Breivik-Attentat : Gegen das Utøya-Trauma

Norwegens Jungsozialisten kehren zur Trauerfeier auf die Insel zurück, auf der Anders Breivik 69 Menschen tötete. Utøya soll leben, soviel steht fest. Von M. Schlieben

Brede Johbraaten antwortet einsilbig und vermeidet den Augenkontakt. Er hält einen großen Hammer in der Hand. Er spricht von "Toten am Ufer" und von "Kindern, die um ihr Leben schwimmen". Nach jedem seiner knappen Sätze schwingt er den Hammer und knallt ihn auf den Felsblock.

Johbraaten gehört der Campingplatz am Ufer des Tyrifjords. Er repariert den Steg, der von seinem Zeltplatz in den See hinausführt. 700 Meter von hier entfernt liegt die kleine Insel Utøya, die am 22. Juli Schauplatz eines grausigen Massakers wurde. Anders Behring Breivik tötete hier 69 Menschen, zumeist Jugendliche.

Johbraaten hat die Schüsse gehört, er hat die Jugendlichen ins Wasser springen sehen. Er konnte zunächst nichts tun, außer zu warten und diejenigen in seinem Haus zu versorgen, die es zu ihm ans Ufer schafften. Mit seinem einzigen funktionstüchtigen Boot war zu diesem Zeitpunkt ein deutscher Tourist unterwegs. Später fischte er damit mehrere Jugendliche aus dem Wasser.

Von dem Steg sind viele der Utøya-Bilder entstanden, die seit Wochen weltweit die Zeitungen füllen. Trauernde und andere Schaulustige kommen täglich vorbei, viele stürmen den Zeltplatz ungefragt. Johbraaten hat Verständnis dafür, sagt er. Dass sie seinen Steg zertrampelt haben – was soll's, angesichts der Tragödie? Sein Hammer knallt wieder auf den Felsblock.

Das Betreten der Insel ist nach wie vor streng verboten. Näher als auf 250 Meter darf man sich ihr vom Wasser nicht nähern. Von Johbraatens Steg aus sieht man, wie Polizisten und andere Menschen auf der Insel herumlaufen. Am vergangenen Wochenende brachte die Polizei Breivik selbst her, um mit ihm den Tathergang zu rekonstruieren. Nun hat das Aufräumen und Umräumen begonnen. Am heutigen Freitag findet hier eine Gedenkveranstaltung für die Überlebenden und die Eltern der Opfer statt. Spätestens dann sollen alle Patronenhülsen verschwunden sein.

Kerzen, Teddys und Norwegen-Fähnchen an der Landstraße

Alle paar Minuten kommt ein Hubschrauber, der über der Insel kreist und Material ablädt. Die Fracht: Getränke, Zelte, Kabel und andere Dinge, die für die Trauerfeier benötigt werden. Ein Arbeiter belädt im wenige Kilometer entfernten Örtchen Sundvollen den Hubschrauber. Er sagt, er und seine Kollegen seien froh, wenigstens eine Kleinigkeit für die Opfer tun zu können.

Die Anteilnahme ist riesig. Viele Menschen sind seit dem 22. Juli an das sonst eher ruhige Ufer des Tyrifjords gekommen. Auf einem Parkplatz an der Landstraße, von dem man einen guten Blick auf Utøya hat, halten fast im Minutentakt Autos. Der Parkplatz gleicht inzwischen einer nationalen Gedenkstelle: Der Felsen, der den Parkplatz begrenzt, ist von Blumen, Kerzen, Teddys und Norwegen-Fähnchen übersät. Die Menschen, die hier halten, schauen eine Weile auf die Insel, fotografieren oder schütteln stumm den Kopf. Ein Rentner-Ehepaar aus Dänemark erzählt, dass sie schon vor zehn Tagen hier waren, dass damals aber das Halten an dieser Stelle noch verboten war.

Als klassisches Urlaubsziel hingegen hat der Tyrifjord an Attraktivität verloren. Eigentlich ist das eine idyllische Gegend hier. Wasserfälle plätschern aus den Felsen. Zwischen den Wäldern stehen einsame Holzhüttchen. Auf den Straßenschildern wird vor Elchen gewarnt. Aber ob hier jemals wieder unbeschwerter Urlaubsspaß möglich ist, ist fraglich: Johbraaten hatte seinen Zeltplatz nach dem Amoklauf für drei Tage geschlossen. Hinterher kamen zwar ein paar Familien, manche sind aber schnell wieder abgereist. Eine Mutter mit kleinen Kindern sagte ihm, das sie es einfach nicht mehr länger aushalte, vor der "Todesinsel" zu plantschen. Eine ältere Dame sitzt vor ihrem Holz-Bungalow und löst ein Sudoku-Rätsel. Von ihrer Terrasse aus hat sie einen perfekten Blick auf Utøya. "Etwas unheimlich", sagt sie und streichelt ihre Katze. Aber was will man machen?

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Politikverdrossenheit

Die genannten Parteien stellen weniger das Problem dar, als die fehlende politische Bildung der Bevölkerungsschichten, die für solche Parteien anfällig werden.
Wo es eine Mitte gibt, wird es auch immer ein links aber auch ein rechts davon geben - diese Extreme kontrolliert in Parteien agieren zu lassen, ist vermutlich besser, als diese verdeckt arbeiten zu lassen.

Die Aufgabe einer Gesellschaft sollte es sein, die Margen nach links und rechts so nah an die Mitte zu bringen, wie es irgendwie geht. Ermöglicht wird dieses eventuell durch eine frühe politische, aber auch moralisch-ethische Bildung von Kindesbein, die politisch interessierte und mündige Bürger gewährleistet.

Ist aber anscheinend kein Thema der jetzigen (Bildungs-)Politik und vermutlich muss es erst wieder knallen, bis wir uns wieder in die Richtung bewegen.

1 hardtalk Haben sie neue Informationen?

Ich bin - nach den Bekanntgaben der norwegischen Polizei- bisher immer davon ausgegangen, dass Brevik ein verirrter Einzeltäter (wenn man sich mal ansieht, wofür er sich hielt, dann ist er m.E. auch geistesgestört) und dass es keine Hinweise auf Hintermänner, andere Tatbeteiligte oder Verantwortliche gibt.
Sie sprechen von Menschen, die ihn in Gang gesetzt haben und deren Werkzeug er war.
Haben sie dazu neue Informationen?
Wer könnten diese Menschen sein?
Haben sie das schon den norwegischen Ermittlern mitgeteilt?

Ach was

das stellen Sie sich viel zu bildlich vor. Mitte, Links und Rechts sind je nach Land doch ziemlich unterschiedlich. Was in Amerika kommunistische Linksextreme sind, sind in Norwegen die Sozialdemokraten. Man muss die Diskussion im Gegenteil weg von diesem Stellungsdenken bringen und endlich zum Inhalt diskutieren. Ich bin es Leid wie Parteien durch Medien behandelt werden, wenn sie nicht in die Einheitssoße der etablierten Passen. Wenn ich mir das "Sommerinterview" von Lötzsch beim ZDF anschaue und danach das mit Seehofer könnt ich kotzen ob so viel offensichtlicher Propaganda gegen die Linke. Es sollte nicht darum gehen die Ränder zu zerschlagen, weder durch ignorant noch durch irgendwelche "Annäherung" Denke. Wir brauchen unterschiedliche Positionen um darüber streiten zu können was richtig ist. Deswegen fordere ich, dass die Meinungen aller Parteien ernst genommen werden müssen, und vor allem öffentlich rechtliche objektiver agieren müssen.

Natürlich

war Breivik ein verirrter Einzeltäter. Sonst müsste man ja etwas an der Gesellschaft ändern. Nein, es ist natürlich der Einzelne wenn es einer Ideologie, zb der Ideologie der Fremdenfeindlichkeit, die aus der Mitte und nicht aus der Rechten entspringt, irgendwie nützt.

[...]

Gekürzt. Bitte diskutieren Sie konkret das Artikelthema und verzichten Sie auf persönliche Streitgespräche, die nicht mehr im Kontext des Themas stehen. Danke. Die Redaktion/er

Stimme Ihnen zu!

Menschen die herumschreien, der Islam sei faschistisch und zu bekämpfen, dürfen sich nicht wundern und werden von mir auch keine Handwäsche erwarten dürfen, wenn anschließend einer meint, dass diese faschistische Ideologie nur noch mit Waffengewalt besiegt werden kann.

Menschen, wie Sarrazin, die ohne jede Beweislage so tun als würde das Land zugrunde gehen, überfremdet und bald würde es mehr Muslime als Deutsche geben, dürfen sich nicht wundern, wenn es Zustimmung auch von Leuten gibt, die sich den Ruin ihres Landes nicht gefallen lassen werden, und Gewalt gegen Asylanten oder Linkspartei-Büros verüben.

Diese ganzen "Europa wird an den Muslime zugrunde gehen"- Hassprediger haben Mitschuld an einem Menschen, der Sozialdemokraten ermordet, weil sie Muslime und Religionsfreiheit unterstützen.

@ BerndL

Sie haben so viele Beiträge über islam. Terror geschrieben. Sie sind nie auf den Gedanken gekommen, dass es auch eventuell verwirrte und geistesgestörte Einzeltäter sein könnten.Haben immer die ganze Religion in Mitleidenschaft gezogen.

Und nu nehmen Sie diesen Terroristen in Schutz und bezeichnen ihn "nur" als Geistesgestörten?

Mich würde gerne interessieren, wie Sie seine eigene Bezeichnung als Tempelritter vernommen haben? Übersehen/Überlesen kann man das wohl wahrlich nicht.

MFG

Den Opfern viel Mut und Kraft

Es ist sehr mutig von den Jugendlichen, zum Tatort zurück kehren zu wollen, und auf diese Weise ein Zeichen zu setzen und auch die Tat zu verarbeiten.

Für so eine Konfrontation, die zwangsläufig mit viel Erinnerungen und Gefühlen verbunden sein wird, braucht man sehr viel Mut.

Ich wünsche den Opfern, ihren Angehörigen und Freunden viel Kraft dabei.