Seine Eltern gaben ihm den Namen Elvis, als er im Winter 1962 geboren wurde. Seine Mutter war aus Lettland geflohen und in einem Ulmer Wohnheim gestrandet. Als sie krank wurde, kam der kleine Elvis auf Anordnung des Jugendamts ins katholische Säuglingsheim St. Josef, das in einem alten Schloss im baden-württembergischen Dorf Hürbel untergebracht war. Seinem Vater traute man die Betreuung eines Kindes nicht zu. Ein Kind im gottesfürchtigen Kleinkosmos Hürbel, das den Namen eines amerikanischen Sängers trug, vor dem die Bürgersleute ihre Kinder warnten, weil er sich obszön bewegte und lächerliche Glitzerkostüme trug. Seine Eltern durfte Elvis Stiurins nicht wiedersehen, auch als die Mutter wieder gesund war.

Wenn er heute über seine frühe Kindheit nachdenkt, erinnert sich Elvis Stiurins als Erstes an den scharfen Geruch. Er entströmte den Gummieinlagen unter den Kindermatratzen im Schlafsaal von Hürbel, auf denen sich nachts der Urin der Bettnässer staute. "Wir hatten nichts, kein Spielzeug, keine Privatsphäre. Zuneigung gab's nicht, nur Schläge", sagt der 49-Jährige. Mit zwei anderen Heiminsassen von damals, Paul Nägele und Wolfgang Ott Dos Santos, ist er nach Hürbel zurückgekehrt, wo das ehemalige Säuglingsheim heute fast verfallen ist.

Auch Paul Nägeles erste Erinnerungen spielen im Hürbeler Schlafsaal. Er erinnert sich, wie er um Mitternacht von älteren Kindern aus dem Schlaf gerissen und auf einen Nachttopf gesetzt wurde. Was genau ihm als Kleinkind sonst widerfuhr, weiß er nicht mehr. Aber er weiß genau, was er selbst im Alter von acht bis zehn Jahren um Mitternacht mit den Jüngeren machte. Manche hörten nicht auf zu schreien und er musste ihnen Tabletten geben. Erst als Erwachsener verstand er, dass es Psychopharmaka waren. Wer sie genommen hatte, wurde schnell ruhig.

Paul und der gleichaltrige Elvis waren tagsüber zum Arbeitseinsatz im Gemüsegarten eingeteilt. Von den Beeten aus war es nicht weit zu dem von dichten Hecken umstandenen Kinderfriedhof des Heims, weißgekalkte Grabkreuze ohne Namen standen dort. Ausflüge dorthin waren für Paul und Elvis eine Mutprobe.

Todesursache: Schwäche

Der Kinderfriedhof geht Wolfgang Ott Dos Santos, dem dritten der Männer, bis heute nicht aus dem Kopf. Wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung stellte er im Sommer bei der Staatsanwaltschaft Ravensburg Strafanzeige gegen Unbekannt. Doch die Justizbehörde lehnte Ermittlungen ab: Alles ist längst verjährt. Wolfgang Ott Dos Santos wurde 1964 unehelich geboren, noch im Krankenhaus von der Mutter getrennt und nach St. Josef gebracht. Auch er erzählt von Misshandlungen, die alle Kinder im Heim erlebten: mit der Hand, mit dem Stock, unter der kalten Dusche oder in der verdunkelten Kammer unter der Treppe.

Die Rückkehr nach Hürbel, ins ehemalige St. Joseph, fällt allen dreien schwer. Nichts Tröstliches findet sich hier, nichts, was helfen würde, zu verstehen. Ein Teil des früheren Kinder- und Säuglingsheims ist heute ein skelettierter Bau, den niemand haben will. Nach vorne, zur Hauptstraße hin, hat jemand Farbe auf den Putz gestrichen. Im Hinterhof ist durch staubblinde Glasscheiben nur wenig von den leeren Räumen zu sehen.

Dort, wo einst der Kinderfriedhof war, steht ein Einfamilienhaus. Eine hochbetagte Nachbarin erinnert sich, dass hier einmal rund 50 Grabkreuze standen. Sie sind verschwunden. 2007 hatte das Biberacher Sozialamt sämtliche Akten von St. Josef in den Schredder geworfen. Auf den Totenscheinen von Kindern stand damals häufig ohnehin nur "Schwäche" als Todesursache. Was hier wirklich geschehen ist, ist nicht mehr nachzuvollziehen.