Seit 8 Uhr morgens geht heute nichts mehr in Wingerode. Kein Auto darf mehr fahren, nicht mal Fahrräder sind in dem kleinen Örtchen noch erlaubt. Der Dorfladen hat heute geschlossen, genauso der Kindergarten und alle Schulen im Landkreis. Dafür läuten die Kirchglocken alle paar Minuten. Man sieht Kinder in schicken Anzügen und Nonnen, die aufgekratzt über die Straßen laufen.

Der Ort liegt knapp fünf Kilometer von der Wallfahrtskapelle Etzelsbach entfernt. Dort wird Benedikt XVI. am Freitagabend eine Marienvesper abhalten, also: einen feierlichen Open-Air-Gottesdienst. Oben, am Waldrand, wo gerade noch Kühe grasten, werden am Abend bis zu 100.000 Gläubige erwartet. Darunter die Kanzlerin und der Bundespräsident. Auch durch Wingerode werden Zehntausende Pilger ziehen. Näher kommen die Pilger mit der Bahn auch nicht an den Papst heran.

Von der Anreise mit dem Auto zur Kapelle Etzelsbach wurde allerdings dringend abgeraten. Die Autobahn A 38 ist weiträumig gesperrt und zum Parkplatz umfunktioniert worden. Hier halten allerdings die 400 Busse, die die Gläubigen aus Erfurt, Berlin oder Polen herbei fahren.

Da auch die Landstraßen im Kreis seit Donnerstagabend gesperrt sind, fühlen sich viele Wingeroder derzeit an DDR-Zeiten erinnert. Damals durfte man sich im Zonenrandgebiet auch nur mit Passierschein bewegen. Aber eigentlich freuen sich die meisten sehr auf den Papst. Überall im Ort hängen Poster mit Ratzingers Konterfei : "Herzlich willkommen, Heiliger Vater", steht drauf. Aus vielen Fenstern weht die weiß-gelbe Fahne des Vatikans. Die Straßen sind frisch gekehrt. Baumkübel sind in Goldpapier eingewickelt. Sogar die örtliche Linkspartei mahnt öffentlich zur Vorfreude. Dass die eigenen Abgeordneten im Bundestag der Papst-Rede gestern fern blieben, kritisieren die hiesigen Lokalpolitiker scharf.

Auf dem Dorfplatz von Wingerode sind Bierbänke aufgestellt. Davor thront eine große LED-Leinwand. "Alles vom Feinsten", sagt Ingo Schmerbauch. Er ist im Grillverein aktiv, der den Heiligen Vater mit einem besonders großen Plakat willkommen heißt. Den Schmerbauchs gehören mehrere Läden in der Region und das einzige Hotel in Wingerode. Sie haben viele Kinder und Geschwister, die alle mithelfen. Einige grillen, andere verkaufen Eis am neu asphaltierten Pilgerweg. Man merkt: Der Papstbesuch ist nicht nur eine große Ehre, sondern auch ein kleines Konjunkturprogramm für den Ort.

Dennoch, es ist weit mehr als Profitstreben, was die Wingeroder in diesen Tagen anspornt. "Wir sind alle Katholiken", sagt Schmerbauch senior. Es wird "ein Heimspiel für den Papst", sagt auch Peter Kittel, der die Vesper in Etzelsbach organisiert hat.

Tatsächlich ist kaum eine Region in Deutschland so katholisch wie das Eichsfeld im Nordwesten Thüringens. 80 Prozent der Menschen bekennen sich hier zum Katholizismus, während es landesweit gerade einmal sieben Prozent sind. Im Süden Thüringens, wo einst Martin Luther seine Reformation anzettelte, macht man sich heute noch lustig über diese frommen Menschen in ihrem gepflegten Fachwerk-Dörflein, die ihren Glauben seit Jahrhunderten tapfer verteidigt haben. Weder Lutheraner, noch Preußen, noch Nazis, noch der Sozialismus konnten dem Eichsfeld den Glauben austreiben. Alle haben es versucht. Noch heute findet fast jedes Wochenende eine Prozession statt. Auf engem Raum gibt es fast 300 Kirchen und Wallfahrtsorte. Der Besuch des Papstes ist durchaus als Belohnung zu verstehen: für die volkskirchlichen Strukturen und den standhaften Milieukatholizismus.

Die Respektsperson in Wingerode, der Pfarrer, empfängt in der Ortskirche. Sie ist ebenso schmuck wie riesig. Jeden Tag findet hier Gottesdienst statt. Schmerbauch nennt den Pfarrer "Doktor Doktor Marx". Alle in der Familie hat er getauft, viele auch getraut. Nein, sagt der 72-jährige Pfarrer, er sei nur einfacher Doktor. Und noch mal nein: Alle seien hier nicht katholisch, sondern leider nur 1130 von 1240 Einwohnern.