WeltaidstagPositiv über HIV reden

Matthias Gerschwitz ist seit 18 Jahren HIV-positiv. Er hat ein Buch über sein Leben mit dem Virus geschrieben. Es geht um Mitgefühl und Vorurteile unserer Gesellschaft. von Michael Santen

Vorbereitungen auf den Weltaidstag in Taipeh

Vorbereitungen auf den Weltaidstag in Taipeh  |  © PATRICK LIN/AFP/Getty Images

Vor knapp 18 Jahren erfuhr Matthias Gerschwitz, dass er HIV-positiv ist. Der 52-Jährige erinnert sich an diesen kalten, tristen Tag Anfang 1994, als wäre es letzte Woche gewesen.

"Ich fühlte mich damals ziemlich unwohl", sagt der gebürtige Wuppertaler, "deshalb hatte ich mir im Branchenbuch einfach einen Arzt 'um die Ecke' rausgesucht." Gerschwitz bat den Arzt spontan, er solle etwas Blut abzapfen, um einen HIV-Test zu machen. Gerschwitz ist homosexuell und gehört damit neben Drogenabhängigen zur Haupt-Risikogruppe.

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Damals, in jenem Januar 1994, stellte Aids schon mehr als zehn Jahre lang eine Bedrohung dar. Stars wie Schauspieler Rock Hudson (1985) und "Queen"-Sänger Freddie Mercury (1991) waren die prominentesten Opfer. "Obwohl ich um die Gefahren wusste, hatte ich mich nur halbherzig geschützt – mal ja, mal nein, je nach Situation und Laune", sagt Gerschwitz. "Ich war in meinem Leben immer irgendwie auf die Füße gefallen. Und so hab’ ich auch hier auf mein Glück vertraut."

Deshalb traf ihn eine Woche später das Untersuchungsergebnis wie ein Schlag: "Herr Gerschwitz, es tut mir leid, Sie sind HIV-positiv!". Heute sagt er: "Viele – und weiß Gott nicht nur Schwule –, auch viele Ehemänner, die fremdgehen, haben diese fatale, leichtsinnige Einstellung: Warum soll es gerade mich treffen?".

Die Immunschwäche-Krankheit Aids, die erst ausbricht, wenn das Immunsystem des HIV-Infizierten zusammenbricht, forderte in Deutschland auch 2010 noch etwa 550 Todesopfer. Insgesamt sind rund 70.000 Menschen hierzulande mit HIV infiziert, 30.000 mehr als noch vor acht Jahren. Jedes Jahr, so stellte das Robert-Koch-Institut fest, kommen trotz aller Aufklärungskampagnen, Warnungen und Appelle rund 3.000 Neuinfizierte dazu.

Matthias Gerschwitz
Matthias Gerschwitz

Bei den Münchner Aids-Tagen bekam der Wahl-Berliner den Annemarie-Madison-Preis verliehen, benannt nach der im letzten Jahr 89-jährig verstorbenen Aids-Aktivistin aus San Francisco. Gerschwitz ist auch als Botschafter des Bundesgesundheitsministeriums für den Weltaidstag am 1. Dezember aktiv, geht zu Lesungen mit seinem Buch in Schulen, Buchläden, Weiterbildungszentren und sogar Haftanstalten im ganzen Bundesgebiet.

Man kann die HIV-Infektion durch eine Therapie zwar in Schach halten, aber heilen kann man sie bis heute nicht. Gerschwitz nahm anfänglich 50 Tabletten täglich, heute sind es "nur" noch zehn, die kosten aber stolze 2.000 Euro pro Monat. Außerdem hat die Behandlung viele körperliche und seelische Nebenwirkungen.

Umso erstaunlicher, dass HIV und Aids im öffentlichen Bewusstsein weniger stattfindet als noch vor zehn Jahren. Matthias Gerschwitz sagt: "Die einen finden den Nervenkitzel toll, ungeschützten Sex zu haben. Andere sagen, Sex mit Kondom sei etwas für Weicheier. Es ist wirklich erschreckend, was ich zu dem Thema alles höre und in Internet-Foren lese. Diese Gleichgültigkeit ist unfassbar. Halbwüchsige Kinder von Bekannten redeten kürzlich über Sex, als gäbe es überhaupt keine Geschlechtskrankheiten."

Leserkommentare
  1. 15.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland alleine an "Klinikinfektionen" (da ist "Ärztepfusch" noch garnicht mit eingerechnet). Das ist also etwa die 27-fache Menge der Toten durch AIDS im selben Zeitraum und immerhin noch etwa die 5-fache Menge der HIV-Neuinfektionen, wobei (nach 30 Jahren!) noch nicht einmal zweifelsfrei bewiesen ist, das HIV überhaupt zwingend AIDS verursacht.

    Nicht mal 2 AIDS-Tote pro Tag in Deutschland stehen also mehr als 40 Toten pro Tag durch Klinikinfektionen gegenüber. Selbst im Strassenverkehr sterben noch um die 14 Menschen pro Tag! Durch NACHGEWIESENEN Ärztepfusch gehen täglich um die 5 Personen drauf (die Dunkelziffer liegt vermutlich weit höher).

    Schon diese Zahlen machen klar: AIDS ist keine Epidemie. Die modernen Krankenhäuser und die moderne Medizin sind eine. Was AIDS am ganzen Tag an Toten schafft, machen unserer Krankenhäuser locker in der Mittagspause.

    Man kann also durchaus positiv über AIDS sprechen. Unsere Krankenhäuser und unser Strassenverkehr stellen die schlimmere "Epidemie" dar.

    Eine Leserempfehlung
    • Hagmar
    • 06. November 2012 20:18 Uhr

    Ihre Zahlenvergleiche in Ehren, natürlich sind das alles mengenmässig "grössere" Probleme. Wenn Sie dringend ins Krankenhaus müssen, bleibt ihnen nur, zu beten, dass sie die multiresistenen Keime nicht auffangen, sie sind schutzlos. Im Strassenverkehr können sie selbst noch so vernünftig sein, über die anderen Teilnehmer haben sie keine Kontrolle. Ärztepfusch ist menschliches Versagen, dem sie auch mehr oder weniger augeliefert sind.
    Vor Ansteckung mit dem HIV-Viurs hingegen kann man sich erfolgreich schützen und deshalb ist jegliche Aufklärung, Kampagne etc. sinnvoll. Man ist dem HIV-Virus nicht hilflos ausgeliefert. Das ist der eklatante Unterschied zu den von Ihnen angestellten Vergleichen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte HIV | Aids | Branchenbuch | Freddie Mercury | Kondom | Robert Koch-Institut
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