Ein Protestierer in Miami © Joe Raedle/Getty Images

Auf Seite drei des Occupied Wall Street Journal , einem Magazin der New Yorker Besetzer, steht ein Satz, der wohl besser als jeder andere beschreibt, was die aktuelle Protestwelle ausmacht: "Bei dieser Besetzung geht es zuallererst um Beteiligung", heißt es da. So dezentral und vielfältig wie die Proteste selbst, sind auch die Ziele und Forderungen, für die Menschen, die auf die Straßen gehen oder auf Plätzen ihre Zelte aufschlagen. Auf den Demonstrationen des Wochenendes waren Plakate zu sehen, deren Aussagen sich mitunter sogar widersprachen: Manche wollten Banken gleich ganz abschaffen, während andere nur mehr Moral von ihnen forderten, manche verteufelten alle Politiker, andere kamen mit Parteifahnen.

Strömungen aus den verschiedenen ideologischen Richtungen und Teilen der Welt scheinen in diesen Tagen in ein großes Sammelbecken zu fließen. Ihre Manifeste, Organisationsforen und Diskussionsseiten sind verstreut auf etlichen Websites und sozialen Netzwerken. Es finden sich bis ins Detail ausgearbeitete Forderungen von professionellen Organisationen, aber auch provisorische Texte, hinter denen manchmal nur einzelne Personen stehen.

Die Globalisierungskritiker von Attac etwa, die die Frankfurter Demonstration am Samstag mitorganisiert haben, sehen jetzt die Zeit für die Konzepte gekommen, die sie in den vergangen Jahren ausgearbeitet haben. Die Demo-Profis haben mit ihren Reden die Kundgebungen dominiert. Attac hat bereits im vergangenen Jahr ein "Bankentribunal" veranstaltet und ihre "Bankwechsel Kampagnengruppe" listet 8 konkrete Forderungen auf: Ein TÜV für neue Finanzprodukte findet sich darunter, eine effektive und hohe Finanztransaktionssteuer, unabhängigere Rating-Agenturen und eine Reform des Wirtschaftsrechts. Besonders die Finanztransaktionssteuer war bereits eine Gründungsforderung von Attac, sie tragen sie sogar in ihrem französischen Namen (" association pour la taxation des transactions financières et pour l'action citoyenne ", also "Vereinigung für die Besteuerung von Finanztransaktionen zum Nutzen der Bürger"). Sie listen außerdem Positivkriterien für "vorzeigbare Banken" auf und nennen auch gleich die Institute, die diese Kriterien am ehesten erfüllen . Die Gruppe trifft sich das nächste Mal diesen Samstag in Frankfurt.

"Wir sind alle besorgt und wütend"

Ausgerufen zum weltweiten Aktionstag am vergangen Samstag hatte die spanische Bewegung Democracia real ya! (echte Demokratie jetzt!). Sie hatte im Frühjahr den Platz Puerta del Sol in Madrid besetzt, um gegen die Chancenlosigkeit der Jugend zu demonstrieren. Ihr Manifest stellt klar, dass sie sich keiner politischen Partei, keiner Altersklasse oder sozialen Schicht verpflichtet fühlen. Was sie eint, beschreiben sie so: "Wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich um uns herum präsentiert: Die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- und sprachlos." Die Gesellschaft müsse Grundrechte gewähren, beispielsweise auf Wohnung, Arbeit und politische Teilhabe. Die Regierung und das Wirtschaftssystem würden einem Fortschritt im Sinne dieser Rechte aber im Wege stehen.

In Deutschland scheinen viele der alteingesessenen Polit-Aktivisten von der neuen, dezentralen Protestwelle überrascht bis irritiert zu sein. Die linke "Partei für soziale Gleichheit", die eng mit der World Socialist Web Site verbunden ist, versuchte am Wochenende, die Bewegung für sich zu nutzen. Sie schrieb auf Flugblättern, der Protest bringe "die Feindschaft der Arbeiterklasse gegen die Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums in den Händen einer kleinen Finanz- und Wirtschaftselite – des 'einen Prozents' – zum Ausdruck." Und geradezu flehentlich klingt ihr Appell: "Eine gründliche Diskussion über Fragen des politischen Programms, der Strategie und der Taktik ist nötig."

Keine Zeit zum Schreiben der Manifeste

Ähnliches klingt bei der interventionistischen Linken durch, die die Proteste unterstützt, "obwohl uns wie allen anderen bis dahin kaum Zeit bleibt zur Vorbereitung der Aktionen, zum Schreiben der Manifeste, zur eigenen Aussprache über mögliche Forderungen, Losungen oder Erkennungsworte", wie sie in einem "Dokument einer Positionssuche" schreiben. Aber man sehe keinen Grund, das "Wagnis" zu scheuen.

Aufgerufen zu der Besetzung der Wall Street hatte im Juli ursprünglich das kanadische Magazin adbusters , das sich direkt auf die Ereignisse des arabischen Frühlings bezog, als es fragte: " Bist du bereit für einen Tahrir-Moment? ". Im August schloss sich das Anonymous-Kollektiv an, das bis dahin vor allem mit Hacker-Angriffen auf sich aufmerksam gemacht hatte. In einem Video verkündeten sie: "Der Missbrauch und die Korruption durch Banken, Unternehmen und Regierungen endet hier." Die Masken, die den Anonymous-Anhängern als Erkennungszeichen dienen, trugen auch viele deutsche Demonstranten.