Occupy-Bewegung Protest sucht kritische Masse
Zum zweiten Mal hatten Anhänger der deutschen Occupy-Bewegung zu Demonstrationen aufgerufen. In Frankfurt blieb der Protest jedoch verhalten. Von Lenz Jacobsen, Frankfurt
© Marc Tirl dpa/lhe

Ein Bild mit dem Konterfei des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank AG, Josef Ackermann, hängt in Frankfurt am Main vor der Europäischen Zentralbank (EZB) auf dem Gelände des Protest-Camps an einem Stern des Euro-Zeichens.
Carmen Scharf sitzt im Schneidersitz auf der Wiese. Hinter ihr erhebt sich die große Euro-Zeichen-Statue der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, um die die Demonstranten ihre Zelte aufgeschlagen haben. Die Herbstsonne scheint Scharf ins Gesicht. Eine Band spielt, Essensduft weht herüber. Aber Carmen Scharf fehlt etwas. "Wo sind die bloß alle?" fragt sie. Sie meint ihre "Demo-Freunde", die sie sonst immer trifft, wenn sie in Frankfurt auf die Straße geht. "Die haben anscheinend anderes zu tun."
Es ist die zweite Groß-Demonstration gegen die Macht der Banken in Frankfurt. Die Medienberichterstattung im Vorfeld war ausgiebig und zumindest wohlwollend. Doch obwohl vieles darauf hinweist, dass die Mehrheit der Bevölkerung die grundlegenden Anliegen der Proteste teilt, beteiligten sich heute nur geschätzte 5.000 Demonstranten am Marsch durch das Frankfurter Bankenviertel.
"Wir sind nicht weniger geworden, das ist ein Grund zu feiern!", rief eine Rednerin bei einem Zwischenstopp vor der Deutschen Bank in ihr Mikrofon. Es war kämpferisch gemeint, aber angesichts des anscheinend sehr beschränkten Mobilisierungspotentials klang es am Ende eher besorgt. Die Globalisierungskritiker von Attac, Mitorganisatoren der Demonstration, sprachen von rund 6.000 Teilnehmern. Am vergangenen Samstag waren es nach ihren Angaben noch 8.000 gewesen. Attac-Sprecherin Frauke Distelrath gibt sich deshalb Mühe, vor allem die "Verstetigung" der Proteste zu loben. Aber auch bei den Teilnehmerzahlen seien die Erwartungen übertroffen worden: "Wir hätten nicht gedacht, dass eine Woche später schon wieder so viele Menschen auf die Straße gehen", sagt sie.
Die Frage ist nun, ob die Teilnehmer reichen, um das Momentum, den Elan der Protestwelle, zu erhalten. Ebenfalls eine Rolle spielt, wer die Plätze vor den Banken besetzt. Anstatt neuer Gesichter waren es an diesem Wochenende vor allem altbekannte: Parteimitglieder der Linken, Attac-Anhänger, Gewerkschafter und erfahrene Demonstranten.
Menschen wie Dirk Möller-Walter zum Beispiel. Der 42-jährige Frankfurter ist seit drei Jahren bei der Linkspartei, seine Parteisymbole hat er heute aber zu Hause gelassen. Stattdessen trägt er ein Schild mit der Aufschrift: "Wer, wenn nicht wir?" Oder der 26-jährige Sascha, der von Anfang an im Camp dabei war und heute Flyer an Passanten verteilt: "Damit ihr wisst, worum es hier geht". Sascha sagt, er sei schon immer ein politischer Mensch gewesen, habe sich unter anderem auch an der Uni engagiert. Jetzt macht er sich vor allem Sorgen um die Organisation der Proteste, um Internetprobleme im Camp, um die Medienarbeit. "Wir müssen uns erst mal organisieren, danach können wir uns dann um die Inhalte kümmern."
Die Protestierenden haben sichtlich Probleme damit, ihr politisches Selbstverständnis zu konkretisieren. Am Vormittag, als sich die Demonstranten auf dem nahen Rathenauplatz versammelten, startete direkt am Camp ein anderer Protest-Zug, zu der das "Aktionsbündnis direkte Demokratie" aufgerufen hatte, und der sich vor allem gegen den Euro richtete. Für Außenstehende war dieser kleinere Zug von der Occupy-Bewegung schwer zu unterscheiden. Dabei hatte diese sich ausdrücklich von den Euro-Gegnern distanziert. Einige Camper sollen sich sogar mit den Konkurrenz-Demonstranten angelegt haben. Und die taz berichtet von "Zoff im Camp". Es gäbe Streit darüber, ob es unter den Besetzern nun Hierarchien gäbe, oder nicht. Für die junge Bewegung liegt darin eine der großen Herausforderungen: Ihre Anhänger müssen lernen, sich abzugrenzen. Gleichzeitig wollen sie niemanden ausgrenzen.
Bei konkreten Forderungen ist auch Carmen Scharf vorsichtig. Sie hat zwar klare Vorstellungen, was ihr wichtig ist – ein bedingungsloses Grundeinkommen zum Beispiel – aber zuallererst geht es ihr um grundsätzliche Dinge: "Das ist eine tolle Gelegenheit, sich selbst darüber klar zu werden, was man politisch will", sagt sie, "das ist ein großes Suchen, das hier erst beginnt". Eine Art Selbstermächtigung des Bürgers – das ist es wohl, was sie sich wünscht. "Aber mir ist klar, dass das dem Einzelnen viel abverlangt." Schließlich gehe es hier ja gerade um die Mittelschicht, "die voll damit beschäftigt ist, ihr eigenes Leben irgendwie auf die Reihe zu kriegen, mit dem alltäglichen Druck klar zu kommen." Heute Abend aber will sie auf jeden Fall einen Rundruf im Bekanntenkreis starten, damit beim nächsten Mal mehr Freunde mit ihr auf die Straße gehen.
"Die nackten Zahlen sollten nicht der einzige Indikator für die Bedeutung dieses Protestes sein", sagt Attac-Sprecherin Frauke Distelrath. Tatsächlich entwickeln sich soziale Bewegungen in Wellen, schwellen an und ab. Doch diese Proteste werden nur so lange von Bedeutung sein, wie sich eine Mehrheit – oder zumindest große Teile der Bevölkerung – mit ihnen identifizieren können.
Sobald die Forderungen nicht mehr aus allen Teilen der Bevölkerung kommen, sondern nur noch von Parteien, Attac und Profi-Protestlern vorgetragen werden, bleibt von den "99 Prozent" nicht viel übrig. Dann könnte passieren, was die US-amerikanische Polit-Sendung The Daily Show bereits für "Occupy Wall Street" prophezeite: Auf der einen Seite steht das eine Prozent Besetzer, und auf der anderen Seite die 98 Prozent, die zwar mit deren grundsätzlichen Zielen einverstanden sind, aber trotzdem nicht dazu gehören wollen.
- Datum 22.10.2011 - 20:12 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 36
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Pulver verschossen?
Es ist tatsächlich als Erfolg zu werten, dass sich die Teilnehmerzahl nicht verringert hat.
Alles braucht seine Zeit, insbesondere dann, wenn der breiten Bevölkerung jahrzehntelang eingebleut wurde, dass der "Markt" immer Recht und das jegliche staatliche Einmischung Teufelszeug sei oder gar ein Freiheitseingriff wäre.
Angesichts der Schieflage der Banken und der wirtschaftlichen Unsicherheit werden die Menschen in "Massen" erst nachdenken, sich dann informieren und dann wird es einen lauten und hoffentlich wütenden, aber friedlichen Protest geben.
Ich möchte nochmals bitten, diesen Mann, der zwar wütend, aber in der Sache richtig, die Lage der Menschen auf den Punkt bringt, ab ca. 2. Minute:
http://www.youtube.com/wa...
und zwar drastisch! Erfolg?
und zwar drastisch! Erfolg?
...daß es ein Medikament gegen Apatie gäbe, daß es den Menschen(Deutschen) jedoch egal sei, passt hier genau.
Aber in einem Land in dem der Bürgermeister der Hauptstadt von nicht mal 20% der Wahlberechtigten gewählt wird und in der eine Partei einen "Wahlsieg" feiert, weil sie weniger Stimmen verloren hat als der Konkurent, ist eine aktive politische Bürgerbeteiligung kaum zu erwarten.
Dabei hat er bei Atomkraft und S21 gezeigt, daß er kann wenn er muss.
Vielleicht ist es ja das, er "muß" noch nicht.
Wenn 5000 Leute ansonsten in Frankfurt demonstrieren, ist dies den Medien keine Zeile wert. Wenn sie sich aber "Occupy"-Bewegung nennen, dann ist das ein Grossereignis. Dieselbe Beobachtung weltweit: 500 Demonstranten in Zürich? Niemand interessiert das - ausser es ist eine "Occupy"-Ablage. Niemand demonstriert in Paris? Na ja denn. - Im Ernst: Unsere linksliberale Journaille versucht krampfhaft, die Occupy-Bewegung am Leben zu erhalten. Sie ist die bald einzige Animatorin.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
Alleine die Anmassung zu behaupten man spreche für 99% oder auch nur die Bevölkerung.
Da war jede Schülerdemo in Frankfurt größer. Es ist einfach lächerlich, welches Medienecho diese oft "altbekannten Verdächtigen" bekommen. Attac und ähnlich unqualifiziert und kenntnislos Argumentierenden wird hier willfährig Hof und Werbung gemacht.
Warum - ganz einfach Politik will immer mehr Geld. Wenn sie es problemlos von einem Sündenbock bekommen kann, greift sie zu. Linkere sowieso und Volksparteien vergessen dabei ganz schnell ihre Unterschiede.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
Alleine die Anmassung zu behaupten man spreche für 99% oder auch nur die Bevölkerung.
Da war jede Schülerdemo in Frankfurt größer. Es ist einfach lächerlich, welches Medienecho diese oft "altbekannten Verdächtigen" bekommen. Attac und ähnlich unqualifiziert und kenntnislos Argumentierenden wird hier willfährig Hof und Werbung gemacht.
Warum - ganz einfach Politik will immer mehr Geld. Wenn sie es problemlos von einem Sündenbock bekommen kann, greift sie zu. Linkere sowieso und Volksparteien vergessen dabei ganz schnell ihre Unterschiede.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
"Aber Carmen Scharf fehlt etwas. "Wo sind die bloß alle?" fragt sie. Sie meint ihre "Demo-Freunde", die sie sonst immer trifft, wenn sie in Frankfurt auf die Straße geht. "Die haben anscheinend anderes zu tun."
Es ist die zweite Groß-Demonstration gegen die Macht der Banken in Frankfurt. Die Medienberichterstattung im Vorfeld war ausgiebig und zumindest wohlwollend. Doch obwohl vieles darauf hinweist, dass die Mehrheit der Bevölkerung die grundlegenden Anliegen der Proteste teilt, beteiligten sich heute nur geschätzte 5.000 Demonstranten am Marsch durch das Frankfurter Bankenviertel."
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Zur Demo am 15. war die Beteiligung mehr als kläglich.
Gemessen an anderen Demos.
Die Medien schrieben ab diesem Tag, das ist erst der Anfang.
So etwas braucht Zeit usw. Die Artikel stehen hier ja alle.
Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.
Für mich lautet die entscheidende Frage doch:
Was ist das, dass anscheinend oder scheinbar? so viele Bürger so böse sind, sich aber so wenige Bürger in Deutschland für irgendetwas engagieren?
Nochmals in Rom waren es am 15. alleine ca. 100 000.
Dagegen Frankfurt 5000.
Daran hat sich nichts geändert.
Ich denke "die Deutschen" haben längst resigniert.
Sie haben sich der Ohnmacht und der Hilflosigkeit des Bürgers ergeben.
muß man erst mal gekämpft haben. Wer kämpft kann verlieren, aber wer nicht kämpft hat schon verloren. Der deutsche Bürger in seiner Mehrheit ist einfach nicht in der Lage seine eigenen Interessen zu erkennen. Deshalb ist auch diese sogenannte parlamentarische Demokratie die ideale Staatsform für deutsche Bürger. Die Poltiker lassen uns frei wählen, weil sie sicher sein können, dass sich an den bestehenden Machtverhältnissen hinter den Parteien nichts ändert.
P.S. Ich spreche deshalb lieber von parlamentarischer Diktatur.
muß man erst mal gekämpft haben. Wer kämpft kann verlieren, aber wer nicht kämpft hat schon verloren. Der deutsche Bürger in seiner Mehrheit ist einfach nicht in der Lage seine eigenen Interessen zu erkennen. Deshalb ist auch diese sogenannte parlamentarische Demokratie die ideale Staatsform für deutsche Bürger. Die Poltiker lassen uns frei wählen, weil sie sicher sein können, dass sich an den bestehenden Machtverhältnissen hinter den Parteien nichts ändert.
P.S. Ich spreche deshalb lieber von parlamentarischer Diktatur.
muß man erst mal gekämpft haben. Wer kämpft kann verlieren, aber wer nicht kämpft hat schon verloren. Der deutsche Bürger in seiner Mehrheit ist einfach nicht in der Lage seine eigenen Interessen zu erkennen. Deshalb ist auch diese sogenannte parlamentarische Demokratie die ideale Staatsform für deutsche Bürger. Die Poltiker lassen uns frei wählen, weil sie sicher sein können, dass sich an den bestehenden Machtverhältnissen hinter den Parteien nichts ändert.
P.S. Ich spreche deshalb lieber von parlamentarischer Diktatur.
… als wir uns umsehen können. Dies liegt einerseits an der Vereinnahmung eben gerade durch die Parteien, die sich gerade mal wieder „volksnah“ heischen wollen und zum anderen daran, dass die gesamte Bewegung offenbar auch den Kern noch nicht wirklich getroffen hat. Es werden am Ende zu viele Nebenbaustellen aufgemacht. Der zentrale Punkt ist nach meiner Einschätzung ausschließlich unser „Geld-System“, nichts anderes ist die Ursache der gesamten Krise.
Wir reden über exponentielles Geldwachstum aufgrund einer klitzekleinen Formel (die Zinseszinsformel). Alles weitere sind Nebelbomben von allen Seiten die der Zerfaserung der Bewegung bewirken können.
Natürlich kann man den Bogen auch noch ein wenig weiter spannen, kleine Satire dazu: „Banker und Politiker beraten über Niederschlagung der Proteste“ … Link. Wären wir noch vollends von den lauteren Absichten unserer Politiker überzeugt, dann würde ich herzhaft lachen, nur leider mehren sich die Zweifel an diesen Herrschaften von Tag zu Tag, auch die Zweifel an ihrem Sachverstand. Vermutlich fühlen sich deshalb auch immer weniger Menschen korrekt von diesen Politikern vertreten.
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