Sie ist jetzt schon in der Luft, hoch über den Wolken, unterwegs in die Heimat: Nach fast vier Jahren Haft hat Amanda Knox, nun freigesprochen vom Mord an einer britischen Austauschstudentin, Italien verlassen.

Gegen 11 Uhr sollte sie – angeblich in einem Privatflugzeug – vom römischen Flughafen Fiumicino zunächst nach London, von dort in die Heimat Seattle reisen. Laut der römischen Tageszeitung La Repubblica werde Amanda Knox in den USA zunächst von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Dann, nach einer unbestimmten Zeit, werde sie versuchen, ein neues Leben zu beginnen.

Das letzte Mal, als Amanda Knox über den Atlantik nach Italien flog, Mitte 2007, war sie eine Studentin aus Seattle. Sie hatte ein Auslandsstudium in Perugia vor sich, eine schöne Zeit lag vor ihr. Damals ließ sie Eltern, Geschwister und Freunde in Seattle zurück. Nun, da die gleiche Frau in umgekehrter Richtung über den Atlantik fliegt, lässt sie nicht nur ein paar Freunde hinter sich – sondern einen nach dem Freispruch wieder ungeklärten Mordfall und ein ganzes Land in größter Aufregung.

Seitdem am Montagabend um 21.45 Uhr der Richter im völlig überfüllten Gerichtssaal von Perugia den Freispruch verkündete und Amanda Knox in einen Weinkrampf ausbrach, gibt es in den italienischen Medien nur noch das Thema des "Falles von Perugia".

"Foxie Knoxie"

Auf allen italienischen Zeitungen, in allen Fernsehkanälen, ist der Freispruch des von den Medien sogenannten "Engels mit den Eisaugen" Thema Nummer Eins. Die Berichterstattung am Tag danach sie ist der Höhepunkt im beispiellosen Medienspektakel um den Mordfall Meredith Kercher – besser: im Medienspektakel um Amanda Knox. Die attraktive Studentin avancierte schon bald nach ihrer Festnahme am 6. November 2007 zur anrüchigen "Foxie Knoxie", die auf Sexspiele steht, zur "Femme fatale", zum "Teufel im Engelsgewand". Es ging dabei weniger um das Opfer, Meredith Kercher. Es ging vor allem um die Befriedigung von Schlüsselloch-Fantasien der Medien und ihrer Leser und Zuschauer.

Denn auch wenn der Freispruch scheinbar das Ende ist, ist er doch eigentlich nur ein neuer Anfang. Denn so bleibt weiterhin ungeklärt, wie die britische Austauschstudentin Meredith Kercher im November 2007 getötet wurde. Ein Mann sitzt bislang für den Mordfall in Haft – der Ivorer Rudy Guede erhielt in einem Schnellverfahren 16 Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord.

Nur Beihilfe. Denn auch das Berufungsgericht hat im Verlesen des Freispruches festgehalten, dass Guede nicht allein gehandelt haben kann – doch eben auch, dass Amanda Knox und Raffaele Sollecito, Knox' Ex-Freund, nicht die Täter gewesen sind. Trotz aller Ungereimtheiten, trotz der DNA-Spuren von Amanda Knox auf der vermeintlichen Tatwaffe und Sperma-Spuren Sollecitos auf einem BH des Mordopfers.