Hatun Sürücü : Mord ohne Reue

Hatun Sürücü wurde von ihrem jüngsten Bruder hingerichtet. Sechs Jahre später äußert sich die Familie. Mitgefühl für das Opfer hat sie nicht.

Dreimal hat er seiner Schwester Hatun in den Kopf geschossen. Sechs Jahre danach sagt Ayhan Sürücü: "Es war falsch, meine Schwester zu töten." Doch in seiner Stimme klingt kein Mitleid mit, keine Reue. Die Worte klingen kalt und einstudiert. Wenn der heute 25-Jährige im Gefängnis über seine Schwester redet, spricht er nie den Namen der jungen Mutter aus. Rund ein Dutzend Mal haben die beiden Buchautoren und ARD-Reporter Matthias Deiß und Jo Goll den verurteilten Mörder in den vergangenen zwei Jahren in der Charlottenburger Justizvollzugsanstalt besucht. So etwas wie Mitgefühl konnten sie bei Ayhan Sürücü nicht ausmachen. "Diesen Schritt hat er bis heute nicht gemacht", sagt Jo Goll.

Ayhan Sürücü ist ein Mörder mit guten Manieren. Er sitzt ordentlich und gepflegt in seiner Zelle. Seit sechs Jahren unterzieht er sich freiwillig einer Psychotherapie. Ayhan Sürücü habe zwar eingesehen, dass er kein Recht hatte, seiner Schwester das eigene Recht auf ein selbstbestimmtes Leben auszulöschen, sagen die Autoren. "Aber er glaubt immer noch, dass seine Schwester falsch gehandelt hat, weil sie wie eine Deutsche lebte", sagen die Autoren. Mit seiner Tat hatte Ayhan Sürücü in Deutschland eine intensive Debatte über Integration ausgelöst, über sogenannte Ehrenmorde und Zwangsehen. Zumal nie der Verdacht ausgeräumt werden konnte, dass es sich bei der Bluttat um ein Familienkomplott handelte, einen gemeinschaftlich beschlossenen Mord.

Die Journalisten Jo Goll und Matthias Deiß sind in dem Fall auf Spurensuche gegangen. Die Ergebnisse ihrer Recherchen haben sie in einem Film und in dem Buch Ehrenmord – Ein deutsches Schicksal zusammengefasst. Zu Wort kommen Freunde von Hatun Sürücü, ehemalige Arbeitskollegen sowie Angehörige der Familie Sürücü. Unter konspirativen Bedingungen konnten die Autoren sogar die damalige Kronzeugin Melek und ihre Mutter treffen. In Ostanatolien und Istanbul sprachen sie mit Mutlu und Alpaslan Sürücü, den beiden anderen des Mordes verdächtigen Brüdern. Ihre Freisprüche aus Mangel an Beweisen hatte der Bundesgerichtshof 2007 aufgehoben.

Der heute 32-jährige Mutlu lebt seit fünf Jahren als streng gläubiger Moslem mit Frau, zwei Kindern und einer Schwester in einem Istanbuler Vorort. Nach dem BGH-Urteil gab Mutlu seine deutsche Staatsangehörigkeit zurück. Damit ist er als türkischer Staatsbürger vor einer Ausweisung geschützt. Er selbst sagt: "Wenn Deutschland Druck machen würde, würde die Türkei mich sicherlich abschieben. Ich denke, Deutschland macht aber nicht genug Druck."

Schon früh hatte Mutlu Sürücü mit seiner Schwester gebrochen. "Wenn ich weiterhin mitbekommen hätte, wie sie lebt, wäre ich auf jeden Fall gewalttätig geworden. Auch wenn ich sie nicht umgebracht hätte", wird er im Buch zitiert. Er erwartete von seiner Schwester Respekt, Unterwerfung. Einmal schlug er ihr in der Öffentlichkeit ins Gesicht. "Hass war schon da. Auf jeden Fall. Ja." Er kritisiert nicht seinen Bruder Ayhan, er wirft vielmehr der Kronzeugin Melek, der damaligen Freundin seines Bruders vor, sie habe "etwas Falsches gemacht". Das Gericht sei auf die "wahre Mittäterin" hereingefallen. Mutlu sagt über Hatun: "Wir konnten ihr Leben nicht tolerieren. Wie kann man da über einen Familienbeschluss reden? Auch mein Vater hat keinen Auftrag gegeben, Hatun zu ermorden. Jedenfalls nicht mir."

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Kommentare

194 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Ist allerdings noch nicht so lange her...

... dass es das so ähnlich bei uns auch gab: Menschen die im Dritten Reich ihre eigenen Familienmitglieder an die Nazis verraten und damit faktisch umgebracht haben. Die haben vermutlich auch so gehandelt, weil man ihnen einredete, das sei ehrenvoll.

Wie sie schon schreiben: Ehre ist ein sehr problematischer Begriff. Deswegen gehöre ich auch nicht zu den Leuten, die sich "preussische Tugenden" zurückwünschen...

Das gab es schon immer auch hier..

Meine Rede! Man beruft sich auf Ehre, Treue, Gott (und den Teufel)und lebt doch nur den angestauten Hass auf Andersdenkende...Andershandelnde welche man sich außerstande sieht unter die eigene Kontrolle zu zwingen.
Meine Meinung dazu: Eigene Ohnmachtsgefühle dem Anderen gegenüber, die Unfähigkeit zu ertragen, dass man nicht bestimmen kann was Familienmitglieder tun und denken, sich verachtet fühlen, Minderwertigkeitsgefühle, Hass auf sich und dann doch lieber auf den Nächsten, wenn nötig auf die "Geliebten". Ein gewisses Maß an Dummheit,Einfältigkeit, Minderbemitteltheit, sowohl emotional als auch in analytischem Denken und Reflektieren.
Es gibt allerdings bestimmte Systeme in einer Gruppe (z.B. Nazideutschland, evangelikale Christen, konservative Muslime) die solche Charaktere bestätigen und damit wahrscheinlicher zu einer Tat treiben, die vermeindlich berechtigt erscheint zur Verteidigung einiger Ideale.

Wo sollen Sie denn hin?

Sie schreiben "wenn es ihnen nicht passt, wie wir deutsche leben, dann sollen sie doch bitte dieses Land verlassen!"

In der Türkei ist die Rechtslage zum Glück nicht viel anders.

Tatsächlich hilft es ja nicht, wenn intollerante Menschen mit primitiven "Wertvorstellungen" (ich gebe die Suche nach einem passenderen Wort erstmal auf) irgendwo anders auf der Welt hingehen und sich dort zusammenrotten. So eine Haltung ist überall inakzeptabel oder sollte es zumindest sein.

Die Rechte anderer Menschen muss man achten und dem darf man sich nicht entziehen, indem man sich ein Fleckchen Erde sucht, wo man mit seinen Verbrechen durchkommt. "Land verlassen" ist also keine Lösung.

Das verstehe ich nicht

Leider sind Sie ja auf meinen diesbezüglichen Beitrag nicht eingegangen.

Wie wollen Sie das machen, die Staatsbürgerschaft "sorgfältiger" vergeben? Müssen wir uns alle mit Erreichen des 18. Lebensjahres einer Gewissensprüfung unterziehen? Müssen wir alle in die katholische / evangelische Kirche eintreten? Mitglied im Kegelverein sein?

Der weitaus größte Teil der Bevölkerung besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft, weil er deutsche Eltern (oder einen deutschen Elternteil) hat, ohne dass er weitere Verdienste vorweisen musste.

Ich verstehe Sie so, dass Sie die Einbürgerung von "Nichtwurzeldeutschen" an besondere Bedingungen knüpfen wollen, die die "Wurzeldeutschen" nicht nachweisen müssen. Nun, das geschieht bereits. Machen Sie sich einmal in der Wikipedia schlau:

http://de.wikipedia.org/w...

"keine wesentlichen Straftaten, keine selbstverschuldeten Sozialleistungen..."

Sie fallen mir hier häufiger auf

mit Äußerungen über "kuscheligen" Strafvollzug oder ähnliches.

Mit Verlaub, woher kennen Sie denn die Anschmiegsamkeit des Strafvollzugs? Ich möchte Ihnen ja nichts unterstellen, aber Ihre anscheinend genaue Expertise muss ja irgendwoher kommen.

Ich weiß, dass Ihnen dass schon von unzähligen Foristen mitgeteilt wurde, aber ich wiederhole es gerne noch einmal:

"In § 2 Satz 1 StVollzG ist als Vollzugsziel die Resozialisierung festgeschrieben...Darüber hinaus gehört zu den weiteren Aufgaben des Strafvollzugs der Schutz der Bevölkerung vor weiteren Straftaten (§ 2 Satz 2 StVollzG). Allerdings handelt es sich dabei nach herrschender Meinung nicht um ein gleichrangiges Ziel des Vollzugs. Vielmehr soll dadurch lediglich der Sicherungsaspekt der Freiheitsstrafe (negative Spezialprävention) als Minimal-Aufgabe des Vollzugs der Freiheitsstrafe zum Ausdruck gebracht werden. Die Berücksichtigung anderer Strafzwecke wie Schuldausgleich, Generalprävention etc. bei der Gestaltung des Vollzugs ist dagegen nach herrschender Meinung nicht zulässig."

Steht auch alles in der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/w...

Und was genau unterscheidet für Sie einen deutschen von einem nichtdeutschen Straffälligen? Oder wollen Sie deutschen Straftätern auch gleich die Staatsangehörigkeit aberkennen?

@ 97 Bedingungen

Nun, wie das Beispiel der hier diskutierten Familienehre mit ihren mörderischen Folgen zeigt, genügen diese Bedingungen nicht. Männer, in deren Köpfen der Ehrenmord auf dem Thron sitzt, sollten unsere Staatsbürgerschaft nicht erhalten können.

Da Sie natürlich meiner Meinung sind, werden Sie sicher mit konstruktiven Vorschlägen zur Schaffung geeigneter Bedingungen rasch bei der Hand sein.

Selbst wenn das so wäre,

hätte diese Leute anderswo genausowenig ein Recht, ihre Verwandten zu einer bestimmten Lebensweise zu zwingen. Gehen Sie in ein Land, wo das trotzdem möglich ist, macht es die Sache schlimmer, nicht besser (denn dann gibt es noch weniger Schutz für die Opfer).

Ich komme nicht umhin, in Ihrem Kommentar einen gewissen Kulturrelativismus zu lesen.

Als ob es in einem Land, "in dem keine deutsche Lebensart herrscht", wie sie schreiben, weniger schlimm wäre, seine Verwandten zu ermorden, weil sie einer bestimmten Lebensart zuneigen (und damit dann vielleicht in der Minderheit sind).

Lebensweise und Mord

In Deutschland wird auch ein deutscher Mann für einen Mord bestraft, aber er wird auch nicht dafür bestraft, dass er seine Frau zu einer bestimmten Lebensweise gezwungen hat.

Da würde man sagen, dass eine erwachsene Frau für ihr eigenes Leben verantwortlich ist, und dass sie für sich Hilfe holen muss, wenn sie sich von ihrem Mann unterdrückt fühlt und anders leben möchte.

Das Tragische in diesem Fall (und in ähnlichen Fällen), ist, dass die Frau versucht hat, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen, und sie deshalb ermordet wurde - und dass der Staat sie nicht schützen konnte.

Da nur über Staatsbürgerschaft zu reden, ist etwas kurz gedacht - das klingt für mich wie "liebe türkische Frauen, seht zu, dass Ihr in der Türkei bleibt und die deutsche Lebensart nicht kennen lernt - denn wenn Ihr nicht auf die Idee kommt, wie deutsche Frauen leben zu wollen, seid Ihr sicher vor Ehrenmord."

Sie haben Recht, Clair11 - 1

"Das Tragische in diesem Fall (und in ähnlichen Fällen), ist, dass die Frau versucht hat, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen, und sie deshalb ermordet wurde - und dass der Staat sie nicht schützen konnte."

Damit haben Sie Recht, Clair11. Es ist aber etwas zu ergänzen: Sehr häufig werden in innerfamiliären Konflikten die kulturellen Unterschiede zwischen dem Elternhaus und der Umgebung als Waffe missbraucht. Dem Prinzip nach kennen wir das von uns selber: Das Kind will etwas durchsetzen mit der Begründung "die Anderen dürfen aber" und die Eltern verweigern es mit der Begründung: "Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst..." Solange das innerhalb derselben Kultur passiert, ist es nur ein Unterschied zwischen "Leuten" (sprich: "diese Leute sind kein Maßstab für uns"), doch wenn es um den maximalen Dissens von Religionen und historisch gewachsenen Kulturen geht, dann wird mit erheblich schärferen Waffen gefochten.
Ein Mord ist eine extreme Eskalationsstufe, aber jeder Eskalation geht erst einmal eine Entwicklung voraus, das ist bei Türken nicht anders als bei Deutschen. Und wer von Parallelgesellschaften schwadroniert, von der Unvereinbarkeit der islamischen mit der deutschen Kultur usw., ergreift in diesem Konflikt Partei und heizt ihn durch seine Polarisierungen auf. Es ist pervers in meinen Augen, den Konflikt aufheizen und dann seine Eskalation verurteilen zu wollen.

Sie verwechseln da etwas

Der Grundsatz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, steht im Grundgesetz, nicht im Strafrecht.

Das bedeutet, dass dieser Grundsatz dem Handeln des Staates gegenüber seinen Bürgern zugrundeliegen muss. Der Staat darf nichts veranlassen, was einen Bürger in seiner Würde berührt. Aus diesem Grunde gibt es zum Beispiel das staatliche Folterverbot.

Anders im Umgang der Bürger untereinander. Hier sind im Strafrecht verschiedene strafbare Verhaltensweisen geregelt. Aber ein Bürger kann einem anderen nicht in einem Grundrecht verletzen. Und genausowenig kann jemand, weil er eine strafbare Handlung begangen hat, seiner Grundrechte verlustig werden.

Das ist nämlich das zentrale Element an Grundrechten: Sie können nicht verwirkt werden!

Nochmal im Klartext

Der Unterschied zwischen deutschen und nichtdeutschen
Taetern ist schlicht die Staatsangehoerigkeit. Meiner
Meinung nach sollte der deutsche Staat (wie es auch andere
Staaten tun) alle Moeglichkeiten ausschoepfen um Wieder-
holungstaeter oder Taeter, die andere verletzt oder umgebracht haben, abzuschieben. Im Gegenzug muessen wir auch
die aus anderen Laendern abgeschobenen Deutschen uebernehmen. Das mit dem "kuscheligen Strafvollzug" habe ich
zum ersten (aber vielleicht nicht zum letzten) Mal geschrieben. Ich kenne die Bedingungen aus dem Fernsehen oder von Berichten. Ich glaube man koennte da einiges ver-
einfachen und damit der Abschreckung und dem Haushalt
dienen.

Das mit der Abschreckung

ist so eine Sache. Oder was glauben Sie, warum es den modernen Strafvollzug gibt? Weil man es den Straftätern zur Belohnung noch besonders gemütlich machen möchte?

Im Mittelalter wurde den Dieben die Hand abgeschlagen, schon eine ziemlich drastische Maßnahme. Meinen Sie, im Mittelalter wurde deswegen nicht gestohlen?

Soso, aus dem Fernsehen, na dann... Mir ist es lieber, Straftäter lernen im Vollzug einen Beruf oder machen einen Schulabschluss nach oder machen eine Therapie, als sie bei Wasser und Brot zu halten, denn irgendwann kommen sie doch heraus, und was soll dann aus ihnen werden?

Mich würde übrigens mal interessieren, mit vielen deutschen, im Ausland straffällig gewordenen Abgeschobenen, die in Ihren Augen so ein großes Problem darstellen, wir es hier zu tun haben. Im übrigen werden ja, ganz wie Sie fordern, ausländische Straftäter nach Verbüßung der Haft abgeschoben, wie es sogar im Artikel gesagt wird. Also verstehe ich Ihr Problem nicht.

In Antwort

Bitte noch einmal nachlesen!

1. Habe ich nirgendwo behauptet, dass die Staatsbürgerschaft oder "das Bleiberecht" (Was ist das?) Grundrechte darstellen.

2. Ist mein Kommentar eine Antwort auf "Doch!", wo behauptet wird, jemand, der eine Gewalttat begehe, verstoße gegen "Die Würde des Menschen ist unantastbar" und verwirke daher selbst sein Grundrecht auf Würde.

Somit ist Ihr Kommentar absolut sinnlos.

Zuerst einmal sieht es so aus als ob wir uns in bezug auf

Abschiebung von Mehrfach- und Gewalttaetern einig sind. Es
wird praktiziert in beide Richtungen. Ich habe das Problem
mit dem Taetern, die uns das Ausland zurueckschickt (es sind
Tausende, aber ich habe derzeit keine genaue Zahl) und wovon
manche ueberhaupt nicht in Deutschland geboren wurden, erwaehnt, weil es eben die Folge von dem ist, was wir selbst
tun oder tun sollten. Gross oder klein, wir kommen an dem
Problem nicht vorbei. Ich bin sehr fuer Resozialisierung z B
das Erlernen von Berufen etc und finde jeden Euro dafuer gut angelegt, aber es besteht ein genereller
Eindruck, dass unser STRAFvollzug zu einem THERAPIEvollzug
mit zweifelhaftem Erfolg wird. Es darf nicht sein, dass~
Straftaeter mehr Lequensqualitaet haben als arme unbescholtene Mitbuerger.

Leider blenden Sie aus,

dass die Religionsvertreter mit ihren kruden Ansichten über die vermeintlich "natürlicherweise" untergeordnete Stellung der Frau, die allen Ernstes auch hier in Deutschland z. B. vom "Zentralrat der Muslime" öffentlich vertreten werden, einen Nährboden für die Akzeptanz dieser schrecklichen Auswüchse in entsprechenden Mileus bietet.

Was soll man etwa davon halten, dass im 21. Jahrhundert der Kopf der Frau zu ihrer Schamgegend erklärt wird, die es zu bedecken gelte? Erst wenn die begonnene Diskussion zu Themen wie diesen zu einem nachhaltigen Umdenken geführt hat, werden wir auch den entsetzlichen Einzelfällen von sogenannten "Ehrenmorden" erfolgreicher entgegentreten und die potentiell betroffenen Frauen besser schützen können.

Der Mut der Frauen

Was soll man etwa davon halten, dass im 21. Jahrhundert der Kopf der Frau zu ihrer Schamgegend erklärt wird, die es zu bedecken gelte?
------------------------
das wird auch von Azur Tokker geb.1974 in Ostanatolien
abgehandelt.
Ich würde mir wünschen,das man dieser Handvoll kritischen
Frauen mehr Gehör schenkt.
Seylan Ates (Anwältin),hatte sich nach einem Angriff auf sie und ihrer Klienten,welche sich trennen wollte einige
Zeit leider zurückgezogen.
Aber Mut haben diese Frauen.Von männlicher Seite kommt
da echt wenig zu dem Thema.
http://europenews.dk/de/n...

eine meiner Schülerinnen

Eine meiner Schülerinnen, ägyptische Muslima, Abitur in Kairo an einer deutschen Schule, hier momentan studierend, hatte es sehr schwer mit ihrer Entscheidung nach Deutschland zu kommen. Ausdrucksweisen wie diese empfindet sie als Beleidigung:

"Was soll man etwa davon halten, dass im 21. Jahrhundert der Kopf der Frau zu ihrer Schamgegend erklärt wird, die es zu bedecken gelte? "

Sie weiß aber, dass diese Arten von Äußerungen jede Andeutung von religiösem Wissen vermissen lassen, dass sie also inhaltlich nicht zu verletzen brauchen, verletzend ist die Rücksichtlosigkeit, die in Deutschland damit legitimiert ist, dass derartige Rüpeleien als Meinungsfreiheit gedeckt sind. Man hat sie gewarnt, sie werde es als gläubige Muslima schwer haben in diesem Land, sie werde Respekt und Höflichkeit oft vermissen müssen und solle lieber an einer europäischen Universität in Kairo studieren. Heute würde sie sagen, sie hat hier gute Freunde gewonnen, deshalb ist sie froh, gekommen zu sein, aber trotzdem hatten die Warner recht, das Idealbild Deutschland, das sie aus der Schule mitgebracht hatte, stimmt für sie nicht mehr.

Merkwürdig: Die ägyptischen (!) Musliminnen, die

... ich wiederum persönlich kenne und mit denen ich hier in Deutschland arbeite, stammen aus Kairo und tragen bis auf eine Ausnahme _keine_ Kopfbedeckung. Sie empfinden es als Zumutung (Sie würden wahrscheinlich sagen: Beleidigung, denn das setzt das Gegenüber ja prima ins Unrecht), wenn man ihnen deshalb das Recht absprechen möchte, gläubige Musliminnen zu sein.

Und selbst wenn sie alle eine Kopfbedeckung trügen: Bei _Gästen_ aus dem Ausland ist es ein Gebot der Höflichkeit, im Wortsinne tolerant zu sein. Wollen Sie aber mit Ihrem Beispiel ernsthaft einen Bezug zur Situation von Frau Sürücü herstellen?

Offenbar im Unterschied zu Ihnen meine ich: Jenen, die versuchen, hier im Lande Macht über Frauen auszuüben, sollten wir entschlossener als bisher entgegentreten. Die Moralkeule, die Sie hier schwingen, trifft am Ende leider mutige Menschen wie Frau Sürücü.

Wenn Menschen in unserem Land sesshaft werden und Töchter haben, so ist es unsere Pflicht, diesen Töchtern die Teilhabe am öffentlichen Leben in Deutschland uneingeschränkt zu ermöglichen und deutlich zu machen, dass der Kopf der Frau eben nach unserer Überzeugung nicht zur Scham gehört, die es zu bedecken gelte. Aber nach Ihrer Überzeugung ist dies ja ein Missverständnis, sicher können Sie das noch (er-)klären.

Ich finde es befremdlich, wenn Sie ausgerechnet mit dem Begriff der Beleidigung die - auch scharfe - Kritik an einem Beharren auf archaischen Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert verhindern wollen.

Als rüpelhaft,

... um das Mindeste zu sagen, empfinden es viele Menschen in unserem freien Land, wenn das Leben junger Frauen - die hier geboren oder sesshaft geworden sind - nachhaltig von ihren Brüdern und Vätern fremdbestimmt wird, selbst wenn dies nicht in jedem Fall zu so schrecklichen Folgen führt wie in dem im Artikel beschriebenen.

Es ist nicht besoners überzeugend, die scharfe Kritik an solchen Machenschaften in einen Topf zu werfen mit fehlender Höflichkeit gegenüber _Gästen_ wie in dem von Ihnen beschriebenen Fall.

Und, übrigens: Die ägyptischen (!) Musliminnen, mit denen ich in Deutschland arbeite, stammen soweit mir bekannt aus weltoffenen Familien, aus der Großstadt. Sie tragen bis auf eine Ausnahme keine Kopfbedeckung. Schade, dass Sie so gar keinen Blick haben für die Zumutung (Beleidigung, wie Sie wahrscheinlich sagen würden), ihnen deshalb den Glauben oder gar die "Keuschheit" absprechen zu wollen.

@ 86 Rüpelei

Sie schreiben: "Eine meiner Schülerinnen, ägyptische Muslima, Abitur in Kairo an einer deutschen Schule, hier momentan studierend, hatte es sehr schwer mit ihrer Entscheidung nach Deutschland zu kommen. Ausdrucksweisen wie diese empfindet sie als Beleidigung:

"Was soll man etwa davon halten, dass im 21. Jahrhundert der Kopf der Frau zu ihrer Schamgegend erklärt wird, die es zu bedecken gelte? "

Sie weiß aber, dass diese Arten von Äußerungen jede Andeutung von religiösem Wissen vermissen lassen, dass sie also inhaltlich nicht zu verletzen brauchen, verletzend ist die Rücksichtlosigkeit, die in Deutschland damit legitimiert ist, dass derartige Rüpeleien als Meinungsfreiheit gedeckt sind."

Ich kann nicht nachvollziehen, warum Sie diese klare Analyse als Rüpelei bezeichnen. Sind Sie selber Muslima? Ich jedenfalls sehe keine Rüpelei, nur eine messerscharfe Klarstellung, eine Entlarvung der Kopftuch-Ideologie. Vor dieser allerdings fühle ich mich angerüpelt. Und nun?

Und wenn Ihre Schülerin das oben angeführte Zitat immer noch als Beleidigung dekodiert, ist sie nicht integriert oder lehnt unsere kulturellen Traditionen ab. Das aber ist ihr Problem.

bessere Quellen

Sprechen Sie einfach mit den ägyptischen Musliminnen, die Sie zu kennen vorgeben. Sofern diese ein gewisses Maß an religiöser und sonstiger Bildung mit sich bringen, werden sich sicher interessante Gespräche ergeben. Diese Damen können ihnen die Geschlechterrollen aus erster Hand erklären und ihnen dabei behilflich sein, zu begreifen, wie es möglich ist, dass man mit Kopftuch auf dem Tahrir-Platz stehen kann, dass man mit Kopftuch leitende Positionen in großen Betrieben bekleiden kann usw.
IVielleicht begreifen Sie dann, dass Frau Sürücü gewiss nicht wegen des Kopftuches gestorben ist. Solche Dinge gehen viel tiefer und sind viel ernster zu nehmen, als billiges Klischeedenken erfassen kann.
Ich persönlich möchte mich damit begnügen, Deutschland weiterhin als Ideal zu vermitteln, auch wenn ich jedes Mal Rede und Antwort stehen muss, wenn etwas dieses Ideal in Frage stellt. Trotzdem spreche ich über Kant, über Lessing, über Goethe und Schiller und auch über Sigmund Freud, über alle die großen Geister, die dadurch groß waren, dass sie der Welt ohne Vorbehalte und mit Interesse und mit dem Wunsch, sie verstehen zu wollen, begegnet sind.

Es ist nicht besonders überzeugend,

... mit Formulierungen wie "Sprechen Sie einfach mit den ägyptischen Musliminnen, die Sie zu kennen vorgeben" andere Diskutanten in Misskredit bringen zu wollen. Mancher kann es offenbar schwer ertragen, *dass* andere Menschen ebenfalls ägyptische Musliminnen persönlich kennen und im Austausch mit ihnen ganz andere Erfahrungen gemacht haben als Sie. Was nicht ins eigene Weltbild passt, wird eben weggegrätscht.

[...]

Ausgerechnet Schiller! "Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!"

Und was machen Sie daraus? Mit Schlagworten wie "Beleidigung!", Herablassungen wie "Sprechen Sie doch mal..." und Belehrungen wie "... werden sich sicher interessante Gespräche ergeben" gehen Sie der inhaltlichen Auseinandersetzung aus dem Weg und versuchen leider, Ihr Gegenüber ins Unrecht zu setzen.

Nicht einmal die von Ihnen selbst aufgeworfene Frage, was denn nun die "wahre" Funktion der Kopfbedeckung sei, konnten Sie bisher beantworten. [...]

Gekürzt. Bitte bemühen Sie sich um einen angemessenen Diskussionston ohne Provokationen. Danke. Die Redaktion/sc

Religiöses Wissen?

ek schrieb :
"Sie weiß aber, dass diese Arten von Äußerungen jede Andeutung von religiösem Wissen vermissen lassen"

Was ist "religiöses Wissen" im allgemeinen oder im besonderen, wenn es um das Tragen von religiös begründeten Kleidungsstücken geht?

Bei Wissen denke ich immer an Wissenschaft, an beweisen und widerlegen, an stetigen Wandel durch neue Erkenntnisse.
Auf Glauben und Religion ist das nicht anzuwenden.

Da GLAUBT also der Träger/die Trägerin eines religiös begründeten Kleidungsstückes, das dies Gottes Wille sei und dass das Befolgen des göttlichen Willens ein Heilsweg durchs Leben mit Ziel Paradies nach dem Tode sei.

Dieser Glaube ist eine Ideologie, was hat das mit Wissen zu tun?
Wenn also die Ideologie als solche nicht erkannt wird und der Anhänger Glauben von Wissen nicht unterscheidet, ist von ungläubigen Menschen Zustimmung und Verständnis für dieses "religiöse Wissen" schwerlich zu erwarten.

Ich frage mich z.B., wie Menschen allen Ernstes auf die Idee kommen, Gott würde sie mit dem Paradies belohnen, wenn sie ( unter anderem) ihre wunderschönen Haare in Tücher einwickeln.
Schließlich hat Gott, sollte es ihn/sie wirklich geben, diese Haare doch erschaffen.

Ob ein Ehrenmörder, der sich selbst für "religiös wissend" hält, auch glaubt, das es Gottes Wille sei, im äußersten Notfall Gewalt zu gebrauchen, wenn die Ehre der Familie durch ein unreligiöses und/oder untraditionelles Verhalten von Familienmitgliedern auf dem Spiel steht?

Ungebildet?

Soll dieses Wort nur den Stereotypen vom "eingedeutschten" Türken bekräftigen? Wie auch immer, das ist wohl etwas schlecht formuliert. Und klar ist dieses Ehrenprinzip totaler Schwachsinn.
Wenn mein türkischer Opa so etwas in der Zeitung liest sagt er immer nur "Und solche Türken bringen schlechtes Licht auf uns. Ehrenmorde gibts nicht mal mehr in der Türkei. Diese Idioten." Was soll man dazu noch sagen?