Nach 20 Jahren kehrt Manuel Nhacutou zum ersten Mal wieder nach Hoyerswerda zurück. © Jana Pareigis

Er ist erst wenige Stunden in Hoyerswerda, da wird der Besuch zum Albtraum. Als Manuel Nhacutou sein altes Wohnheim besichtigt, stürzt eine Gruppe junger Nazis auf ihn zu. "Sie haben mich als Neger beschimpft, mich mit Bananen beworfen. Es war wie 1991, auch noch der gleiche Ort. Ich habe mich gleich gefragt, warum ich wiedergekommen bin", sagt der 46-Jährige. Als er die Geschichte erzählt, tupft er sich mit einem gefalteten Stofftaschentuch Schweißtropfen vom Oberlippenbart. Es ist heiß. Auch im Schatten des Hoyerswerdaer Cafés. Nhacutou sitzt hinten auf der Terrasse. Da hat er seine Ruhe. Es sind sonst kaum Gäste da.

Es ist ein weiter Weg von Mosambik nach Ostsachsen. Aber Nhacutou hatte sich gefreut, nach Hoyerswerda zurückzukehren. Er war neugierig, wie die Stadt wohl heute aussehen würde, in der er jahrelang im Braunkohletagebau gearbeitet hatte. Bis zum September 1991. Hunderte Rechtsextreme haben Ausländerwohnheime angegriffen, auch das von Nhacutou:  "Plötzlich hörten wir Gebrüll: 'Ausländer raus, Deutschland den Deutschen', dann flogen Molotowcocktails und Steine durch unsere Fenster. Es war schlimm." Aber zahlreiche Bürger feuerten die Nazis an, jubelten. "Wenn sogar Leute, mit denen du zusammenarbeitest, sich auf die Seite deiner Feinde stellen und klatschen – da bleibt einem doch nichts außer die Koffer zu packen." Das erste Pogrom gegen Einwanderer im Nachkriegsdeutschland endet damit, dass die Behörden alle Ausländer in andere Städte bringen. Es habe ihn viel Mut gekostet, in Deutschland zu bleiben, sagt Nhacutou. Er ging zuerst nach Berlin, bevor er später doch nach Mosambik zurückkehrte.

Zurück bleiben die Alten

Aber Hoyerswerda hat sich auch verändert, stellt Nhacutou fest und blickt sich um: "Die Stadt schrumpft." Ein Plattenbau nach dem anderen wird gesprengt. So wie das Flüchtlingsheim in der Thomas-Müntzer-Straße – nichts erinnert hier an das Pogrom.
Zurück bleiben große Wiesen. Ein Schild warnt: "Achtung Forstkultur. Der Wald soll den nachfolgenden Generationen zur Erholung dienen." Man fragt sich, welcher Generation, wenn das so weitergeht: Allein in den vergangenen zwanzig Jahren hat die Hälfte der Bürger Hoyerswerda verlassen. Jetzt leben hier nur noch gut 36.000 Menschen. Davon 430 Einwanderer. Das Schild des Asienmarktes hängt noch, aber die Spanplatten vor den Schaufenstern wellen sich schon vom Schimmel. An den Fenstern des leeren Supermarkts prangen Graffitis, und aus den Gehwegplatten wuchert Unkraut. "Nur Rentner hier in Hoyerswerda", sagt eine junge Mutter, die ihre schwarz-rot gefärbten Haare zu einem Zopf gebunden hat. "Es gibt einfach keine Arbeit, alle jungen Leute gehen weg, ich auch bald."

Es ist Stadtfest. Es riecht nach Bratwurst und Bier. Die laute Popmusik eines Karussells buhlt um die Jugendlichen. Ein Schild wirbt: "Jambo: Afrikanisch Essen im Zoo". Einwanderer sieht man so gut wie keine. Tätowierte glatzköpfige Männer umso mehr. Sie tragen T-Shirts mit Runenschrift. "Mehr Spaß im Osten" steht auf einem. Es zeigt einen Mann, der mit einem Baseballschläger auf den Kopf eines anderen zielt. Wer hier schwarz ist, dem folgen die Blicke. Auch früher hat Manuel Nhacutou solche Orte lieber gemieden.

Aber außer beim Stadtfest wirkt die Stadt wie ausgestorben. Pfarrer Jörg Michel ist einer der wenigen Fußgänger an diesem Sonntag. An seinem freien Tag streift er in T-Shirt und Gummischlappen durch die Plattenbauschluchten. Hier ist seine Gemeinde. Die Fassaden sind frisch gestrichen in Braun und Grau. Einige sind verziert mit blauen Quadraten, andere mit senffarbenen Streifen. Freundlich sehen die Häuser trotzdem nicht aus.