"Sinnlose Kriminalität“ und marodierende Banden hat der britische Premierminister David Cameron als Ursache für die tagelangen Krawalle in seinem Land ausgemacht. Jetzt soll der frühere New Yorker Polizeichef Bill Bratton der britischen Polizei Nachhilfe im Kampf gegen Straßengangs geben. Die eigentlichen Gründe für die Ausschreitungen indes werden ignoriert.

Dabei haben uns die Unruhen, die zu 1.400 Verhaftungen, rund 100 Millionen Pfund Schäden, fünf bestätigten Toten und zu einer starken öffentlichen Beklemmung führten, einen – wenn auch nur flüchtigen – Einblick in die soziale und ökonomische Situation in England gegeben. Wer genau hinschaut, erkennt, dass sich die Krawalle nicht auf zufällige, von kriminellen Gangs verübte Ereignisse reduzieren lassen. Sie waren Wutausbrüche, die auf ein tief sitzendes Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit zurückgehen.

Keine Glaubwürdigkeit, kein Verantwortungsgefühl

Die britische Regierungskoalition will viele staatliche Jugendeinrichtungen, Ausbildungs- und Erziehungshilfen demontieren, die jedoch das absolute Minimum darstellen, um Unruhen zu verhindern. Denn Stadtteile wie Tottenham sind sozial ausgegrenzt. Ihre Bewohner werden schon durch die Postleitzahl, die Namen bestimmter Schulen oder Sozialwohnungen stigmatisiert. Einer von drei 16- bis 24-Jährigen, die in den von den Aufständen betroffenen Londoner Stadtbezirken leben, ist arbeitslos. Sie fühlen sich entrechtet. Kombiniert mit den geplanten Kürzungen und dem andauernden Gefühl der Diskriminierung und Ungerechtigkeit, brauchten diese explosiven Zutaten nur noch den richtigen Funken, um Unruhen auszulösen.

Hinzu kommt, dass sich die britischen Eliten in den vergangenen Jahren um ihre Glaubwürdigkeit gebracht haben. Wenn, wie beispielsweise im Spesenskandal, schon die sozialen Eliten keinen Respekt vor öffentlichen Gütern aber Maßlosigkeit in ihren Ansprüchen zeigen, wie kann man sich dann über die Plünderer wundern? Sie handelten nicht groß anders. Auch sie wollten sich nur ungestraft das holen, was sie haben wollten – und sei es ein Fernseher.

Der Niedergang der Wirtschaft, die Pläne für massive öffentliche Kürzungen und die Exzesse des Finanzmarktes zu Lasten der unterbezahlten Arbeiter, haben in Großbritannien ein Gefühl von Unsicherheit und Ungerechtigkeit hinterlassen – und das nicht nur in den von den Krawallen erschütterten Bezirken. Dieses Gefühl vereint sich jedoch bei den am meisten Benachteiligten noch mit tief sitzenden Ressentiments, Männlichkeitsritualen und der Suche nach Respekt.

Die Geografie der sozialen Ungerechtigkeit

Die Wirtschaftskrise hat den Blick auf die Doppelmoral der britischen politischen Klasse gelenkt. Sie repräsentiert die reichen Wahlbezirke, die relativ unversehrt vom neuen Sparkurs bleiben. Es herrscht eine Geografie der sozialen Ungleichheit. 30 Jahre ungezügelter Kapitalismus, exklusiver Wohnungsmarkt, Gentrifizierung und die ständige Ermunterung, über die eigenen Verhältnisse zu leben, haben viele Menschen verbittert und der britischen Gesellschaft entfremdet.

Trotzdem haben wir in verschiedenen offenbar "kranken" und "kaputten" Stadtteilen – besonders von Migrantengruppen –, tapferen Zusammenhalt und Solidarität erlebt. Diese Menschen haben versucht, die Straßen vor Randalierern und Plünderern zu schützen. Das zeigt, dass gesellschaftliche Bindungen und ein Bewusstsein für Recht und Ordnung nach wie vor in der Gesellschaft existierten. Hier  muss die lokale Politik ansetzen, anstatt über die Reparatur der "kaputten Gesellschaft" und den Kampf gegen Straßengangs zu schwadronieren, wie es Cameron am Montag tat.

Man wird in Großbritannien – und auch anderswo in Europa – nicht darum herum kommen, das Problem der sozialen Ungerechtigkeit endlich wahrzunehmen und anzugehen. Ein tieferes Verständnis von Ordnung und Menschlichkeit muss auch jenen sozialen Gruppen nahe gebracht werden, die derzeit nicht von unseren Politikern privilegiert werden. Wir haben die Wahl: entweder zu verstehen und zu handeln – oder uns zurückzulehnen und zu behaupten, dass diese Ereignisse zufällig, sinnlos und chaotisch entstanden sind. Die letzte Antwort würde lediglich dazu führen, dass die gewalttätigen Krawalle Großbritannien in den nächsten Monaten und Jahren weiter verfolgen werden.