Helga Roesgen ist der Stress der letzten Wochen kaum anzumerken. Die Präsidentin des ehemaligen Bundesamtes für den Zivildienst sitzt an dem ovalen Konferenztisch in ihrem Büro. Hier, im fünften Stock des grauen Betonbaus im Kölner Süden, hat sie den Dom immer im Blick. Roesgen hat die Beine lässig übereinandergeschlagen, plaudert über die neuen Aufgaben, die ihre Behörde seit Juli übernommen hat, als sei es ein Job wie jeder andere.

Dabei steckt Roesgen gerade mitten in einer der größten Herausforderungen ihrer beruflichen Karriere. Schon seit Januar hetzt sie von einem Termin zum nächsten, spricht mit den großen Wohlfahrtsverbänden, mit Mitarbeitern aus Krankenhäusern, Ganztagsschulen und Altenheimen, und mit Vertretern des Familienministeriums, dem ihre Behörde untersteht. Denn mit dem sich abzeichnenden Wegfall des Zivildienstes war schon Anfang des Jahres klar, dass ihre Behörde – und mit ihr rund 1.000 Mitarbeiter – ihre Daseinsberechtigung verlieren würden. Das Aus für das Amt?

Keineswegs, denn Roesgen bekam Rückendeckung aus Berlin: Das Familienministerium zeigte sich erfinderisch, benannte das Zivildienstamt um in Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben und gab ihm ein Sammelsurium an neuen Aufgaben. Es kümmert sich jetzt nicht nur um den neuen Bundesfreiwilligendienst , sondern organisiert auch das Anti-Extremismusprogramm und die bundesweit 500 Mehrgenerationenhäuser der Bundesregierung, zudem übernahm es die Geschäftsstelle der Contergan-Stifung.

Sind die Angestellten, die sich jahrzehntelang ausschließlich um Wehrdienstverweigerer gekümmert haben, auf all diese Aufgaben überhaupt vorbereitet? "Unsere Mitarbeiter haben eine gute Ausbildung im öffentlichen Dienst und verfügen über ein großes Know-how", sagt Roesgen, die ihr Haus in kürzester Zeit umstrukturieren musste. "Es ist sinnvoll, das auch weiterhin zu nutzen."

Ihre Begeisterung teilen nur wenige. Opposition und Experten kritisieren seit Monaten den Erhalt der Behörde, bezeichnen die neuen Aufgaben als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und fordern, das Amt zu schließen oder zumindest stark zu verschlanken. "Das Familienministerium versucht hier, auf Teufel komm raus die einzige nennenswerte Behörde zu erhalten, die ihr untersteht", heißt es hinter vorgehaltener Hand selbst aus den Reihen der Koalition. Und auch Ulrich Karpen, Verwaltungswissenschaftler an der Uni Hamburg, kritisiert das Vorgehen des Ministeriums: Normalerweise habe man eine Aufgabe, und suche dann dafür die Mitarbeiter, sagt er. "Aber man hat doch nicht die Mitarbeiter und sucht für die neue Aufgaben. So geht es einfach nicht."

Das Familienministerium und auch Ministerin Kristina Schröder wehren sich vehement gegen diese Vorwürfe. Im Interview mit der ZEIT sagte Schröder, sie werde "kein Amt als Selbstzweck erhalten. Aber ich sage deutlich: Ich habe auch eine Verpflichtung den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegenüber." Und ihr Ministerium betont, viele der Aufgaben seien bislang an private Dienstleister ausgegliedert gewesen – es sei daher sinnvoll und kostengünstiger, sie im ehemaligen Ziviamt zu bündeln.