An den Hamburger Landungsbrücken gehen täglich eine Menge Touristen spazieren. Sie essen Fischbrötchen mit Remoulade und gucken auf die Schiffe. "Mensch, ist Hamburg schön!", sagen sie dann, und sie sollen ja auch nur das Schöne sehen.

Ein paar hundert Meter entfernt steht die Kersten-Miles-Brücke. Benannt ist sie nach einem mittelalterlichen Bürgermeister der Stadt, der den legendären Störtebeker und andere Seeräuber köpfen ließ. Unter der Brücke schliefen bis vor einer Woche mehrere Dutzend Obdachlose, die meisten von ihnen aus Osteuropa. Die sind nun weg. Stattdessen steht dort ein meterhoher Zaun. 18.000 Euro hat er den Bezirk Mitte gekostet. Der Bezirksamtsleiter Markus Schreiber, er ist Sozialdemokrat, ließ ihn rund um den ehemaligen Schlafplatz bauen, damit die Obdachlosen dort nicht mehr übernachten können. Jetzt herrscht in Hamburg helle Aufregung.

"Wir mussten handeln", sagt Lars Schmidt-von-Koss, der Sprecher des Bezirksamts Mitte. Es habe zahlreiche Beschwerden über Verunreinigung gegeben, außerdem mehrere Straftaten unter den Obdachlosen. Einen Fall von Totschlag und eine Vergewaltigung im Jahr 2010 bestätigte auch die Hamburger Polizei, die vielen Beschwerden hingegen nicht.

100.000 Euro für Umbaumaßnahmen

Der Zaun ist nicht die erste Maßnahme gegen die Obdachlosen, und bei weitem nicht die teuerste. Zuvor wurden unter der Brücke zwei Bunker entfernt, ein künstliches Flussbett angelegt und Wackersteine eingepflanzt. Das kostete die Bezirksversammlung 100.000 Euro. Doch es half nicht. Die Obdachlosen kamen wieder und breiteten ihre Schlafsäcke aus.

Nun steht da ein Zaun. Und der zeigt nicht nur Wirkung, sondern hat eine Symbolkraft, die längst über Hamburg hinaus strahlt. Viele Menschen regt er furchtbar auf. Für sie ist der Zaun ein Symbol der Ausgrenzung, der Unmenschlichkeit. In den vergangenen Tagen gingen mehr als tausend Menschen deshalb auf die Straße. Die Zauntür wurde aus der Verankerung gerissen, jetzt ist sie wieder eingebaut und zusätzlich verschweißt. Jeden Tag legen Menschen Kränze und Blumen nieder und hängen Protestplakate auf. Kiez-Pfarrer Sieghard Wilm kam und stellte einer Gesellschaft, "der nichts anderes einfällt, als einen Zaun zu bauen" ein Armutszeugnis aus. Auf Facebook hat sich längst Widerstand formiert, sogar einen Rap gegen den Zaun gibt es schon: "Der Zaun muss weg und Schreiber auch." Für Samstag ist die nächste Demonstration angekündigt. "Zaun-Irrsinn", schreibt sogar die BILD .

Wir haben die Symbolkraft des Zauns unterschätzt", sagt Schmidt-von-Koss. "Aber mir mussten etwas tun." Ob man denn nun überall einen Zaun bauen wolle, wo die Obdachlosen von der Kersten-Miles-Brücke sich niederlassen. "Nein", sagt Schmidt-von-Koss.

Am Mittwoch ging das Gerücht, Schreiber habe eingelenkt, der Zaun werde wohl bald wieder Geschichte sein. Am selben Tag hatte es heftigen Streit in der Hamburger Bürgerschaft gegeben. Mitglieder aller Parteien griffen Schreiber an. "Dieser Zaun wirft ein Licht auf diese Stadt, das sie nicht verdient", sagte Sozialsenator Detlef Scheele, wie Schreiber ist er in der SPD. Er fürchtet einen Imageschaden für die Stadt, die doch so weltoffen sein will. DIE LINKE forderte gleich Schreibers Rücktritt, die CDU unterstellte ihm Geltungssucht. Die anderen Bezirksleiter Hamburgs solidarisierten sich allerdings mit ihrem Kollegen.