Das einzige, was an diesem Freitagmorgen noch an den Papst erinnert, sind die gelb-weißen Flaggen, die am Stadionrund und auf dem Parkplatz vor dem Osttor gehisst sind: Die Flaggen des Vatikans, die Flaggen des Papstes, sie hängen noch. Von dem gestrigen Menschenauflauf ist auf den Straßen entlang des Olympiastadions kaum noch etwas zu erkennen. Nur die Müllhaufen unter den Abfalleimern und ein paar noch nicht abgebaute Zelte weisen darauf hin, dass hier etwas los war. Die Absperrgitter sind dagegen fein säuberlich am Straßenrand zusammengestellt.

Die Unterführung, auf der "Zum Olympia-Stadion" steht, kann jetzt wieder normal durchquert werden. Am Donnerstagabend ist dieser Weg nur den glücklichen 70.000 vorbehalten geblieben, die eine Eintrittskarte für die Papstmesse bekommen haben. Um 13 Uhr, als der Einlass am Stadion beginnen soll, schlendern die Ersten durch die Geländer, sofern sie den Polizisten die rot-weiße Karte mit dem Logo des Papst-Besuches vorzeigen können. Die meisten, die jetzt schon da sind, sind Ministranten.

So wie Lukas Baumgarten und seine Freunde. Sie werden gemeinsam mit etwa 1.000 anderen Messdienern im Innenbereich des Stadions sitzen. Der Papst werde sie bestimmt beeindrucken, sagt einer aus der Gruppe. Er habe gehört, dass es nur alle 700 Jahre passiere, dass der Papst die Hauptstadt seines Heimatlandes besuche. Da dabei zu sein, darauf freuen sie sich. Lukas geht als Letzter von ihnen durch den Sicherheitsbereich, die Stimmung ist gut. Lukas lächelt.

Die Katholiken singen sich warm

Vor dem Eingang der U-Bahnstation am Stadion verteilen derweil zwei junge Bild -Zeitung-Promoter Anstecker mit dem Konterfei des Papstes. "Wir sind Papst!" steht darauf, was auch sonst. Die Verkäuferin einer Wurstbude zieht wenige Meter weiter eine Schnute. "Wir haben bislang noch gar nichts verkauft", sagt sie. Die Bratwurst kostet durchweg drei Euro, für viele der Gäste ein Grund, keine Wurst zu essen. "Hertha-Fans sind anscheinend hungriger als das Publikum heute."

Doch im Lauf der nächsten Minuten bessert sich ihre Verkaufslage schon, die Menschenmassen werden dichter. Eine Japanerin durchquert als eine der Ersten die bewachten Absperrgitter und lächelt, als würde sie den Papst gleich persönlich treffen dürfen. Dabei muss sie sich noch fünf Stunden lang gedulden, bis sie ihn sieht. In der Zeit wartet zweierlei auf sie: Weitere Kontrollen und das Vorprogramm im Stadion. Zu dem aber später.

Auch am S-Bahnhof einige Hundert Meter weiter südlich pilgern die ersten Besucher ins Stadion, unter ihnen zwei Priester aus Wangen im Allgäu. Sie haben den Papst bereits bei einer Audienz in Rom gesehen, wollen sich aber von der überwältigenden Kulisse des Olympiastadions überraschen lassen. Der lange Weg vom Allgäu in die Hauptstadt werde sich auf alle Fälle lohnen, sagt der eine.

Sein Kollege wird kritisch, als er auf die Anti-Papst-Aktionen angesprochen wird. Politiker, die sich etwa der Bundestagsrede verweigerten, missbrauchten den Papst-Besuch zur Politikmache. Er ist erschrocken, dass eine linke Zeitung, die sie an einem Kiosk gesehen haben, den Papst mit Schweinekopf zeigt. "Das ist extrem niedriges Niveau, womit dem Papst da gegenübergetreten wird", er nennt das "Bildzeitungsniveau." Zum Glück war er nicht auf dem Platz vor der U-Bahn-Haltestelle, wo eine in weiß gekleidete Spaßsekte mit Schmähgesängen laut grölend den "Heiligen Hasen" anpreist.

Auch an der S-Bahnstation vor dem Südtor wird es nun voll. Und lauter. Eine Pilgergruppe stimmt ein rhythmisches "Halleluja" an. Die Katholiken singen sich warm. Sie erinnern vor der Kulisse des Olympiastadions unweigerlich an eine Horde Hertha-Fans. Nur gesitteter geht es dabei zu. Aber auch sie haben Fangesänge. "Be-ne-det-to!", stimmt der Junge am Mikrofon an, seine Gruppe antwortet auf gleiche Weise. Später wird man die gleichen Rufe im Stadion hören.