafman hingegen hielt sich bedeckt, aber der Wind in der Presse hat in den letzten Wochen begonnen, sich für Strauss-Kahn zu drehen. Erst plauderte Anne Sinclair, Strauss-Kahns Gattin, mit der New York Times . Sie, eine in New York geborene Tochter eines französischen Kämpfers der Resistance, wünsche sich nichts mehr als den ersten jüdischen Staatspräsidenten nach Léon Blum, der Buchenwald und Dachau überlebt hatte. Dann erschien eine Geschichte in der Times , die nachzeichnete, wie Strauss-Kahn sich nach den Vorfall mit seiner Tochter zum Lunch trifft, eine idyllische Familienszene mit einem Mann im Mittelpunkt, der es nicht eilig hat.