Rund 5.000 Artikel – so viele Treffer liefert Google-News , wenn man nach deutschsprachigen Medienberichten zum Thema "Occupy" sucht. Naturgemäß sind ein Haufen Doppelungen unter den Ergebnissen, dennoch eine beeindruckende Zahl. Bei rund 40.000 Demonstranten , die am Samstag vergangener Woche auf die Straße gingen, kommt ein Artikel auf rund acht Demonstranten. Fernseh- und Radio- und im Internet nicht verfügbare Zeitungstexte sind da noch gar nicht mitgerechnet.

Noch beeindruckender als die reine Zahl (weltweit sind es im gleichen Zeitraum über 58.000 Treffer) ist, wie einhellig wohlwollend die meisten Berichte ausfallen, auch bei ZEIT ONLINE selbst. Der Titel der aktuellen Druckausgabe der ZEIT könnte genau so auch auf einem Plakat der Frankfurter Demonstranten stehen: "Bändigt die Banken!".

"Die Einstimmigkeit, mit der die Proteste abgefeiert werden, ist außergewöhnlich", sagt Simon Teune, der als Doktorand am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) unter anderem zu sozialen Bewegungen und massenmedialen Diskursen forscht. Das gilt auch für die Politik. Fast alle Parteien und auch die Kanzlerin selbst haben "großes Verständnis" für die Proteste geäußert. Und es ist bezeichnend, dass selbst Philip Mißfelder, der konservative Chef der Jungen Union und Mitglied im CDU-Präsidium, auf die Forderungen der von den Attac-Globalisierungskritikern mitorganisierten Demonstrationen aufsprang, als er am Samstag plötzlich eine "Gerechtigkeitslücke" in Deutschland beklagte.

Große Teile der Gesellschaft teilen das Unbehagen

Eine maximal breite Koalition scheint sich gebildet zu haben, die die Proteste, sei es aus echter Überzeugung oder taktischem Opportunismus, unterstützt. "Die Reaktionen von Medien und Politik sind sehr viel einheitlicher als zum Beispiel bei Stuttgart 21", sagt auch Forscher Teune.

Warum ist das so? Die wahrscheinlichste Antwort ist gleichzeitig eine sehr einfache: Große Teile der Gesellschaft, und damit auch Journalisten und Medien, teilen das tiefe Unbehagen und die Anliegen der Protestierenden. Die Kritik ist so grundsätzlich und diffus, das noch für jeden etwas dabei ist.

Das gilt auch für die Politik. "Die Parlamentarier merken ja selbst, wie ihnen die Felle davonschwimmen, wie sie ihre Handlungsfähigkeit durch die Verlagerung von Entscheidungen zur EU oder durch Lobbyarbeit verlieren, diese Sorge teilen sie mit den Protestierenden", erklärt Protestforscher Teune. Und so scheint es fast, als seien sie denjenigen dankbar, die jetzt vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt oder der HSH Nordbank in Hamburg zelten, sie nehmen sie als Unterstützung für die eigene Position war, was in Teunes Augen absurd ist: "Das Gegenteil ist der Fall: In den Augen der Demonstranten haben die Parteien abgewirtschaftet."

Dafür spricht auch, wie allergisch sie auf Parteifahnen reagieren . Am vergangenen Samstag skandierten die Demonstranten so lange "Fahnen runter, Fahnen runter!", bis die Symbole der Linkspartei verschwunden waren.