Brede Johbraaten antwortet einsilbig und vermeidet den Augenkontakt. Er hält einen großen Hammer in der Hand. Er spricht von "Toten am Ufer" und von "Kindern, die um ihr Leben schwimmen". Nach jedem seiner knappen Sätze schwingt er den Hammer und knallt ihn auf den Felsblock.

Johbraaten gehört der Campingplatz am Ufer des Tyrifjords. Er repariert den Steg, der von seinem Zeltplatz in den See hinausführt. 700 Meter von hier entfernt liegt die kleine Insel Utøya, die am 22. Juli Schauplatz eines grausigen Massakers wurde. Anders Behring Breivik tötete hier 69 Menschen, zumeist Jugendliche.

Johbraaten hat die Schüsse gehört, er hat die Jugendlichen ins Wasser springen sehen. Er konnte zunächst nichts tun, außer zu warten und diejenigen in seinem Haus zu versorgen, die es zu ihm ans Ufer schafften. Mit seinem einzigen funktionstüchtigen Boot war zu diesem Zeitpunkt ein deutscher Tourist unterwegs. Später fischte er damit mehrere Jugendliche aus dem Wasser.

Von dem Steg sind viele der Utøya-Bilder entstanden, die seit Wochen weltweit die Zeitungen füllen. Trauernde und andere Schaulustige kommen täglich vorbei, viele stürmen den Zeltplatz ungefragt. Johbraaten hat Verständnis dafür, sagt er. Dass sie seinen Steg zertrampelt haben – was soll's, angesichts der Tragödie? Sein Hammer knallt wieder auf den Felsblock.

Das Betreten der Insel ist nach wie vor streng verboten. Näher als auf 250 Meter darf man sich ihr vom Wasser nicht nähern. Von Johbraatens Steg aus sieht man, wie Polizisten und andere Menschen auf der Insel herumlaufen. Am vergangenen Wochenende brachte die Polizei Breivik selbst her, um mit ihm den Tathergang zu rekonstruieren. Nun hat das Aufräumen und Umräumen begonnen. Am heutigen Freitag findet hier eine Gedenkveranstaltung für die Überlebenden und die Eltern der Opfer statt. Spätestens dann sollen alle Patronenhülsen verschwunden sein.

Kerzen, Teddys und Norwegen-Fähnchen an der Landstraße

Alle paar Minuten kommt ein Hubschrauber, der über der Insel kreist und Material ablädt. Die Fracht: Getränke, Zelte, Kabel und andere Dinge, die für die Trauerfeier benötigt werden. Ein Arbeiter belädt im wenige Kilometer entfernten Örtchen Sundvollen den Hubschrauber. Er sagt, er und seine Kollegen seien froh, wenigstens eine Kleinigkeit für die Opfer tun zu können.

Die Anteilnahme ist riesig. Viele Menschen sind seit dem 22. Juli an das sonst eher ruhige Ufer des Tyrifjords gekommen. Auf einem Parkplatz an der Landstraße, von dem man einen guten Blick auf Utøya hat, halten fast im Minutentakt Autos. Der Parkplatz gleicht inzwischen einer nationalen Gedenkstelle: Der Felsen, der den Parkplatz begrenzt, ist von Blumen, Kerzen, Teddys und Norwegen-Fähnchen übersät. Die Menschen, die hier halten, schauen eine Weile auf die Insel, fotografieren oder schütteln stumm den Kopf. Ein Rentner-Ehepaar aus Dänemark erzählt, dass sie schon vor zehn Tagen hier waren, dass damals aber das Halten an dieser Stelle noch verboten war.

Als klassisches Urlaubsziel hingegen hat der Tyrifjord an Attraktivität verloren. Eigentlich ist das eine idyllische Gegend hier. Wasserfälle plätschern aus den Felsen. Zwischen den Wäldern stehen einsame Holzhüttchen. Auf den Straßenschildern wird vor Elchen gewarnt. Aber ob hier jemals wieder unbeschwerter Urlaubsspaß möglich ist, ist fraglich: Johbraaten hatte seinen Zeltplatz nach dem Amoklauf für drei Tage geschlossen. Hinterher kamen zwar ein paar Familien, manche sind aber schnell wieder abgereist. Eine Mutter mit kleinen Kindern sagte ihm, das sie es einfach nicht mehr länger aushalte, vor der "Todesinsel" zu plantschen. Eine ältere Dame sitzt vor ihrem Holz-Bungalow und löst ein Sudoku-Rätsel. Von ihrer Terrasse aus hat sie einen perfekten Blick auf Utøya. "Etwas unheimlich", sagt sie und streichelt ihre Katze. Aber was will man machen?