JugendprotesteDer Aufstand der Jungen hat erst begonnen

So vielfältig die junge Generation in Athen, Kairo, Madrid oder London ist – überall hinterfragt sie den Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Von Wolfgang Gründinger von Wolfgang Gründinger

Demonstranten der Jugendbewegung "Jugend ohne Zukunft" in Madrid

Demonstranten der Jugendbewegung "Jugend ohne Zukunft" in Madrid  |  © Pedro Armestre/AFP/Getty Images

Vor zwei Jahren forderte ich in meinem Buch Aufstand der Jungen meine Generation auf, den Aufstand zu wagen – nicht gegen die Alten, sondern gegen einen unfairen Zustand, und für ein Recht auf Mitsprache. In den letzten Monaten erleben wir, dass überall auf der Welt immer mehr junge Menschen wütend auf die Straße gehen, um für ihre Zukunft zu kämpfen.

Ist das der Weckruf einer globalen Jugendbewegung ? Und wann springt der Funke auf Deutschland über?

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Zwischen den nationalen Protesten lassen sich gewisse Parallelen identifizieren. Doch die Umstände sind komplex und passen in kein Feuilleton. Den Arabischen Frühling und die Jugendproteste in Europa als transnational vereinte Bewegung sehen zu wollen, ist gewagt. Zu unterschiedlich sind die Lebenswelten der Jugendlichen, zu vielfältig ihre Motive. Die plündernden Banden in England haben wenig mit den studentischen Zeltlagern in Spanien oder den Demonstranten vom Tahrir-Platz gemein.

Trotzdem erschöpft sich das Gemeinsame nicht im gleichen Alter. Politische Frustration und ökonomische Perspektivlosigkeit sind die verbindenden Wurzeln der Jugendbewegungen.

Wenn man jung ist, hat man noch Träume. Doch die Träume zerschellen, wenn die Türen verschlossen bleiben und nicht einmal ein Uni-Abschluss reicht, um einen Job zu finden, wie es früher als normal galt.

Wolfgang Gründinger
Wolfgang Gründinger

Jahrgang 1984, versteht sich als Sprachrohr der Jugend. Er ist Verfasser des Buches Aufstand der Jungen, in dem er für einen neuen Generationenvertrag, für Solidarität und den Dialog der Generationen plädiert. Der Politik- und Sozialwissenschaftler ist Mitglied im Think Tank 30 (tt30) des Club of Rome und Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen.

Diese Generation hat den Glauben verloren, dass sie vom Kuchen mehr abbekommt als ein paar Krümel. Ihr Freiheitsdrang und Erlebnisdurst stehen in krassem Widerspruch zum tagtäglichen ökonomischen Druck, der ein dumpfes Gefühl von Ohnmacht, Ungerechtigkeit und Ausgrenzung erzeugt. Jugendarbeitslosigkeit und soziale Spaltung , gepaart mit Misstrauen gegenüber einer impotenten politischen Elite, bereiten einen guten Nährboden für Wut und Verbitterung, in Europa wie in Nahost.

Denn die junge Generation ist die größte Verliererin der Krise: als frisch gebackene Schul- und Uni-Abgänger, die keinen Job finden; als junge Beschäftige, die zuerst entlassen werden; als Generation insgesamt, weil sie ihr Leben lang für die Schulden haften müssen, die heute für die Bankenrettung verprasst werden. In Spanien explodierte die Jugendarbeitslosigkeit auf 45 Prozent. In den Problemvierteln in England oder den Banlieues in Frankreich sieht es nicht besser aus.

Zu dem Gefühl, nicht zu dieser Gesellschaft zu gehören und keine Chancen zu haben, fehlt dann nur ein Funke, um Frust und Ohnmacht eskalieren zu lassen. Die blinde Gewalt der plündernden Banden in London legitimiert sich nicht durch politische Ziele; ihnen hört sowieso niemand zu. Die Klage über Werteverfall hilft nicht weiter: Die Plünderer vollziehen nur nach, was ihnen profitgierige Banker und Spekulanten in einer beispiellosen Bereicherungsorgie vorgemacht haben. Diese aber sind selbst in einem System gefangen, das von der Profitmaximierung auf anonymen Märkten getrieben ist. Wo ist das menschliche Antlitz eines solchen Kapitalismus?

Leserkommentare
    • jkluge
    • 22. August 2011 16:45 Uhr

    Die Jugend protestiert nicht gegen Kapitalismus oder den "ökonomischen Druck", sondern gegen Vetternwirtschaft, Korruption und Unfreiheit. Die Marktwirtschaft hat sich als einziges Wirtschaftssystem erwiesen, das mit Recht und Freiheit auf Dauer kompatibel ist.

    17 Leserempfehlungen
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    • Levpan
    • 22. August 2011 16:59 Uhr

    So kann man das nicht ganz sagen. Es gibt Leute die gegen Kapitalismus in seiner momentanen Wirkungsweise protestieren.
    Es fehlt das doch früher immer so hochgelobte menschliche Antlitz.

    Die Marktwirschtaft ist >bisher< die Einzige die sich als mehr oder weniger kompatibel erwiesen hat. Ob man jetzt die Kompatibilität mit Recht und Freiheit verbindet mit Lobbyismus und Ähnlichem. Fraglich.

    Der ungezügelte Kapitalismus gegenwärtiger Spielart mit seinen "ökonomischen Zwängen", die allesamt angeblich "alternativlos" sind hat Unfreiheit, Korruption und Vetternwirtschaft nicht nur möglich gemacht - nein: sie sind seine Grundlage. Wesentliches Kennzeichen ist das inzwischen auch im "Westen" immer weiter um sich greifende Funktionärsunwesen, die Entfremdung der Regierenden vom Souverän und ihre komplette Abhängigkeit von irgendwelchen dahergelaufenen "Wirtschaftsführern", die bei "artiger Politik" mit gut dotierten Aufsichtsrats-, Vorstands- und Beraterposten winken und belohnen. In diesem Zusammenhang sind u.a. die Namen Matthias Wissmann (CDU), Werner Müller, Walter Riester, Bert Rürup, Roland Koch, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement oder Stefan Mappus zu nennen.

    Übrigens: den Prozess der sozialen Schließung im Rahmen einer "Elitenbildung" kann man sehr gut am Beispiel der sozialistischen Staatsgebilde in Mittel- und Osteuropa studieren. Dort nannte man sich jedoch nicht "Elite", sondern "Avantguarde", beanspruchte für sich "Privilegien" - und ging am Ende unter.

    • hkeske
    • 22. August 2011 17:14 Uhr

    "Die Marktwirtschaft hat sich als einziges Wirtschaftssystem erwiesen, das mit Recht und Freiheit auf Dauer kompatibel ist."

    Das mag sein - aber nicht in Verbindung mit der abartigen Form von Kapitalismus, den wir jetzt erleben. Nicht in Marktteilnehmern mit normaler ethischer Grundausstattung liegt das Problem, sondern in der Maßlosigkeit der kapitalistischen Wirtschaftsform, deren lausiger Wettbewerb nicht mehr Schumpeters schöpferische Zerstörung bewirkt, sondern nur noch Zerstörung.

    Dieser Kapitalismus wirkt gerade verheerend, auf die Gesellschaft ebenso wie auf die Individuen - und auf die Wirtschaft selbst. Die sinnlose Anhäufung von Privatvermögen bei gleichzeitiger Ausbreitung massenhafter privater und auch öffentlicher Armut ist keine dauerhaft verträgliche Situation.

    Es wird Zeit, daß sich etwas tut.

    Kann man denn nicht gegen Kapitalismus protestieren und trotzdem ein Fan der Marktwirtschaft sein?

    Für mich sind das jedenfalls immer noch zwei Paar Schuhe. Eine regulierte Marktwirtschaft ist für mich (vorerst) ohne Alternative. Auf Kapitalismus kann man aber getrost verzichten, denke ich. Die Herrschaft des Kapitals ist keine Grundvoraussetzung für die Existenz effizienter Märkte.

    Der Kapitalismus hat den Schein seines Funktionierens ein paar Jährchen länger wahren können als der Kommunismus. Mehr unterscheidet die beiden nicht voneinander.

    Die Marktwirtschaft hat sich als das Wirtschaftssystem erwiesen,welches vorgaukelt mit Recht und Freiheit auf Dauer kompatibel zu sein.

    Moin,

    bitte präzisieren Sie "Marktwirtschaft". Diese gibt es in sehr vielen Varianten. Von der sozialen MW in z.B. Schweden bis zur Manchester-Abart.

    CU

  1. 2. [...]

    [...]

    Entfernt. Bitte ziehen Sie keine unsachlichen Vergleiche. Danke. Die Redaktion/er

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    • Levpan
    • 22. August 2011 17:01 Uhr

    Und sicherlich sind Plünderer zu verabscheuen. Aber ich zitiere mal ein Gespräch eines Reporters mit einem Jugendlichen:

    "'Is rioting the correct way to express your discontent?'

    "Yes," he answered."You wouldn't be talking to me now if we didn't riot, would you?"

    The reporter had no response. The young man pressed on."Two months ago we marched to ScotlandYard,more than 2,000 of us,all blacks,and it was peaceful and calm and you know what? Not a word in the press. Last night a bit of rioting and looting and look around you.""

    Quelle: http://worldblog.msnbc.ms...

    War's auch nicht. Jedenfalls nicht geplant. Aber die Geschehnisse in London sind als Zeichen zu werten, dass die ältere Generation die jüngere abgehängt hat und ihnen wenn dann nur ein schlechtes Vorbild sind. Somit haben die Plünderungsaktionen einen zwar ungewollten, aber dennoch durchaus politischen Charakter.

    Die Ausschreitungen von England haben ihre Grundlage in einer seit über 30 Jahren andauernden verantwortungslosen Politik. Fachleute aus der Stadtentwicklung und der Stadtsoziologie haben schon vor Jahrzehnten vor solchen Entwicklungen gewarnt - politischerseits wollte man diese Warnungen nicht hören und schlug sie in den Wind. Problemviertel in den Städten wurden politischerseits nur in den Wahlkämpfen wahr genommen - und dann populistisch ausgeschlachtet. Nach den Wahlen war man dann gegen seine eigenen Vorschläge und verwies - sowohl im deutschsprachigen Raum, als auch in den anderen europäischen Ländern auf Konrad Adenauer - der hatte nämlich erklärt, nach einer gewonnenen Wahl interessiere ihn sein Geschwätz von gestern nicht.

  2. 3. Irrtum

    Die Proteste zeigen doch, dass der Kapitalismus gerade nicht mehr funktioniert und gerade nicht mehr auf Dauer mit Recht und Freiheit kompatibel ist.

    19 Leserempfehlungen
    • Levpan
    • 22. August 2011 16:59 Uhr

    So kann man das nicht ganz sagen. Es gibt Leute die gegen Kapitalismus in seiner momentanen Wirkungsweise protestieren.
    Es fehlt das doch früher immer so hochgelobte menschliche Antlitz.

    Die Marktwirschtaft ist >bisher< die Einzige die sich als mehr oder weniger kompatibel erwiesen hat. Ob man jetzt die Kompatibilität mit Recht und Freiheit verbindet mit Lobbyismus und Ähnlichem. Fraglich.

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    Antwort auf "Verwechslung"
  3. Der ungezügelte Kapitalismus gegenwärtiger Spielart mit seinen "ökonomischen Zwängen", die allesamt angeblich "alternativlos" sind hat Unfreiheit, Korruption und Vetternwirtschaft nicht nur möglich gemacht - nein: sie sind seine Grundlage. Wesentliches Kennzeichen ist das inzwischen auch im "Westen" immer weiter um sich greifende Funktionärsunwesen, die Entfremdung der Regierenden vom Souverän und ihre komplette Abhängigkeit von irgendwelchen dahergelaufenen "Wirtschaftsführern", die bei "artiger Politik" mit gut dotierten Aufsichtsrats-, Vorstands- und Beraterposten winken und belohnen. In diesem Zusammenhang sind u.a. die Namen Matthias Wissmann (CDU), Werner Müller, Walter Riester, Bert Rürup, Roland Koch, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement oder Stefan Mappus zu nennen.

    Übrigens: den Prozess der sozialen Schließung im Rahmen einer "Elitenbildung" kann man sehr gut am Beispiel der sozialistischen Staatsgebilde in Mittel- und Osteuropa studieren. Dort nannte man sich jedoch nicht "Elite", sondern "Avantguarde", beanspruchte für sich "Privilegien" - und ging am Ende unter.

    17 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Verwechslung"
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    >>In diesem Zusammenhang sind u.a. die Namen Matthias Wissmann (CDU), Werner Müller, Walter Riester, Bert Rürup, Roland Koch, Gerhard Schröder, Wolfgang Clement oder Stefan Mappus zu nennen.<<
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    zu denen diese Herren Ausbeuter gehören repräsentieren Wahl um Wahl über 60% der Wählerschaft. Mehr noch, das sind die einzigen Parteien die in Deutschland abwechselnd die Kanzler stellen. Ein Ende ist nicht abzusehen.
    Was in Griechenland, England,Spanien und Ägypten für Unmut sorgt, erfreut sich in Deutschland höchster Beliebtheit.
    Und die nächste Wahl wird es wieder beweisen.

  4. Da lassen sie sich ganz leicht
    gegeneinander ausspielen.

    Da sind sie total angepasst.

    Obrigkeitshörig.

    Da gehen sie für null als Praktikanten arbeiten nach dem Uniabschluss.
    Da lassen sie sich
    alles
    gefallen.

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    Wieso? Die Jugend in Berlin steckt doch grad jede Nacht Autos in Brand. Also, nicht angepasst und sehr politisch.

    - Achtung, Ironie.

    Ich bin nicht der Meinung, dass der überwältigende Teil der Jugend in London politische Pläne verfolgt. Dann plündert man nicht irgendwelche Läden. Es sei denn, man verfolgt das Ziel der Anarchie. Es gibt immer welche, die wollen was ändern, und der Rest springt auf den Zug auf, um sich auszutoben, Aggressivität auszuleben oder sich persönlich einen Vorteil zu verschaffen. Nicht, um eine bessere Welt zu bauen.

    ...haben kein oder ein geringes Vermögen - 10% der (reichen) Bevölkerung besitzen 2/3 des Volksvermögens. Und das sind alte Zahlen des DIW aus 2007 - Die Verteilung ist längst noch ungerechter geworden. Wenn eine Gesellschaft derart aus dem Gleichgewicht gerät, braucht man sich über Unruhen nicht zu wundern.

    • Grisby
    • 23. August 2011 19:31 Uhr

    ...zählt doch heutzutage nicht mehr. Die Studenten haben gegen Studienbeiträge protestiert und was haben wir heute.
    Viele habe gegen die "Praxisgebühr" Einwände:"Ein Arzt ist kein Kassierer." und immernoch hat sich nichts geändert. Die Lobby hat eine zu große Macht wie in den USA.

    Die Stimme des Volkes wird vermutlich nur gehört wenn Tausende vor der Haustür stehen, wie in Tunesien oder London.

    Ich weiss nicht. Selbst habe ich den Eindruck, dass in kaum einem anderen Land so viel herumgemault wird wie in Deutschland.

    • Levpan
    • 22. August 2011 17:01 Uhr

    Und sicherlich sind Plünderer zu verabscheuen. Aber ich zitiere mal ein Gespräch eines Reporters mit einem Jugendlichen:

    "'Is rioting the correct way to express your discontent?'

    "Yes," he answered."You wouldn't be talking to me now if we didn't riot, would you?"

    The reporter had no response. The young man pressed on."Two months ago we marched to ScotlandYard,more than 2,000 of us,all blacks,and it was peaceful and calm and you know what? Not a word in the press. Last night a bit of rioting and looting and look around you.""

    Quelle: http://worldblog.msnbc.ms...

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    Danke, das war gerade das Zitat was ich gesucht hatte (siehe Kommentar 8). Damit sieht man, wie abgehängt die Jugend in Großbritannien ist, und wie wenig Gehör sie findet. Und der Kommentar ist ein Schlag ins Gesicht der Politik der letzten 25 Jahre.

  5. War's auch nicht. Jedenfalls nicht geplant. Aber die Geschehnisse in London sind als Zeichen zu werten, dass die ältere Generation die jüngere abgehängt hat und ihnen wenn dann nur ein schlechtes Vorbild sind. Somit haben die Plünderungsaktionen einen zwar ungewollten, aber dennoch durchaus politischen Charakter.

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    Antwort auf "[...]"
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    Diese "ältere Generation" hat niemanden abgehängt, sondern auch die wurden bereits ausgegrenzt - insbesondere in UK. Von vielen vor und in der Rente stehenden mal ganz abgesehen - die sind dort speziell gebeutelt.

    Es geht um das System an sich, das Maggie Thatcher in ihrem aus den USA importierten neoliberalen Wahn in England installiert hat gegen den früheren Schlendrian der Gesellschaft.

    Leider ist das Pendel extrem zu weit ausgeschlagen und die Folgen davon werden neben einer weltweiten Finanzkrise nunmehr um so deutlicher sichtbar. Kaum Arbeit, wenn schlecht bezahlt, Sozialabbau an allen Fronten, aber auf allen Kanälen wird auch den schon lange immer weiter ausgegrenzten Menschen die tolle Konsumwelt der dreimonatig wechselnden Statussymbole ins Hirn geblasen.

    Irgendwann schwappt diese Welle der "Gegengewalt" auch zu uns herüber. "Gegengewalt" deswegen, weil neoliberales Gedankengut ist schlicht asozial und betreibt in voller Absicht Lohndumping und Sozialabbau unter Zuhilfenahme der jeweilis Regierenden. Ist das keine Gewalt?

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